„Inklusion ist keine Gleichmacherei“

21.10.2020 von Ines Godazgar in Im Fokus, Wissenschaft, Forschung
Kaum zu glauben: PD Dr. Ulrike Witten ist die erste Frau, die sich an der Theologischen Fakultät habilitiert hat. Noch kurz vor der Corona-Krise hat sie ihre Probevorlesung gehalten. Ihr Thema ist Inklusion innerhalb der Religionspädagogik. Studierende möchte sie dafür sensibilisieren und begeistern.
Ulrike Witten in den Franckeschen Stiftungen - sie hat sich an der Theologischen Fakultät habilitiert.
Ulrike Witten in den Franckeschen Stiftungen - sie hat sich an der Theologischen Fakultät habilitiert. (Foto: Markus Scholz)

Wenn Ulrike Witten über Inklusion spricht, kommt sie in Fahrt. Man merkt: Das Thema ist ihr wichtig. Seit 2014 setzt sie sich an der Theologischen Fakultät wissenschaftlich damit auseinander. „Inklusion hat eine hohe gesellschaftliche Relevanz“, sagt die gebürtige Leipzigerin. Deshalb ärgert sie sich auch darüber, dass das Thema in der öffentlichen Diskussion allzu oft verkürzt dargestellt wird. „Das ist kontraproduktiv“, sagt sie.

An dieser Stelle bedürfe es bereits einer feinen Unterscheidung: Inklusion sei keine Gleichmacherei. Viel-mehr nimmt sie die gleichberechtigte Teilhabe in den Fokus. Dabei geht es längst nicht nur um Menschen mit Behinderung, sondern um die Einbeziehung aller Bereiche der Gesellschaft, also zum Beispiel auch um die Berücksichtigung von Herkunft, Bildungsgrad, Alter und vielem mehr.

Natürlich sei es völlig normal, dass es Unterschiede zwischen Menschen gibt. Jedoch: „Es existieren eben auch ungerechte Unterschiede“, so die 38-Jährige. Ein Beispiel: Es ist längst wissenschaftlich belegt, dass in Deutschland nicht die Schulleistungen über den Zugang zu einer weiterführenden Schule entscheiden, sondern die Herkunft. „Das darf nicht sein. Dagegen wendet sich Inklusion.“

Um hier eine nachhaltige Veränderung zu erreichen, sei es wichtig, Inklusion und ihre Entwicklung aus wissenschaftlicher Perspektive genauer zu beleuchten. Ulrike Witten hat das in ihrer Habilitation ausführlich und mit Bezug zur Religionspädagogik getan. Darin hat sie den Entstehungskontext verfolgt und Widersprüche untersucht. Und sie ist der Frage nachgegangen, wie der Begriff im Kontext der Religionspädagogik verstanden werden kann. „Mir war es wichtig, Inklusion nicht nur als Anliegen für den Religionsunterricht zu verstehen, sondern als grundlegenden Reformimpuls für die Gesellschaft. Das bedeutet, danach zu fragen, wo sich ungerechte Ungleichheiten zeigen, die es zu beheben gilt“, sagt sie. Dazu gehöre etwa auch die Frage, ob konfessionslose Schülerinnen und Schüler gleichermaßen am Religionsunterricht teilhaben können wie christliche. Hierfür untersuchte sie 15 verschiedene Konzeptionen von Inklusion in der Religionspädagogik und analysierte, was diese für die Religionspädagogik leisten können und wo ihre Grenzen liegen.

Gerade im Bereich der religiösen Bildung wird die Heterogenität in der Gesellschaft deutlich: Viele Schüler wachsen inzwischen in Elternhäusern auf, in denen die christliche Religion keine oder eine sehr unterge-ordnete Rolle spielt, oder sie besitzen einen anderen Glauben. „Auf diese Realität müssen Religionslehrer vorbereitet werden“, so Witten, denn nur so können sie in ihrer späteren beruflichen Praxis angemessen reagieren. Es gehe darum, religiöse Bildung vor dem Hintergrund dieser Unterschiedlichkeit zu betreiben. „Wenn es uns gelingt, dafür in der Lehre bei allen Studierenden der Religionspädagogik eine Sensibilität zu wecken, ist viel geschafft“, sagt sie.

Ein weiteres Problem sei die Tatsache, dass Lehre und Forschung im Bereich der Religionspädagogik generell sehr stark auf gymnasiale Bildung orientiert sind. „Das ist ein eingeschränkter Blick“, so Witten. Gerade in Haupt- und Sekundarschulen sei der Druck enorm hoch, denn gerade dort lernen oft Kinder aus sozial benachteiligten Familien oder Migranten, die nicht selten auch einen anderen religiösen Hintergrund haben.

Auch aus diesem Grund findet es die 38-Jährige mehr als überfällig, dass Inklusion zunehmend fachdidak-tisch unterfüttert wird. Soll heißen: Alle wissenschaftlichen Fächer müssen sich im Rahmen der Lehramts-ausbildung überlegen, welche Auswirkungen und Schlussfolgerungen sich für die eigene Wissenschaftsdisziplin ergeben.

Bevor sich Witten für die Wissenschaft entschied, hat sie selbst als Lehrerin vor Schulklassen gestanden. Von 2010 bis 2012 absolvierte sie ihr Referendariat am halleschen Herder-Gymnasium, da war sie bereits Mutter eines kleinen Sohnes. 2013 verteidigte sie ihre Doktorarbeit. Wenig später bekam sie ein zweites Kind und wurde Lehrerin am Katholischen Elisabeth-Gymnasium in Halle. „Ich fand es toll, die Schüler durch die Chronologie des Schuljahres zu begleiten. Das fehlt mir heute auch ein wenig“, sagt sie. Denn im Wissenschaftsbetrieb sei man eher eine Einzelkämpferin.

Dass sie diesen Weg eingeschlagen hat, bereut sie dennoch nicht. Der Kontakt zu vielen interessanten Kolleginnen und Kollegen, die man an der Uni täglich treffe, sei unbezahlbar. Schließlich gefallen ihr „diese Vielfalt und das Nebeneinander verschiedener Fächer“ besonders gut. „Man kann jeden fragen und bekommt immer eine profunde Antwort“, meint die Wissenschaftlerin, die an der Theologischen Fakultät seit 2016 auch als Gleichstellungsbeauftragte agiert.

Es liege in der Natur der Sache, dass dieses Amt eng mit Inklusion verknüpft ist, denn dabei geht es um die Förderung derjenigen, die unterrepräsentiert sind. Und das seien in der Wissenschaft oft leider immer noch die Frauen. „Unvorstellbar“ findet Ulrike Witten zum Beispiel die Tatsache, dass sie im März 2020 die erste Frau gewesen sei, die sich jemals an der Theologischen Fakultät habilitiert hat. „Jedoch“, ergänzt sie, „gehöre ich immerhin bereits zu einer neuen Riege junger Wissenschaftlerinnen, für die der Boden durch frühere Frauen-Generationen bereitet worden ist.“ Das sei ermutigend. Sie selbst habe auf ihrem bisherigen Weg viel Unterstützung erfahren, zum Beispiel durch ein Mentoring-Programm, das dazu dienen sollte, die immer noch zu hohe Ausstiegsquote von Frauen nach der Promotion zu senken. Solche Förder-Instrumente seien mehr als wünschenswert, sagt Ulrike Witten.

PD Dr. Ulrike Witten
Institut für Praktische Theologie und Religionspädagogik
Tel. +49 345 55-23043
Mail: ulrike.witten@theologie.uni-halle.de

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TheologieReligion

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