Frühe Netzwerke

21.10.2019 von Katrin Löwe in Im Fokus, Wissenschaft, Forschung
Prof. Dr. François Bertemes hat acht Jahre lang Forschungen zum Kontext der Himmelsscheibe von Nebra koordiniert. Nach dem Fund der Scheibe haben Archäologen völlig neue Sichtweisen auf das Leben in der Frühbronzezeit entwickelt.
Archäologe François Bertemes im Depot des Instituts
Archäologe François Bertemes im Depot des Instituts (Foto: Maike Glöckner)

In der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. waren die Menschen viel umtriebiger als gedacht. „Sie hatten weitreichende Netzwerke, Kontrakte zur Ägäis, nach Skandinavien, zu den britischen Inseln“, sagt Prof. Dr. François Bertemes vom Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas. „Früher gab es die Einstellung, dass Menschen in dieser Zeit unter einer regionalen Käseglocke lebten“, so der Archäologe. Das sei heute anders – vielmehr werde die Forschung nun dadurch vorangetrieben, internationale Bezüge festzustellen.

Die zentrale Erkenntnis zum damaligen Leben der Menschen entstammt langer Forschungsarbeit zum Kontext der Himmelsscheibe von Nebra. Von 2004 bis 2012 war Bertemes Sprecher und Koordinator einer Forschungsgruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Archäologen haben dabei zum Beispiel erstmals ein Zentralarchiv für alle Funde aus dieser Zeit in Mitteldeutschland aufgebaut, abertausende stammen aus diversen Museen. So könne man besser verstehen, wo Menschen gesiedelt und wie sich Siedlungslandschaften verändert haben, so Bertemes. Bei Grabungen in der Region konzentrierte sich sein Team auf Kreisgräben. Herausgefunden hat es, dass vier in die Aunjetitzer Kultur, die Zeit der Himmelsscheibe, einzuordnen sind. Ausgegraben werden konnte mit den DFG-Mitteln die Kreisgrabenanlage von Pömmelte (Salzlandkreis), ein überregional wirkendes Heiligtum, wie man heute weiß. Festgestellte Rituale, vermutlich Opferungen von Kindern und Frauen, Bestattungen und Deponierungen: „Wir konnten viel über die Ideologie der Zeit und die Glaubensvorstellungen der Menschen herausfinden.“ Grabungen weiterer Archäologen hätten zudem gezeigt, dass es zu dieser Zeit in der Region keine Burgen oder ähnliche Befestigungen gab, so Bertemes. „Das spricht für sehr straff organisierte politische Systeme“ – in denen sich Eliten sicher fühlten.

Für die Wissenschaft war die Himmelsscheibe als Ausgangspunkt für die umfangreichen Forschungsarbeiten also Gold wert, nicht nur, weil auf ihr tatsächlich welches angebracht war, dessen Spur bis nach Cornwall führte. Gold war damals übrigens nicht nur unter dem Aspekt für Prestige und gesellschaftlichen Rang zu sehen, sondern auch symbolisch. Bei Indogermanen, mit denen in der Frühbronzezeit in Mitteldeutschland zu rechnen ist, habe die Sonne eine große Rolle gespielt und damit auch Gold als Symbol für die Sonne, so Bertemes.  

Beendet ist die Forschung rund um die Himmelsscheibe freilich nicht: Nahe des Heiligtums bei Pömmelte wurde gerade eine mehr als 4.000 Jahre alte Siedlung entdeckt. Wissenschaftler, auch der MLU, gehen zudem der Frage nach, wie das aus Ägypten und Mesopotamien stammende astronomische Wissen, das auf der Scheibe dargestellt ist, nach Mitteleuropa gelangte. Grabungen dazu in der Türkei sollen noch 2019 abgeschlossen werden, eine erste Expedition führte Wissenschaftler zudem gerade nach Italien.

Prof. Dr. François Bertemes
Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas
Tel. +49 345 55-24059
Mail: francois.bertemes@praehist.uni-halle.de

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