Das Geheimnis des Wunderstrauchs

04.08.2020 von Ronja Münch in Wissenschaft, Forschung, Internationales
Dr. Emmanuel Mfotie Njoya ist mit einem Georg Forster-Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung nach Deutschland gekommen, um eine Heilpflanze gegen die Amöbenruhr zu erforschen. Die Durchfallerkrankung tötet jährlich mehrere Zehntausend Menschen. Die Pflanze, die in der traditionellen Kameruner Medizin angewendet wird, enthält einen bisher unbekannten Wirkstoff gegen die Krankheit. Diesen zu finden, hat sich Njoya bereits vor fast 15 Jahren zur Aufgabe gemacht.
Emmanuel Mfotie Njoya forscht am Institut für Pharmazie zu einem Wirkstoff gegen Amöbenruhr.
Emmanuel Mfotie Njoya forscht am Institut für Pharmazie zu einem Wirkstoff gegen Amöbenruhr. (Foto: Maximilian Kröger)

Im Westen Kameruns spielt die traditionelle Medizin wie in vielen afrikanischen Regionen eine große Rolle. Emmanuel Njoya ist dort aufgewachsen, in einem Dorf im Bezirk Noun. „Wenn man krank ist, geht man erst einmal zum Heiler“, erzählt er. „Und der gibt einem etwas Pflanzliches – meist Wurzeln oder Blätter.“ Nur wenn das nicht wirke, schicke der Heiler seine Patienten ins Krankenhaus.

Die Pflanzen, die traditionelle Heiler verwenden, stehen dabei zunehmend im Fokus der Forschung. Denn nicht selten enthalten sie bis dahin noch unbekannte Wirkstoffe. Njoya forscht bereits seit vielen Jahren daran, solche Substanzen zu isolieren und medizinisch nutzbar zu machen. Der Zufall führte ihn zu seinem heutigen Forschungsprojekt, das ihn seitdem nicht wieder losließ und das er aktuell in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Timo Niedermeyer am Institut für Pharmazie fortführt. „Eigentlich wollte ich Arzt werden, aber ich habe die Zulassungsprüfung nicht bestanden“, erzählt Njoya. In Kamerun hat der heute 36-Jährige stattdessen an der Universität Yaoundé I Biochemie studiert. Später wollte er dann auch nicht mehr wechseln und spezialisierte sich stattdessen im Rahmen seiner Masterarbeit in Biopharmazie.

Die Arbeitsgruppe, in der er für seine Abschlussarbeit forschte, hatte verschiedene Pflanzen aus der Region gesammelt, aus der auch Njoya stammt. Gesucht wurde ein neuer Wirkstoff gegen Amöbenruhr, verursacht durch den Einzeller Entamoeba histolytica. „Die Krankheit ist eine der häufigsten parasitären Erkrankungen“, erklärt Njoya. In vielen Fällen verläuft sie harmlos, in manchen aber tödlich – 40.000 bis 100.000 Menschen fallen ihr jährlich weltweit zum Opfer. „Amöbenruhr wird seit 30 Jahren mit demselben Medikament behandelt, das aber viele Nebenwirkungen hat.“ Es sei dringend Zeit für eine Alternative.

Eine Pflanze besteht aus Tausenden Substanzen

Traditionelle Heiler in Kamerun setzen verschiedene Pflanzen gegen Amöbenruhr ein. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass eine besonders gut gegen die Parasiten wirkt: Codiaeum variegatum, in Deutschland unter dem Namen Kroton oder Wunderstrauch als Zierpflanze bekannt. In der traditionellen Medizin werden ihre Blätter wie Tee aufgebrüht und das Gebräu getrunken. Als Doktorand versuchte Njoya, die Substanz aus dem Wunderstrauch zu isolieren, die gegen Amöbenruhr hilft. Keine leichte Aufgabe, da eine Pflanze aus Tausenden Substanzen besteht. Und nicht nur das: „Das Problem war, dass wir in Kamerun nicht die Gerätschaften hatten, um alle nötigen Untersuchungen durchzuführen.“

