Kultur-Atlas des Umbruchs

21.10.2022 von Katrin Löwe in Im Fokus, Wissenschaft, Forschung
Klimaveränderungen und Energiewende sind zwei der prägenden Themen dieser Zeit. Der Literaturwissenschaftler und Soziologe Prof. Dr. Ingo Uhlig erforscht, was Kunst und Literatur zu den Debatten darüber und einer größeren Akzeptanz beitragen können.
Ingo Uhlig leitet den digitalen Atlas „artwork.earth“
Ingo Uhlig leitet den digitalen Atlas „artwork.earth“ (Foto: Maike Glöckner)

Es sind Blicke in eine imaginäre Wohnung in London im Jahr 2050: In ihr wird auf kleinstem Raum Gemüse unter künstlichem Licht angebaut. Auf dem Tisch liegt ein Rezept für Mehlwurmburger, an der Wand hängt eines für Fuchseintopf – die Notwendigkeit der Selbstversorgung durch Nahrungsknappheit als Folge des Klimawandels wird deutlich sichtbar. Dazu kommt die Stimme eines Erzählers, der „einen Blick zurück wirft in unsere naive Gegenwart aus einer Zukunft, die sich diese Naivität nicht mehr leisten kann“, sagt Prof. Dr. Ingo Uhlig. Der Wissenschaftler, seit 2019 außerplanmäßiger Professor an der MLU und derzeit zudem am Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) in Berlin tätig, befasst sich damit, wie Kunst und Literatur die Themen Klimawandel und Energiewende verhandeln. Die eben beschriebene Installation der Londoner Designagentur Superflux, die unter dem Titel „Mitigation of Shock“ die Wohnung und das Leben der Zukunft zeigt, ist Bestandteil eines unter seiner Leitung stehenden digitalen Atlas namens „artwork.earth“. Auf einer gleichnamigen Website sind mittlerweile rund 200 Kunstprojekte aus aller Welt gelistet, die sich mit ökologischen Entwicklungen, dem Klimawandel sowie mit fossilen und erneuerbaren Ressourcen auseinandersetzen. „Es gibt eine breite Palette an solchen Arbeiten. Die Idee war, sie zu sammeln, zu systematisieren und so aufzubereiten, dass sie nicht nur dem Kunstdiskurs dienen“, sagt Uhlig.

Umgesetzt hat er die Idee im Rahmen des Verbundprojekts WindNODE, das von 2017 bis 2021 über das Programm „Schaufenster intelligente Energie - Digitale Agenda für die Energiewende (Sinteg)“ vom Bund gefördert wurde. Es gebe kein vergleichbares Archiv, das sich in dieser Form mit Transformation beschäftigt. „Die Transformation wird kommen. Wir können sie entweder gestalten oder wir machen sie zu einem Notfallprojekt. Ich bin definitiv dafür, sie zu einem Gestaltungsprojekt zu machen“, sagt der Wissenschaftler. Der Atlas soll nicht nur dazu beitragen, in der breiten Bevölkerung Verständnis oder gar Begeisterung für die Bewältigung der globalen Herausforderungen zu schaffen. Auf seiner Basis könnten sich weitere wissenschaftliche Arbeiten anschließen – oder virtuelle Ausstellungen zu Themen wie der Kohletransformation auf verschiedenen Kontinenten.

Ein Projekt des Künstlers Olafur Eliasson: Kleine Solarlampen machen nachhaltige Energie für alle zugänglich.
Ein Projekt des Künstlers Olafur Eliasson: Kleine Solarlampen machen nachhaltige Energie für alle zugänglich. (Foto: Merklit Mersha)

Die Kunstprojekte, so Uhlig, lassen sich grob in zwei Bereiche gliedern. Der eine verhandele den Resonanzraum der Ängste – mit der Darstellung versinkender Städte, versinkender Menschen. „Where the tides ebb and flow“ von Pedro Marzorati etwa besteht aus mehreren blauen Skulpturen von Männern, die im Wasser stehen, manche davon schon fast gänzlich untergegangen. Der Künstler macht damit auf die Konsequenzen des steigenden Meeresspiegels aufmerksam. „Es gibt aber gerade in der bildenden Kunst auch sehr viele Arbeiten, die sich mit neuen Mobilitäts-, Energie-, Ernährungs- und Wohnkonzepten auseinandersetzen.“ Die mit Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik kollaborieren und dabei mit ihrer Kernkompetenz arbeiten: etwas gestalten zu können. Als Beispiel nennt Uhlig das britische Kollektiv Assemble, die australische Künstlerin Natalie Jeremijenko oder ¬– als wohl populärsten Vertreter – den dänischen Künstler Olafur Eliasson, der mit einem Ingenieur unter dem Titel „Little Sun“ eine kleine Solarlampe entwickelt hat. Sie soll in Regionen mit schlechter Netzabdeckung für die Bereitstellung von Solarstrom sorgen, um etwa Lektüre zu ermöglichen. „Es gibt eine ganze Reihe von Projekten, die ähnlich funktionieren: als Experiment, partizipativ, also mit den Menschen gemeinsam.“ Eines der großen historischen Beispiele für eine Wissensgebiete übergreifende Arbeit an Transformation verortet Uhlig übrigens in Mitteldeutschland: das Bauhaus mit seiner Verbindung zwischen gestalterischer Expertise und der Industrie.

