Wissenstransfer: Fluch oder Segen? – Disputation in Wittenberg

04.11.2019 von Katrin Löwe in Varia, Wissenschaft
In welchem Zustand befinden sich Wissenschaftskommunikation und –transfer? Droht das Vertrauen der Bevölkerung in Wissenschaft zu sinken? Über Diagnose und mögliche Therapien wurde auf der traditionellen Disputation der Uni Halle am Reformationstag in Wittenberg gestritten.
Traditionell zog der Akademische Senat durch die Collegienstraße vom Rathaus zur Leucorea.
Traditionell zog der Akademische Senat durch die Collegienstraße vom Rathaus zur Leucorea. (Foto: Maike Glöckner)

Schlechtes Wetter zum Reformationstag? Nicht in der Lutherstadt Wittenberg: Auch in diesem Jahr drohten die Talare der Mitglieder des Akademischen Senats nicht nass zu werden. Bei strahlendem Sonnenschein zog dieser am vergangenen Donnerstag vom Rathaus zur Leucorea, wo einmal mehr die Disputation stattfand. Zum 26. Mal stritten die Disputanten in Wittenberg zu einem aktuellen Thema, das da diesmal lautete: „Wissenstransfer: Fluch oder Segen für die Wissenschaft“. Bevor Moderatorin Prof. Dr. Petra Dobner das wissenschaftliche Streitgespräch eröffnete, erinnerte Rektor Prof. Dr. Christian Tietje in seiner Begrüßungsrede noch einmal an die Bedeutung der Talare aus historischer und heutiger Sicht – in einer Spanne vom einstigen Schutz gegen Kälte über die Betonung der Eigenständigkeit der Universität bis hin zur Verbundenheit der Uni mit der Stadt Wittenberg, die den Umzug in Talaren so bedeutsam mache.

 

„Öffentlichkeitsarbeit und damit eben Wissenstransfer sind immer zentral für die Universität in ihrer gesellschaftlichen Integration“, sagte Tietje dann auf das diesjährige Thema bezogen. Nach weiteren Begrüßungen durch Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör und den Stiftungsdirektor der Leucorea Prof. Dr. Ernst-Joachim Waschke war es Jens Rehländer, Leiter Kommunikation der VolkswagenStiftung Hannover, der fünf kontroverse Thesen zur Diskussion stellte.  „Wer Wissenschaft vermittelt, wird vom Wissenschaftssystem bestraft“, lautete eine davon. Rehländer erinnerte an ein Memorandum, mit dem sich Forschungs- und Hochschulorganisationen selbst vor 20 Jahren zu proaktiver Öffentlichkeitsarbeit aufgefordert haben – und das ein Anreizsystem verhieß, in dem erfolgreicher Wissenstransfer als Reputationsmerkmal etabliert und bei der Vergabe von Fördermitteln berücksichtigt werden sollte.  „20 Jahre später kann man festhalten: Es gibt bis auf Ausnahmen kein strukturiertes Belohnungssystem“, so der PR-Mann. Aus den einstigen Bündnispartnern seien Rivalen geworden „beim politisch gewollten Wettlauf um Reputation, Rankings und finanzielle Ressourcen aus öffentlicher Hand“. Forscherinnen und Forscher, die sich in der Wissenschaftskommunikation engagieren, müssten heute im schlimmsten Fall mit Missbilligung durch Kolleginnen und Kollegen rechnen. Wer in Interviews Fachjargon so herunterbreche, dass auch Laien folgen können, mache sich der „nichtstandesgemäßen Profanisierung schuldig“, wer in Talkshows Rede und Antwort stehe, werde im Flurfunk auch mal Medienhure genannt. „Einzelfälle, kein Zweifel, aber sie kommen vor“, so Rehländer.

