Topic Explorer: Japans digitaler Kultur auf der Spur

24.09.2015 von Tom Leonhardt in Forschung, Wissenschaft
Japaner sind stoisch und nehmen selbst große Katastrophen wie Fukushima mit einer gewissen Emotionslosigkeit hin? Weit gefehlt: Die Bevölkerung vor Ort diskutiert diese Themen intensiv und kontrovers im Internet. Mit Hilfe einer speziellen Software erforschen hallesche Wissenschaftler die japanische Kultur im Netz.
Mit dem Topic Explorer erforschen die halleschen Japanologen Japans digitale Welt.
Mit dem Topic Explorer erforschen die halleschen Japanologen Japans digitale Welt. (Foto: Moyan Brenn, CC BY 2.0, via Flickr.com)

Unübersichtlicher könnte eine Software auf den ersten Blick kaum sein: Beim Aufrufen des Topic Explorers laden sich viele große und kleine bunte Fenster – mit japanischen Schriftzeichen gefüllt. Was für den ungeübten Laien ohne Japanischkenntnisse ein Buch mit sieben Siegeln ist, stellt für den halleschen Japanologen Prof. Dr. Christian Oberländer einen sehr großen Forschungsschatz dar. Hier laufen bis zu einer Million japanischer Blogposts zusammen, die darauf warten analysiert zu werden.

„Meine Mitarbeiter und ich haben nach einer Anwendung für Internetforschung gesucht“, erinnert sich Oberländer an den Beginn des Projekts. Sie wollten ihren Studenten die Möglichkeit bieten, kleinere Forschungsprojekte zu Japans Kultur über das Internet zu realisieren. „Schließlich ist Japan relativ weit entfernt und das Internet entspricht ohnehin der Erfahrungswelt der Studierenden.“ Während ihrer Recherche stellten die Japanologen fest, dass hier in Halle Informatiker an einer Software arbeiten, die genau das bewerkstelligen kann: der Topic Explorer.

Nicht auf Japan beschränkt

Für ihre Forschung zu Japan haben Oberländer und seine Mitarbeiter sich auf japanische Blogbeiträge zur Nuklearkatastrophe in Fukushima konzentriert. „Wir wollten über die Blogs verstehen, was die Menschen in Japan über Fukushima denken“, sagt Oberländer. In den deutschen Medien sei häufig das Bild von Japanern vermittelt worden, welche die Zustände im Land schweigend hinnehmen würden. „Das konnte aber nicht stimmen. Schließlich haben die Menschen in Japan ein sehr hohes Bildungsniveau und werden deshalb auch eine Meinung dazu haben“, fasst der Regionalwissenschaftler die Überlegungen von damals zusammen. Heute weiß er: Das Thema wurde und wird in der japanischen Blogosphäre breit diskutiert. „Häufig werden in den Beiträgen alltagsbezogene Themen verhandelt, zum Beispiel machen sich Mütter Sorgen, ob die Nahrungsmittel ihrer Kinder verseucht sind.“ Auch die Frage nach der Verantwortung, also ob sie beim Staat oder bei den beteiligten Unternehmen liege, werde häufig debattiert.

Die Forschung zu den japanischen Blogs sei noch nicht abgeschlossen. Studenten können das Textkorpus für Abschlussarbeiten verwenden. „Wir haben viele Themen, die noch realisiert werden wollen“, sagt Oberländer zufrieden. Außerdem sei geplant, die Software auch anderen Fächern zur Verfügung zu stellen. „Gerade ein Vergleich der japanischen Kultur mit dem arabischen Raum oder Europa wäre sehr spannend.“

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