Sprechen ohne zu schreien

19.11.2019 von Ronja Münch in Wissenschaft, Varia
Warum hat sich Sprache so radikalisiert? Warum schreiben Menschen im Internet Dinge, die sie offline nie aussprechen würden? Und was macht das mit der Gesellschaft? Darüber diskutierten am Montagabend Vertreter aus Politik und Wissenschaft unter dem Titel „Wie wir heute über konflikthafte Themen in Politik und Gesellschaft sprechen“. Eingeladen hatten die Sprechwissenschaft der Universität und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
Das Podium bei der Veranstaltung im Rahmen der Kleine Fächer-Wochen
Das Podium bei der Veranstaltung im Rahmen der Kleine Fächer-Wochen (Foto: Johannes Mengel/Leopoldina)

Für sie sei es unerträglich zu sehen, wie sich die Kommunikation entwickelt habe, sagte Prof. Dr. Susanne Voigt-Zimmermann. Seit 2017 ist sie Direktorin der Abteilung Sprechwissenschaft und Phonetik an der MLU. Im Rahmen der „Kleine Fächer-Wochen“ hat sie die Podiumsdiskussion im Vortragssaal der Leopoldina organisiert. Es müssten alle sagen können, was sie meinen, aber es brauche einen Konsens, wie miteinander gesprochen wird, betonte die Wissenschaftlerin in dem voll besetzten Saal. In diesem Punkt stimmten ihr die Teilnehmer der Diskussion zu. Und auch darin, dass sich die Sprache, insbesondere in sozialen Medien, radikalisiert habe. „Wieso setzen wir uns nur noch schreiend auseinander?“, brachte Moderatorin Anja Heyde vom MDR die Frage des Abends auf den Punkt. Über die Ursachen für diese Verrohung herrschte jedoch Uneinigkeit.

Dr. Christoph Bergner von der CDU, ehemaliger Ministerpräsident Sachsen-Anhalts und Bundestagsabgeordneter, sieht die Schuld vor allem in einem Wahrnehmungswettbewerb in den sozialen Medien. Zu Beginn seiner politischen Laufbahn während der Wendezeit sei trotz der vielen Konflikte gesittet miteinander gesprochen worden. Heutzutage versuchten Leute mit blauen Haaren Aufmerksamkeit zu erregen, sagte er in Anspielung auf den Youtuber Rezo, der mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ Aufsehen erregte. Es sei außerdem „im Moment ausgesprochen schwer, eine konservative Meinung zu artikulieren“, so Bergner. Es würden schnell „Ketzerhüte“ verteilt.

Rezo habe nicht wegen seiner blauen Haare Aufmerksamkeit bekommen, sondern weil er legitime Argumente habe, konterte Sebastian Striegel, Mitglied des Landtages Sachsen-Anhalt für Bündnis 90/Die Grünen. „Ich sehe den Kulturverfall nicht mit dem Internet verknüpft.“ Er selbst erhalte über die unterschiedlichsten Medien Morddrohungen. Er sehe auch nicht, dass eine konservative Meinung nicht mehr gesagt werden könne.

Prof. Dr. Andreas Petrik vom Lehrbereich Didaktik der Sozialkunde an der MLU betonte, dass Populismus im Politikbetrieb nichts Neues sei. Neu sei nur die Qualität. „Für mich hat das mit einem Wertewandel zu tun“, sagte Petrik. Der drücke sich besonders in einem Erstarken des Rechtsextremismus aus. Neue Medien spielten dabei eine Rolle, in der direkten Kommunikation würden die Kommentatoren oft zurückrudern.

Auch Dr. Oliver Decker, Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig, widersprach Bergner. „Das Netz ist ein Verstärker, aber es ist nicht die eigentliche Ursache“, sagte er. Vielmehr müsse man sich die Bedürfnisse der Menschen hinter den Hasskommentaren ansehen. Der Konservativismus stecke in einer Krise, weil nicht klar definiert sei, was eigentlich konservativ ist. Die Gesellschaft sei im Wandel, beispielsweise weil die männliche Macht angezweifelt werde. „Wer seine Meinung sagt, muss auch damit klarkommen, dass jemand anderer Meinung ist“, ergänzte Decker.

Für Voigt-Zimmermann liegen die Ursachen für die radikalisierte Sprache auch in Ostdeutschland. Zu DDR-Zeiten habe man seine Meinung nicht sagen können. Kommunikation sei jedoch vor allem in Konfliktsituationen schwer und im Erwachsenenalter zudem schwer zu lernen. Sowohl Bergner als auch Striegel widersprachen ihr allerdings, was den Einfluss der DDR angeht. Einig waren sich jedoch alle darüber, dass durch das Internet die Moderation wegfalle, welche früher die klassischen Medien übernahmen. Auch dass es Regeln für ein respektvolles Miteinander brauche und die Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt sei, wenn man sich auf einen Konsens im Umgang einige. Es sei wichtig, schon im Kindergarten Methoden zur Deeskalation zu lernen und zu lernen, seine Wünsche und Probleme zu artikulieren, ohne andere zu verletzen, sagte Voigt-Zimmermann. Sie plädierte außerdem für mehr Gelassenheit. „Muss man denn jeden Ball aufnehmen?“

Programm bis 2020

Das gesamte Programm der Kleinen Fächer-Wochen Sprechwissenschaft bis Februar 2020 findet sich hier: https://kfw.sprechwiss.uni-halle.de/

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