Dem Geheimnis der Fettzellen auf der Spur

30.04.2019 von Ines Godazgar in Im Fokus, Forschung
Prof. Dr. Martin Gericke erforscht Entzündungsreaktionen im Gewebe bei Adipositas. Er geht auch der Frage nach, warum nicht alle fettleibigen Menschen an typischen und mit Übergewicht assoziierten Wohlstandserkrankungen erkranken.
Martin Gericke im Hörsaal der Anatomie
Martin Gericke im Hörsaal der Anatomie (Foto: Maike Glöckner)

Mehr als die Hälfte der Menschen in Westeuropa sind übergewichtig. Und etwa zwanzig Prozent von ihnen leiden unter Adipositas, auch Fettleibigkeit genannt. Diese Zahlen sind dramatisch. „Die Internationale Weltgesundheitsorganisation WHO erwägt inzwischen, die statistische Lebenserwartung in den westlichen Ländern nach unten zu korrigieren“, sagt Prof. Dr. Martin Gericke vom Institut für Anatomie und Zellbiologie.

Der 34-jährige Mediziner kam 2018 aus Leipzig an die MLU, wo er seither eine Professur für Molekulare Anatomie innehat. Seit seiner Promotion befasst er sich intensiv mit Fettzellen. Zum Beispiel geht er der Frage nach, warum nicht alle fettleibigen Menschen an typischen und mit Übergewicht assoziierten Wohlstandserkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes erkranken.

„Grundsätzlich“, so Gericke, „gibt es auch stark übergewichtige Menschen, die erstaunlich gesund sind.“ Die Vermutung: Bei der Frage, wer krank wird und wer nicht, spielt das Immunsystem eine gewichtige Rolle. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass eine Entzündung im Fettgewebe zur Erkrankung führt. „Tückisch ist dabei vor allem, dass diese Entzündung zwar im Körper nachweisbar ist, die Patienten davon jedoch nichts spüren“, erklärt Gericke.

Aus diesem Grund sucht er mit seiner Arbeitsgruppe nach Lösungen, wie man diese Entzündungsreaktion günstig beeinflussen kann. Denn wer es nicht aus eigener Kraft schafft, dauerhaft Gewicht zu reduzieren und damit seinen Gesundheitszustand zu verbessern, nutzt inzwischen vor allem operative Verfahren wie zum Beispiel die Magenverkleinerung. Ein Verfahren, das zwar Wirkung zeigt, jedoch auch Risiken birgt.

Grundlage für Gerickes Forschung sind einerseits Studien, die anhand von Patientendaten erhoben werden. Aber auch die experimentelle Arbeit spielt eine gewichtige Rolle. Das dafür eigens neu eingerichtete Labor ist nach Gerickes Umzug nach Halle derzeit noch im Aufbau.

Noch während seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig hat er ein Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe man lebende Fettzellen mikroskopieren kann. So lässt sich beobachten, wie die Interaktion von Fettzellen mit Zellen des Immunsystems vonstatten geht. Live Imaging nennt sich dieses aufwändige Verfahren, bei dem es eine besondere Herausforderung ist, den gesamten Prozess unter dem Mikroskop anhand von lebenden Zellen zu beobachten. Gericke: „Langsam beginnen wir zu verstehen, wie das Immunsystem sterbende Zellen erkennen und abtransportieren kann.“ Rund zehn Prozent der Fettzellen werden pro Jahr im Körper abgebaut. Wie genau das funktioniert, sei bisher weitestgehend ungeklärt.

Ein Ziel von Gerickes Grundlagenforschung sei es, später ein Medikament zu entwickeln, das die Entzündungsreaktion im Fettgewebe dämpft. „Unsere Arbeit ist also für die Pharmaindustrie durchaus von Interesse.“
 

Prof. Dr. Martin Gericke
Institut für Anatomie und Zellbiologie
Tel.: +49 345 55-71708
E-Mail: martin.gericke@medizin.uni-halle.de

Schlagwörter

Medizin

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