Dramatik und Aufbruchsstimmung

27.11.2018 von Ines Godazgar in Campus, Studium und Lehre
Vor 25 Jahren wurden an der MLU die Juristische und die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät gegründet. Mit den neuen Einheiten wollte man den aus der DDR-Diktatur stammenden ideologischen Überbau endgültig loswerden und den Lehrbetrieb an gesamtdeutsche Standards anpassen. Im Interview erinnern sich der Jurist Prof. Dr. Hans Lilie und der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Gunter Steinmann an die bewegende Zeit des Neubeginns, die beide hautnah miterlebt haben.
Hans Lilie (li.) und Gunter Steinmann auf dem Uni-Platz
Hans Lilie (li.) und Gunter Steinmann auf dem Uni-Platz (Foto: Markus Scholz)

Die Gründung der Juristischen und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der MLU ist jetzt 25 Jahre her. Wie sehen Sie diese Zeit im Rückblick?
Gunter Steinmann: Die beiden Neugründungen waren Meilensteine für die Entwicklung moderner Strukturen in diesen Bereichen an der MLU. Dahinter steckt eine unglaubliche Aufbauleistung, an der viele Beteiligte mitgewirkt haben. Insofern empfinde ich durchaus Stolz, aber natürlich auch Freude, dabei gewesen sein zu dürfen.

Hans Lilie: Die friedliche Revolution hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Ausbildung von Juristen. Bis Ende 1990 wurde der gesamte Lehrkörper der Sektion Staats- und Rechtswissenschaft, wie sie zu DDR-Zeiten hieß, entlassen. Einzig die Sekretärin durfte bleiben. Das bedeutete praktisch, dass den Studenten damals nicht nur ihre Dozenten, sondern auch ihr Lehrstoff abhandengekommen war. Über Nacht waren sie mit einer völlig neuen Rechtsordnung konfrontiert. Das war eine dramatische Situation, die tief in das Leben der Menschen eingriff.

Sie hatten sich zu jener Zeit gerade an der Universität Göttingen habilitiert. Wie stellte sich die Lage aus Ihrer westlichen Perspektive dar?
Lilie: Wir verfolgten das Geschehen mit großer Aufmerksamkeit und es gab viele sehr intensive Kontakte auf allen Ebenen. Der damalige Landes-Justizminister und heutige Ehrendoktor unserer Fakultät, Walter Remmers, hatte sich bereits im Dezember 1990 in das Geschehen eingeschaltet. Es galt zu verhindern, dass die Studierenden alle in den Westen abwandern. Also musste für sie möglichst schnell eine Perspektive geschaffen werden. Und so sagte man ihnen zu, dass der Studienbetrieb in Halle weitergehen würde. Für uns in Göttingen bedeutete das: Jeder, der eine Lehrbefugnis hatte, machte sich auf den Weg nach Halle und so war die Keimzelle für den Neuaufbau der Fakultät geschaffen.

Steinmann: In den Wirtschaftswissenschaften sah es ähnlich aus. Bis dato war die Lehre dort vor allem von der Ideologie des Marxismus-Leninismus geprägt. Deshalb wurden nahezu alle Mitarbeiter gekündigt. Einzige Ausnahme bildete der Bereich Wirtschaftsinformatik, die dortigen Mitarbeiter durften bleiben. Um dabei zu helfen, den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten, bin ich ab 1990 regelmäßig in Halle gewesen, um hier Vorlesungen zu halten. Ich war vorher von 1973 bis 1992 ordentlicher Professor an der Universität Paderborn. Als ich 1992 den Ruf hierher bekam, herrschte eine enorme Aufbruchsstimmung.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Zeit in Halle?
Lilie: Ich habe 1991 zeitgleich einen Ruf an die Universitäten Halle und Hannover bekommen. Es war für mich sofort klar, wohin ich gehen würde. Als ich im März erstmals nach Halle kam, hat mich die Stadt sofort unheimlich fasziniert, und das, obwohl es ein verregneter Tag war. Aber das war nur die eine Seite. Auch die Arbeit war für mich als jungen Wissenschaftler sehr spannend. Denn es herrschte in quasi allen Bereichen große Gestaltungsfreiheit. Und aufgrund der politischen Situation existierten überall sehr flache Hierarchien. Da konnte es schon mal passieren, dass man in seinem Büro saß und plötzlich der Justizminister in der Tür stand und fragte, ob er noch was tun könne. Außerdem existierten noch keine Hochschulgremien, was dazu führte, dass viele Entscheidungen ganz anders gefällt wurden, als das heute der Fall ist.