Wissenschaft sollte nicht nach Argumenten suchen, sich fachfremdes Publikum vom Hals zu halten, forderte der Disputant. Anderenfalls mache sie sich elitär, Populisten schlügen Kapital aus einer solchen Haltung. Rehländer warnte in einer dritten These vor einem Vertrauensverlust der Bevölkerung in Wissenschaft, auch wenn dieser bisher empirisch nicht nachgewiesen worden sei. Und: Wissenschafts-PR werde – statt informiertes Wissen zu verbreiten, im Wettbewerb um Drittmittel dazu missbraucht, ihre Heimatinstitutionen zu verherrlichen, auf dem Markt um Talente zu konkurrieren. „Wissenschafts-PR braucht mehr Macht“, lautete schließlich die letzte These Rehländers. Die Begeisterung für Wissenstransfer zu entfachen, sei den PR-Abteilungen aufgebürdet worden – sie bräuchten dafür mehr Entscheidungskompetenzen, mehr Respekt, mehr Wertschätzung. „Denn der Kampf um Aufmerksamkeit wird härter, die Zahl der Gegner, zumal in den sozialen Medien, wächst. Und das Wissenschaftssystem ist aktuell nicht in der Lage, überzeugend zu agieren, sobald Glaubwürdigkeit massiv herausgefordert wird.“

Der hallesche Jurist Dr. Timo Faltus, Koordinator des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojekts „GenomELECTION“, widersprach: Wissenschaft und Wissenschafts-PR hätten sich etwa redlich gemüht, auf die Handhabbarkeit gentechnisch veränderter Pflanzen hinzuweisen, sagte er. Dennoch bestehe in der Bevölkerung unverändert eine generelle Abneigung. „Wir können nur Informationsangebote machen“, sagte er – nicht aber die Öffentlichkeit zwingen, sie anzunehmen. Welche Macht solle der Wissenschafts-PR gegeben werden, um gegen eine technologiefeindliche Einstellung, gegen Fake-News und wissenschaftspolitische Agitatoren anzuarbeiten, fragte er. Die Partizipation der Bevölkerung werde im Übrigen gefördert, sagte er mit Blick auf die so genannte Citizen Science, bei der Bürger mit Wissenschaftlern gemeinsam in Forschungsprojekten arbeiten.

MLU-Soziologe Prof. Dr. Reinhold Sackmann machte anhand historischer deutscher und eines aktuellen Beispiels aus der Politik und Sozialwissenschaft in Ungarn deutlich, dass man noch immer gezwungen sei, Wissenschaftsfreiheit gegen ihre Feinde zu verteidigen. Der Mannheimer Medienwissenschaftler Prof. Dr. Matthias Kohring gab Rehländer zwar Recht, dass die Rolle der Wissenschafts-PR hierarchisch unterbewertet sei. Er widersprach jedoch in anderen Punkten: Nicht nur gäben die Werte tatsächlich keine Wissenschaftsfeindlichkeit in der Bevölkerung her. „Ich bin der Ansicht, dass diese Feindlichkeit nicht existiert. Kein anderer Gesellschaftsbereich kann sich auf eine derartige Akzeptanz stützen“, sagte er. Wenn Befragte eines von Rehländer zitierten Wissenschaftsbarometers einen zu hohen Einfluss von Wirtschaft und Politik sehen, könne zwar Vertrauen sinken. Das sei aber nicht das eigentliche Problem, vielmehr müsse man schauen, wo der Vorwurf vielleicht berechtigt sei. „Es gibt einen von der Politik angeheizten Wettbewerb um dringend notwendige Finanzen bei offenkundig mangelnder Grundfinanzierung.“ Man sollte daher nicht beim Symptom ansetzen, sondern die Ursachen angehen, so Kohring.

Diskutiert wurde – zum Teil mit Publikumsbeteiligung – auch über unterschiedliche Nöte und Herausforderungen des Wissenstransfers aus der Sicht verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, über unterschiedliche Adressaten von Wissenschaftskommunikation, über die Notwendigkeit von Vertrauen in einer von Arbeitsteilung geprägten Gesellschaft oder kritischen Wissenschaftsjournalismus. Jens Rehländer schlug in seinem Abschluss-Statement schließlich vor, Wissenschaftskommunikation in der Lehre zum Teil des Curriculums zu machen.

 

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