„Wenn Antworten fehlen, tun die Leute, was sie für richtig halten“

14.05.2020 von Matthias Münch in Wissenschaft, Forschung
Seit 2018 kämpft die Demokratische Republik Kongo gegen Ebola. Jetzt erreicht die Corona-Pandemie das zentralafrikanische Land. Wiegt das Erbe nun doppelt schwer – oder sind die Menschen durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre sogar besser gewappnet? Und kann Deutschland bei der Bewältigung von Covid-19 von den Ebola-Epidemien in Afrika lernen? Im Interview gibt Dr. Sung-Joon Park, Ethnologe an der MLU, Antworten auf diese Fragen.
Dr. Sung-Joon Park erforscht die Folgen der Ebola-Epidemien in Westafrika.
Dr. Sung-Joon Park erforscht die Folgen der Ebola-Epidemien in Westafrika. (Foto: Maike Glöckner)

Seit 2014 hat es zwei große Ebola-Ausbrüche in Afrika gegeben. Können Sie kurz das Ausmaß der Epidemien schildern?
Sung-Joon Park: Die erste und zugleich größte Ebola-Epidemie brach 2014 in Westafrika aus – zunächst in Guinea, von wo aus das Virus sich nach Sierra Leone, Liberia, Nigeria, Mali und den Senegal ausbreitete. 2018 kam es dann zu einem zweiten großen Ausbruch, und zwar im Osten der Demokratischen Republik Kongo, der bis heute andauert. Insgesamt sind während dieser Epidemien über 30.000 Menschen nachweislich am Ebolafieber erkrankt und mehr als 13.000 gestorben. Das Verhältnis zwischen der Zahl der Infizierten und der Toten macht die Gefährlichkeit des Ebola-Erregers deutlich.

Sie haben in zwei Forschungsprojekten untersucht, wodurch die Bekämpfung der Epidemien besonders erschwert wurde. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?
Wir sind nach den Ausbrüchen 2014 und 2018 in die betroffenen Regionen gefahren und haben mit den Menschen gesprochen. In unseren Forschungsprojekten untersuchen wir, wie Misstrauen in die Maßnahmen zur Ebola-Bekämpfung entsteht und welche Rolle Vertrauen in das Gesundheitssystem spielt. Während einer Krise ist das Vertrauen in staatliche Einrichtungen sehr gering, auch aus Angst, sich dort anzustecken. Die Meidung dieser Einrichtungen führt Menschen in private Kliniken, Apotheken oder auch kirchliche Einrichtungen, die dadurch zu Infektionsherden werden. Sobald sich die Standards in den Krankenhäusern allerdings verbessern, steigt auch die Zahl der Besucher rapide. Und je mehr Menschen, egal mit welchen Symptomen, in die Krankenhäuser kommen, umso schneller können Ebola-Infektionen erkannt und behandelt werden.

Ist es denn gelungen, Vertrauen zu schaffen und Ängste zu überwinden?
Es hat in der Tat verschiedene Anpassungen und auch ein Umdenken bei den humanitären Gesundheitsorganisationen gegeben, das zu mehr Vertrauen und Akzeptanz in der Bevölkerung geführt hat. Während der Epidemie in den westafrikanischen Ländern war die Intervention extrem. Internationale Gesundheitsorganisationen waren nicht auf die hohen Infektionszahlen vorbereitet. Die Behandlungs- und Isolationszentren waren schnell überlastet. Insbesondere auf dem Höhepunkt der Epidemie waren Menschen in diesen Zentren sich selbst überlassen. Selbst humanitären Organisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" sind Zweifel am generellen Ansatz zur Isolation gekommen. Im Kongo hat man dann sogenannte Cubes errichtet. Das sind Einrichtungen mit Kammern aus transparenten Kunststoffwänden, die den Ärzten eine individuelle Versorgung ermöglichen und Verwandten den Besuch ihrer Angehörigen erleichtern.