Im Gegensatz zur positiven Aufbruchsstimmung war die Ausstattung damals noch katastrophal. Können Sie Details schildern?
Steinmann: Bei den Wirtschaftswissenschaftlern gab es nur einen einzigen Telefonanschluss. Über den musste alles abgewickelt werden. Aus heutiger Sicht unvorstellbar. Trotz dieser schwierigen Umstände haben wir es geschafft, weil wir viel Hilfe von Herrn Dr. Bartsch aus dem Kultusministerium bekommen haben, der stets ein offener und uns gewogener Ansprechpartner war. Wichtig waren neben diesen Kontakten aber auch überregionale Verbindungen. So saß die Frau unseres Gründungsdekans, Prof. Dr. Gerhard Schmitt-Rink, für die FDP im Bundestag. Über sie hatten wir auch einen direkten Draht zu Hans-Dietrich Genscher. Schließlich möchte ich an dieser Stelle auch Frau Dr. Gisela Krüger erwähnen, die bereits in der abgewickelten Sektion gearbeitet hatte und an der MLU gut vernetzt war. Sie hat mit ihrem großen Engagement als Büroleiterin des Dekanats dem Gründungsdekan und mir sehr geholfen und der Fakultät mit ihren langjährigen Erfahrungen und Kontakten unschätzbare Dienste erwiesen.    

Lilie: Ich habe meine erste Vorlesung im Kinosaal der Stasi am Gimritzer Damm gehalten. Wie viele andere Hörsäle war auch dieser in einem miserablen baulichen Zustand. Zumal die Studierenden damals noch zwischen mehreren Standorten hin- und her pendeln mussten. Trotz all dieser Hindernisse wurde der Studienbeginn im Sommer 1991 sichergestellt. Von Vorteil war auch, dass wir das Geld zum Aufbau der Fakultät relativ frei verwenden konnten. So gelang es uns zum Beispiel, auf einem sehr unkonventionellen Weg den Bestand für eine dringend erforderliche Jura-Bibliothek zu besorgen. Wir fuhren dazu nach Würzburg, wo wir in einem Antiquariat an zwei Tagen insgesamt 320.000 D-Mark ausgaben.

Diese heute kaum noch vorstellbare Aufbruchssituation mit all ihren Freiheiten führte dazu, dass die Mitglieder der Fakultät eng zusammenarbeiteten. Auch die Studenten zogen mit. Ein Beispiel: Als die Strafrechts-Bibliothek später vom Löwengebäude in das Franz-von-Liszt-Haus am Rand des Uniplatzes umziehen sollte, habe ich die Vorlesung eine Viertelstunde vorher beendet und die Studierenden gebeten, beim Umzug zu helfen. Also haben wir eine Menschenkette zwischen den beiden Standorten gebildet und die Bücher von Hand zu Hand weitergegeben, so lange, bis der gesamte Bestand an seinem neuen Standort war. Dieser Geist prägt die Atmosphäre bei den Juristen bis heute.