Uhlig, studierter Soziologe, der später zur Medien- und zur Literaturwissenschaft fand und sich an der MLU habilitierte, hatte zunächst selbst eher historisch gearbeitet. Doch irgendwann, sagt er, habe ihn die Frage beschäftigt, wie man auch als Geisteswissenschaftler darauf reagieren kann, was uns in der Zukunft beschäftigen wird. Unter all den Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, die sich mit Fragen der Energiewende befassen, ist seine Forschung auf einer Konferenz einmal als exotisch bezeichnet worden. Der Exotenstatus habe sich aber schnell gegeben. „Die Energieforschung hat das Thema für sich entdeckt“, so Uhlig – auch angesichts der Erkenntnis, dass sie technisch bereits sehr weit sei. „Die Energiewende ist umsetzbar, sogar schnell umsetzbar. Aber kulturelle Blockaden und Voreingenommenheiten bremsen.“

Die Aufgaben, die sich in der Transformation stellen, seien gar nicht anders zu lösen als in einem Chor von Disziplinen, sagt der Wissenschaftler, der selbst Mitglied bei den Scientists for Future in Halle ist. Auch Narrative, also Erzählungen, seien dabei „nicht nur Beiwerk, sondern entscheidungskritisch“. Aus historischen Energieumbrüchen könne man einiges über die Rolle von Deutungsmächten und der Kunst lernen. Auffällig im späten 19. Jahrhundert sei zum Beispiel, dass Dampfkraft als antiquiert und männlich, Elektrizität aber progressiv und als Frauengestalt beschrieben wurde. Einer der bekanntesten Romane, der die Transformation zur Elektrifizierung nachvollzieht, ist „Travail (Arbeit)“ von Émile Zola.

In den vergangenen Monaten hat Uhlig an einem Essay-Band gearbeitet, der sich mit historischen Energieumbrüchen von der Goethe-Zeit bis zur Fridays-for-Future-Bewegung befasst. Wie wurden sie erzählt, wie bebildert? Was unterscheidet sie? Die globale ökologische Situation sei neu, so Uhlig. „Die hat keine Rolle gespielt in der Goethe-Zeit, bei der Einführung der Dampfkraft oder der Entdeckung der Atomkraft.“ Energie- und umweltpolitisch engagierte Literatur gab es zuletzt vor allem in den 1980er Jahren, sagt er. Der Roman „Das Windrad“ von Peter Härtling hat erneuerbare Energien damals in die Literaturgeschichte eingeführt - er handelt von zwei kuriosen Aussteigern, die ein Windrad auf der schwäbischen Alb bauen wollen. Monika Maron veröffentlichte 1981 ihren Roman „Flugasche“, der sich insbesondere mit der Kohlekraft und der Umweltverschmutzung in der DDR, im Raum Bitterfeld, auseinandersetzt. Später seien Umweltthemen ins Hintertreffen geraten, so Uhlig. Die deutsche Wiedervereinigung und die Postwendezeit hätten literarische Fantasien beschäftigt, technisch seien eher digitale Innovationen ein Thema gewesen. Erst im vergangenen Jahrzehnt habe sich das wieder geändert. Heute gebe es auffallend viele Krimis zur Windkraft, seltener jedoch realitätsnahe Literatur, die sich mit Chancen und Zukunftsperspektiven durch die Energiewende befasst. „Überraschenderweise ist die Literatur da weniger experimentierfreudig.“ Während sich die bildende Kunst längst mit Partnern für die neue Gestaltung von Lebensräumen engagiere, bleibe die Literatur noch weitgehend in der Beschreibung der Probleme, die aus dem Klimawandel resultieren oder in strukturschwachen Regionen mit wenig Akzeptanz für die Energiewende entstehen. Was sie aus seiner Sicht freilich dennoch für den Wandel bewirken können: eine ökologische Empfindsamkeit schaffen – etwa durch das Genre „Nature Writing“.

Uhlig fasst das alles heute unter dem Begriff „Energiekultur“ zusammen. Der, bilanziert er, hätte es verdient präsenter zu werden.

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Germanistik

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