Eine weitere wesentliche und erfolgreiche Änderung war die Dezentralisierung der Versorgung. Grob gesprochen werden lokale Krankenhäuser dabei unterstützt, Verdachtsfälle zu isolieren und zu testen, was vorher nur in speziellen Ebola-Behandlungszentren gemacht wurde. Wichtig war und ist aber auch, nicht nur fremde Ärzte und Pflegekräfte einzusetzen, sondern vor allem lokales Personal einzubeziehen. Durch die größere Nähe zu den Gemeinden konnten Skepsis und Misstrauen gegenüber der Ebola-Intervention abgebaut werden.

„Was den Menschen gefehlt hat, sind differenzierte und plausible Antworten auf individuelle und lebensweltliche Probleme.“ - Sung-Joon Park

 

Auch wir kämpfen aktuell gegen eine Epidemie. Gibt es Parallelen zwischen Covid-19 in Deutschland und Ebola in Afrika?
Es gibt Parallelen, aber auch große Unterschiede. Zunächst einmal verfügt Deutschland über ein besser ausgebautes Gesundheitssystem und über mehr Ärzte und Krankenschwestern. Im Kongo kann die Errichtung einer öffentlichen Toilette für die Besucher der Versorgungszentren bereits als nicht überlebenswichtiger Luxus abgetan werden, was bei Wartezeiten von mehreren Stunden jedoch kaum nachzuvollziehen ist. Andererseits haben wir auch in Deutschland gesehen, wie schnell es zu Engpässen kommen kann, etwa bei der Schutzausrüstung. Infrastrukturen sind enorm wichtig und verschieden.

Ein großes Problem ist es, wenn die getroffenen Entscheidungen und Maßnahmen inkohärent erscheinen und nicht angemessen kommuniziert werden. Im Kongo wurden zum Beispiel stark vereinfachte Botschaften gesendet, etwa dass kein Bushmeat - Fleisch von Wildtieren - gegessen werden sollte, da dies ein Übertragungsweg der Krankheit von Tieren zu Menschen sein könnte. Das ist grundsätzlich richtig, spielt aber bei einer fortschreitenden Epidemie eine geringere Rolle. Was den Menschen gefehlt hat, sind differenzierte und plausible Antworten auf individuelle und lebensweltliche Probleme, und wenn diese Antworten fehlen, dann beginnen die Leute an der Glaubwürdigkeit der Intervention zu zweifeln und tun, was sie für richtig halten.

Das passiert auch in Deutschland...
Ja, hier sehe ich durchaus Parallelen zu Covid-19 in Deutschland: Manche Bürger empfinden die Aussagen zur Wirksamkeit von Maßnahmen widersprüchlich – nehmen Sie als Beispiel das Tragen von Schutzmasken. Problematisch ist aber auch, dass die sozialen und wirtschaftlichen Kosten der Maßnahmen zum Schutz der Allgemeinheit ungleich verteilt sind. Diese Maßnahmen machen nicht zuletzt auch bestehende soziale Ungleichheiten sichtbar oder verstärken sie sogar. Für mich als Ethnologen ist interessant, wie unter Bedingungen der Unsicherheit gelernt wird. Wie bei Ebola-Epidemien werden auch Covid-19-Maßnahmen nachgebessert und nachjustiert. Dabei spielen Vergleiche mit anderen Ländern oder anderen Epidemien eine wichtige Rolle – allerdings müssen wir immer genau schauen, was da verglichen wird.

Zum Beispiel?
Man darf nicht unberücksichtigt lassen, dass das Ebolafieber bei der 2018 ausgebrochenen Epidemie im Kongo bereits gut erforscht war und es wirksame Medikamente und einen Impfstoff gab. Dadurch gab es einen gewissen Spielraum für das „Experimentieren“ mit neuen Maßnahmen, den es bei vorherigen Epidemien nicht gab. Über Covid-19 wissen wir bislang relativ wenig. Es ist immer schwierig zu entscheiden, wie mit einer unbekannten Gefahr umgegangen werden soll. Dennoch ist es wichtig, die Bürgerinnen und Bürger nicht zu entmündigen.