Darüber hinaus wurde die Juristische Fakultät nach und nach durch viele Erfolge sichtbar. Zum Beispiel belegten wir zehn Jahre nach der Neugründung erstmals wieder einen Spitzenplatz beim CHE-Ranking. Und das ist bis heute so geblieben. Auch die Tatsache, dass inzwischen die Hälfte unserer Studierenden aus westlichen Bundesländern kommt, ist für mich ein Ausweis für weithin sichtbare Qualität.

Wann kehrte Normalität in den Alltag ein?
Lilie: Das war natürlich ein Prozess. Gerade am Anfang habe ich versucht, viele Kongresse nach Halle zu holen, um den Kollegen zu zeigen, was wir hier geschafft und geschaffen haben. Ein weithin sichtbares Zeichen war der Neubau des Juridicums. Ein Projekt, das so perfekt ablief, dass ich immer noch sage: Wir als Fakultät hätten auch den Bau des Berliner Flughafens hinbekommen. Nach 18 Monaten sind wir pünktlich fertig geworden, außerdem haben wir den Kostenrahmen von geplanten 35 Millionen Euro sogar um drei Millionen unterschritten.

Steinmann:  Ein weiterer Beleg ist, dass uns gute Kooperationen gelangen. So haben Juristen und Wirtschaftswissenschaftler gemeinsam das Institut für Wirtschaftsrecht gegründet, an dem zugleich der erste Studiengang für Wirtschaftsrecht angesiedelt wurde. Aber auch in die Gremienarbeit zog langsam Normalität ein. Anfangs waren wir West-Professoren dort nicht überall herzlich willkommen und mussten uns unseren Stand erst erarbeiten. Sehr gut funktionierte das im Senat, wo sich zu einigen Ost-Kollegen aus anderen Fakultäten ein sehr gutes Verhältnis aufbaute, so zum Beispiel zum späteren Kultusminister Prof. Jan-Hendrik Olbertz und auch zum späteren Prorektor Prof. Ernst Joachim Waschke. Wir funktionierten gut als Gruppe und letztlich sind es solche persönlichen Kontakte, die das Miteinander entscheidend prägen.

Sie haben an der MLU Aufbauarbeit geleistet. Was bedeutet diese Zeit für Sie persönlich?
Steinmann: Sie gehört zu den wichtigsten und schönsten Phasen in meinem Leben. Sie war so intensiv, dass ich Halle und die hiesige Universität seit meiner Emeritierung sehr vermisse. Noch heute bin ich regelmäßig hier und habe mehr Freunde in der Stadt als in Paderborn, wo ich derzeit lebe.

Lilie: Das empfinde ich ähnlich. Es war eine berauschende Zeit, die in der Form wohl auch nicht so schnell wiederkehren wird. Insofern war es wohl auch eine einmalige Zeit.

Die Interviewpartner

Prof. Dr. Hans Lilie hat von 1971 bis 1977 Rechtswissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen studiert. 1980 wurde er in Göttingen promoviert, im Februar 1990 habilitierte er sich. Ab dem gleichen Jahr vertrat er eine Professur an der Universität Hannover, ab dem Sommersemester 1991 war Lilie Vertretungsprofessor in Göttingen und zugleich Lehrbeauftragter an der MLU in Halle. Dort vertrat er ab dem Wintersemester die Gründungsprofessur Strafrecht, ab April 1992 war er Gründungsprofessor. Lilie war unter anderem auch Dekan der Juristischen Fakultät (1995-1996).

Prof. Dr. Gunter Steinmann studierte von 1963 bis 1967 Volkswirtschaftslehre in Heidelberg und Kiel, wurde 1968 promoviert und habilitierte sich 1972 an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Nach einer Zeit als Universitätsdozent in Kiel war er von 1973 bis 1992 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Paderborn. Bereits 1991/92 hatte er parallel eine Vertretungsprofessur an der MLU inne. Ab 1992 war er Gründungsprofessor für Volkswirtschaftslehre, Wachstum und Konjunktur in Halle, 1993 bis 1995 zudem Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Seit 2009 ist Steinmann emeritiert.

 

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