Um dem Wirkstoff auf die Spur zu kommen, ging Njoya für Forschungsaufenthalte erst ans Institut Pasteur in Paris, dann an die Uni Würzburg. Statt sich alle Substanzen einzeln anzuschauen, die er aus den Blättern des Wunderstrauchs gewonnen hatte, trennte er die Mischung in acht Teile, untersuchte diese und trennte sie dann in noch kleinere Teile. Den wirksamsten davon untersuchte er weiter – schaute sich an, wie er auf die Amöben wirkt und ihren Stoffwechsel durcheinanderbringt. Im Rahmen seiner Doktorarbeit konnte Njoya sogar schon eine kleine Studie mit Patienten durchführen. Es gebe in Kamerun eine Bewegung, die traditionelle Medizin zu professionalisieren und auch in Apotheken anzubieten. „Wir nennen das verbesserte traditionelle Medizin“, sagt Njoya. Für seine Untersuchung hat er Teebeutel mit einer bestimmten Menge Pulver aus den Blättern des Wunderstrauchs befüllt und mit einem Arzt kooperiert, der diese an Patienten ausgab. „30 Patienten haben je einen Tee pro Tag getrunken, bis sie beschwerdefrei waren.“ Je nach Patienten seien maximal drei Teebeutel notwendig gewesen. Zusammen mit dem Arzt führte er auch Blutuntersuchungen durch. „Wir konnten keine Nebenwirkungen feststellen.“

Emmanuel Njoya im Labor. Er ist mit einem Forschungsstipendium nach Halle gekommen.
Emmanuel Njoya im Labor. Er ist mit einem Forschungsstipendium nach Halle gekommen. (Foto: Maximilian Kröger)

Nachdem Njoya seine Dissertation beendet hatte, forschte er zunächst in Arbeitsgruppen in Südafrika und China an anderen pflanzlichen Wirkstoffen. Und dann wandte er sich wieder dem Wunderstrauch-Projekt zu. Auf der Suche nach einer Arbeitsgruppe mit der nötigen technischen Ausstattung, um endlich die aktive Substanz oder auch die Wirkstoffmischung aus dem Wunderstrauch zu identifizieren, stieß er 2018 auf Timo Niedermeyer an der Uni Halle. „Ich habe Herrn Niedermeyer dann kontaktiert und mich auf ein Stipendium beworben“, erzählt Njoya. Mit dem Georg Forster-Forschungsstipendium kann er insgesamt zwei Jahre in Halle forschen.

Zahlreiche Tests - einzeln und kombiniert

Erste Ergebnisse hat er bereits erzielen können, der große Treffer war allerdings noch nicht dabei. „Ich habe zuerst die beiden Substanzen isoliert, von denen in meiner am besten wirksamen Mischung am meisten vorhanden war“, sagt er. Doch so einfach macht es ihm die Pflanze nicht, die Substanzen waren – jedenfalls einzeln – nicht wirksam. Und deswegen hat Njoya nun die gesamte Mischung in ihre Einzelteile zerlegt – meist eine einzelne Substanz, dreißig insgesamt. „Ich werde die jetzt alle einzeln testen. Und wenn ich damit keinen Erfolg habe, teste ich sie in Kombination“, erklärt er. Denn es kann auch sein, dass nicht eine einzelne Substanz für die Wirkung verantwortlich ist, sondern mehrere. Um das zu testen, gibt Njoya alle einzeln auf die Amöben – und in eine luftdichte Frischhaltedose. „Die Parasiten wachsen nur unter anaeroben Bedingungen“, erklärt er. Das heißt, wenn kein Sauerstoff in der Luft ist. Deswegen legt er noch ein Säckchen mit speziellen Materialien dazu, die den verbliebenen Sauerstoff aus der Box aufnehmen. Das funktioniere ebenso gut wie weit teurere Gefäße für anaerobe Experimente, die in Niedermeyers Labor sonst nicht gebraucht werden.

Wenn er dann schließlich seine aktive Substanz oder Substanzen gefunden hat, will er sich auch ihre chemische Zusammensetzung genauer anschauen. Das wiederum ist dann der erste Schritt, um herauszufinden, wie sie auf molekularer Ebene wirkt und ob sie sich in größeren Mengen herstellen lässt. So oder so – das Projekt, das der 36-Jährige bereits in seiner Masterarbeit begonnen hat, wird ihn noch eine Weile beschäftigen. Wenn er Glück hat, auch nach seiner Zeit in Halle. Denn dann möchte er gerne an seine alte Fakultät in Kamerun zurückkehren. Dort ist zum ersten Mal seit vielen Jahren eine Stelle als Assistant Professor ausgeschrieben, auf die Njoya sich bewirbt. Wenn es gut läuft, hat er dann bald seine eigene Arbeitsgruppe, um weiter nach Wirkstoffen in traditionellen Heilpflanzen zu suchen.

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