Landwirtschaft in der Stadt: Der "Ewige Roggenbau" wird 140

25.06.2018 von Katrin Löwe in Wissenschaft, Forschung, Varia
Es ist der älteste landwirtschaftliche Dauerversuch Deutschlands und der zweitälteste weltweit. In diesem Jahr feiert er sein 140. Jubiläum. Seit 1878 läuft auf einem Feld der Martin-Luther-Universität ununterbrochen der „Ewige Roggenbau“. Was sich seitdem verändert hat und welche Erkenntnisse die Wissenschaftler gewinnen, erklärt Dr. Helmut Eißner, Leiter der Versuchsstation des Instituts für Agrar- und Ernährungswissenschaften.
Dr. Helmut Eißner ist Leiter der Versuchsstation, auf der der "Ewige Roggenbau" stattfindet.
Dr. Helmut Eißner ist Leiter der Versuchsstation, auf der der "Ewige Roggenbau" stattfindet. (Foto: Maike Glöckner)

Das insgesamt rund 6000 Quadratmeter große Feld liegt etwas versteckt mitten in der Großstadt. Im Herbst 1878 hat Julius Kühn, Begründer des  ersten landwirtschaftlichen Instituts an einer deutschen Universität, den „Ewigen Roggenbau“  in Halle angelegt. Wobei von „ewig“ damals noch nicht die Rede gewesen ist, wie Helmut Eißner anmerkt. Unterlagen würden auf eine Entscheidung  hinweisen, die Ende der 1920er Jahre gefallen sein dürfte, womöglich zum 50. Jubiläum des Roggenversuchs. „Ab 1930 häufen sich dann die Belege, in denen man vom  ,ewigen Roggenbau‘  spricht“, sagt Eißner, der seit 2001 die insgesamt rund 37 Hektar große Versuchsstation der Uni leitet.

Untersucht werden auf dem Feld zum Beispiel die Langzeitwirkungen unterschiedlicher Düngungen auf Pflanzen und Boden. Zum Einsatz kommen fünf verschiedene Varianten organischer und mineralischer Düngung mit Stallmist, Stickstoff, Phosphor und Kalium. Die so genannte „Nullparzelle“  ist unterdessen seit 1878 ungedüngt. Sie liefert beim Roggen noch heute einen Ertrag von 14 bis 17 Dezitonnen je Hektar. „Wir haben hier fruchtbare Böden“, betont Eißner. Bis etwa 1920 ist der Ertrag in der ungedüngten Variante gesunken, habe sich dann aber stabilisiert und sei zuletzt auch wieder angestiegen, so Eißner. Für Letzteres macht er unter anderem die maschinelle und damit tiefere Bodenbearbeitung - 90 Jahre lang kamen ausschließlich Pferde zum Einsatz - verantwortlich, darüber hinaus Klimaveränderungen wie die Zunahme des CO2-Gehaltes in der Luft und verbesserte Sorten. „Wobei wir versuchen, Sorten so lange wie möglich im Versuch zu halten.“ Erst neun kamen seit 1878 zum Einsatz.

Unkraut führt zu Dreiteilung

Der Dauerversuch wurde bereits von Altrektor Prof. Dr. Günther Schilling und Agrarwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Merbach betreut, steht derzeit unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Edgar Peiter. In seiner Geschichte hat er einige Änderungen erfahren. Sie seien allerdings sehr dezent gewesen, wie Eißner betont. So ist zum Beispiel 1893 eine Parzelle mit geringer Zugabe von Stallmist neu angelegt worden, die seit 1953 ungedüngt weiterbetrieben wird. Auch nach mehr als 60 Jahren ist die einstige Düngung im Boden noch nachweisbar, wissen die Forscher heute. Als wichtigste Änderung des Dauerversuches gilt unterdessen seine Dreiteilung im Jahre 1961. In einem Teil blieb die Roggen-Monokultur bestehen, im zweiten wird seitdem Mais angebaut, im dritten im Fruchtwechsel Roggen und Kartoffeln. „Der Ackerschachtelhalm hatte sich im Versuch so ausgebreitet, dass man ab 1960 vor der Frage stand, ob der Versuch weitergeführt werden kann oder nicht“, erklärt Eißner. Von der Teilung habe man sich damals eine bessere Bekämpfung durch das Hacken von Kartoffel- und Maisfeld erhofft. Heute lässt sich der Schachtelhalm übrigens auf Roggen am besten in Schach halten. Dennoch: „Aus wissenschaftlicher Sicht war die Teilung ein großer Gewinn: Wir haben jetzt die Möglichkeit zu vergleichen.“ Roggen etwa könne zwar in Monokultur angebaut werden, erziele im Fruchtwechsel mit Kartoffeln aber einen um zehn Prozent höheren Ertrag.

Antworten auf aktuelle Fragen

Seit Jahrzehnten werden Bodenproben archiviert.
Seit Jahrzehnten werden Bodenproben archiviert.
(Foto: Maike Glöckner)

Der Dauerfeldversuch versetzt die Forscher auch in die Lage, zu aktuellen Fragen - etwa zum Klimawandel - Antworten zu liefern. Er war in den 1990er Jahren unter anderem Teil eines Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Boden als CO2-Speicher. Man sei zudem in der Lage, Ertragswerte zu kombinieren mit Klimadaten, die für Halle seit 1850 vorliegen, so Eißner. Eine Erkenntnis daraus: Längere Trockenperioden würden Böden mit ausreichend organischer Düngung besser überstehen.  Bisherige Lesart sei gewesen, dass die Erträge bei organischer und mineralischer Düngung gleich sind.

Auswerten und  mit neueren Untersuchungsmethoden analysieren können die Wissenschaftler auch  Bodenproben, die seit Ende der 1940er Jahre genommen werden. Neben anderen stehen rund 2500 davon heute im so genannten Wohltmann-Schuppen, der 1910 auf dem Gelände der Versuchsstation errichtet wurde.

Als Denkmal geschützt

Rechtlich ist die Zukunft des „Ewigen Roggenbaus“ seit 2007 gesichert. In diesem Jahr wurde die Versuchsstation inklusive des Dauerfeldversuchs in die Denkmalliste des Landes Sachsen-Anhalt aufgenommen. Das, sagt der Leiter der Versuchsstation, sichere auch eine Schutzzone, die den Anbau schon bei den jüngsten Bauplänen für Halles Bahnhofsumgestaltung vor Beeinträchtigungen rettete. Auch fachlich lasse sich der Versuch unbegrenzt fortführen. „Was wir daraus machen, liegt an uns.“ Beim ältesten Dauerversuch weltweit, 1843 in Rothamsted bei London angelegt, würden Wissenschaftler etwa seit Jahren intensiv mit molekularbiologischen Methoden arbeiten, die Hinweise zur Anpassung von Pflanzen oder Bodenmikroorganismen an unterschiedliche Bedingungen wie Trockenstress oder Nährstoffmangel liefern.

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Agrarwissenschaften

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