Bei all dem spielt natürlich auch die Geschichte eines Landes eine wichtige Rolle. Es wird derzeit intensiv diskutiert, ob ein Trackingsystem via Handy-Ortung, das in Südkorea oder Taiwan eingesetzt wird, auch in Deutschland denkbar wäre. Interessant ist, dass sowohl in Südkorea als auch in Deutschland gefragt wird, ob die Einschränkung demokratischer Grundrechte gerechtfertigt ist. Die Antworten auf diese Frage sind in beiden Ländern stark geprägt von geschichtlichen Erfahrungen und den gesellschaftlichen Erwartungen, die sich daraus ergeben.

Gibt es auch Erfahrungen mit Ebola, die uns im Kampf gegen Corona helfen könnten?
Ich denke, dass wir vor allem lernen müssen, dass jede Epidemie anders ist. Selbst zwischen den Ebola-Ausbrüchen 2014 und 2018 gab es gravierende Unterschiede. Es scheint aber eine Tendenz zu geben, dass diese Ausbrüche größer werden und länger andauern. Virologen vermuten, dass dies mit der erhöhten Mobilität der Menschen zu tun hat. Mobilität wiederum spielt auch bei der rasanten Ausbreitung von Covid-19 eine wichtige Rolle. Ich denke, dass wir viel allgemeiner fragen müssen, welche Erfahrungen wichtig und hilfreich für die Antwort auf zukünftige Ausbrüche zoonotischer Krankheiten sind. Angesichts der Dimensionen, über die wir sprechen, braucht es eine weltweite Zusammenarbeit. Ich bin zum Beispiel sehr beeindruckt, wie effektiv und verhältnismäßig schnell die internationale Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Therapien und Impfstoffen ist. Aktuell gewinnt man aber auch den Eindruck, dass in der Krise die nationalen Interessen in den Mittelpunkt rücken und die Solidarität von Gemeinschaften gefährdet ist, was man beispielsweise an der Diskussion über die Bewältigung der Schuldenlast in Europa sieht.

Werfen wir abschließend nochmals den Blick nach Afrika, wo sich das Corona-Virus aktuell ausbreitet. Wie gehen die Menschen dort damit um?
Ich stehe im regelmäßigen Kontakt mit meinen Kollegen in der Demokratischen Republik Kongo und mein Eindruck ist, dass die Menschen Covid-19 sehr ernst nehmen. Zwar hat die Regierung in Kinshasa anfangs zögerlich auf die Bedrohung reagiert, was zu Unsicherheit und zum Teil auch zu Panik geführt hat. Inzwischen aber gibt es landesweit Maßnahmen zur Beschränkung der Mobilität und zur Förderung der Hygiene sowie eine gezielte Quarantäne von Covid-19-Infizierten. Auch die Führung durch den renommierten Epidemiologen Jean-Jacques Muyembe, der bereits für die Ebola-Maßnahmen verantwortlich war, scheint erheblich dazu beizutragen, dass die Menschen der Regierung vertrauen.

Vieles deutet darauf hin, dass die Erfahrung mit Ebola und die entsprechende Infrastruktur die Umsetzung der Maßnahmen im Kampf gegen Corona beschleunigt hat. Grundsätzliche Hygienemaßnahmen müssen nicht mehr aufwendig erklärt werden. All das legt nahe, dass die Ebola-Epidemie tatsächlich das Bewusstsein für Abwehrmaßnahmen geschärft und die Akzeptanz erhöht hat. Natürlich haben meine Kollegen und Bekannte in der DR Kongo und anderen afrikanischen Ländern die Ereignisse in Europa genau verfolgt. Zum einen sind sie sich der möglichen katastrophalen Folgen bewusst, zum anderen stehen sie der pauschalen Unterstellung, der afrikanische Kontinent würde in die nächste Katastrophe schlittern, skeptisch gegenüber. Wir werden jedenfalls auch in Zukunft zusammen an diesen und anderen Fragen arbeiten.

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