Ein Haus voller Gelehrter

02.10.2019 von Laura Krauel in Wissenstransfer, Studium und Lehre, Campus
Was die Menschen früher bewegte, haben sie aufgeschrieben – in Büchern, Briefen und anderen Texten. Doch wie zeigt man ihre Gedanken und Gefühle in einer Ausstellung? Dieser Frage haben sich Studierende um die Literaturwissenschaftlerin Dr. Christiane Holm gewidmet – und so das Klopstockhaus in Quedlinburg neu belebt.
Kleine Abreißzettel mit Zitaten erwarten die Besucher bereits am Eingang des Klopstockhauses.
Kleine Abreißzettel mit Zitaten erwarten die Besucher bereits am Eingang des Klopstockhauses. (Foto: Jürgen Meusel)

Mit vielen Menschen sein Zuhause zu teilen: Das war der berühmte Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock schon in seiner Kindheit gewohnt. Schließlich war er das erste von 17 Kindern in der Familie Klopstock. Heute sind es keine Verwandten, die sein Geburtshaus am Quedlinburger Schlossberg beherbergt, sondern große Schriftsteller, Philosophen und Gelehrte des 18. Jahrhunderts – das Zeitalter, in dem auch Klopstock lebte und wirkte. Gedacht wird ihrer in der neuen Dauerausstellung „Wie der Körper zur Sprache kommt. Klopstock, Erxleben und GutsMuths im papiernen Zeitalter“. Sie wurde im März 2019 eröffnet. Entwickelt haben sie sieben Studierende der MLU, der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und der Hochschule Merseburg in enger Zusammenarbeit mit dem Klopstockverein Quedlinburg.

„In Sachsen-Anhalt gibt es sehr viele Kulturerbestätten, die personell jedoch häufig nicht ausreichend versorgt sind“, sagt Dr. Christiane Holm, die das Projekt am Germanistischen Institut geleitet hat. „Etwas bewegen kann man, indem man unsere sehr guten Studierenden mit diesem Erbe zusammenbringt und ihnen zum Beispiel die Möglichkeit gibt, sich bereits im Studium mit eigenen Ausstellungen auszuprobieren.“

Klopstock wie auch zwei weiteren Persönlichkeiten sind in dem Haus eigene Räume gewidmet: der ersten promovierten deutschen Ärztin Dorothea Christiana Erxleben und dem Pädagogen Johann Christoph Friedrich GutsMuths. Die drei verbindet nicht nur die Epoche der Aufklärung und ihre gemeinsame Heimatstadt Quedlinburg: Sie beschäftigten sich auch mit dem menschlichen Körper, jedoch aus unterschiedlicher Perspektive. Erxleben etwa schrieb ihre Doktorarbeit an der Universität Halle über damalige Behandlungsmethoden wie den Aderlass und übte daran Kritik. GutsMuths begründete den Schulsport. Und Klopstock brachte mit freirhythmischen Versen die Sprache selbst in Bewegung. „Unsere Forschung war deshalb vor allem interdisziplinär angelegt – aber das macht es auch gerade interessant“, sagt Holm.

Christiane Holm mit den Studentinnen Maria Junker und Marlene Milla Woschni (von links) im Klopstockhaus
Christiane Holm mit den Studentinnen Maria Junker und Marlene Milla Woschni (von links) im Klopstockhaus
(Foto: Jürgen Meusel)

Neben Klopstock, Erxleben und GutsMuths haben sich die Studierenden mit den Positionen weiterer Gelehrter wie Johann Joachim Winckelmann, Sophie von La Roche oder Immanuel Kant befasst. Sie sind in Zitaten an verschiedenen Orten in der Schau zu sehen und beschreiben den Körper etwa als Maschine, Wohnhaus oder Zusammenspiel der Säfte. „Unser Ansatz war, dass man die Texte wie Bausteine miteinander kombinieren, sie auch in einer anderen Reihenfolge lesen kann“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Woran man nicht vorbeikommt, ist das Papier, auf dem die Texte gezeigt werden. „In der Aufklärung erhielt das Material eine so große Bedeutung, dass man gegen Ende des 18. Jahrhunderts vom ‚papiernen Zeitalter‘ sprach“, sagt Holm. Die Menschen drückten ihre Gedanken und Gefühle dadurch aus, dass sie Papier nicht nur beschrieben, sondern auch küssten oder am Körper trugen.

In der Ausstellung ist das Papier nicht nur in herkömmlichen Formaten wie Buchseiten oder Briefen zu sehen. Bereits am Eingang erwarten die Besucherinnen und Besucher kleine, perforierte Zettel mit Zitaten. Im Inneren begegnet man Papieren, die auf Leinen aufgehängt sind und deren eingeprägte Sprüche erst bei genauerem Hinschauen sichtbar werden. An anderer Stelle findet man ein „Archiv der Redensarten“: An der Wand angebrachte Zettel mit Wendungen zum Körper wie „Mir liegt es auf der Zunge“ oder „Das geht mir unter die Haut“ können spontan ergänzt werden. „Wenn man sich die Inhalte der Ausstellung erschließen will, muss man die Papiere zum Bespiel abreißen, gegen das Licht halten oder neu beschriften“, so Holm. Die vielen Möglichkeiten, sich mit den Texten zu beschäftigen, ergänzen Exponate wie eine Locke von Klopstock oder ein Paar Schlittschuhe aus dem 18. Jahrhundert. Klopstock soll die Ideen für seine Gedichte beim Eislaufen entwickelt haben. Für die Ausstellung haben die Studierenden zudem eine buchkünstlerische Begleitpublikation und einen Medienguide entwickelt. Die Dauerausstellung ist jährlich von April bis Oktober mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Das Projekt in Quedlinburg ist abgeschlossen – den Plan, ihre Studierenden für den Transfer von Wissen in die Gesellschaft zu begeistern, verfolgt Christiane Holm weiter: „Mir ist es wichtig, dass man sich nicht nur im akademischen Rahmen bewegt, sondern auch andere Menschen für unsere Forschungsthemen begeistert.“

Dr. Christiane Holm
Germanistisches Institut
Tel. +49 345 55-23593
Mail: christiane.holm@germanistik.uni-halle.de

Schlagwörter

Germanistik

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