Kontext: Was ist der Osten?

11.04.2019 von Manuela Bank-Zillmann in Wissenschaft, Kontext
Die Frage nach dem Osten, nach dem spezifisch Ostdeutschen, treibt Politik und Feuilletons überregionaler Tageszeitungen um. Was soll da erklärt werden und warum? Das Thema ordnet der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Daniel Cyranka ein.
Plattenbauten im Kölner Ortsteil Meschenich
Plattenbauten im Kölner Ortsteil Meschenich (Foto: etfoto / Fotolia)

Die Frage „Was ist der Osten?“ muss gestellt werden, auch wenn sie oft ärgert. Es geht darum, wie man das Thema zur Sprache bringt. „Ostdeutschland“ ist in meiner Hinsicht ein relativ junges Phänomen. Nach dem Ende der Diktatur in der DDR und der späteren Wiedervereinigung haben viele Beschreibungen und Namen den „Osten“ umkreist. „Ostdeutschland“ ist eine meines Erachtens besondere, aktuelle Variante.

Selbstverständlich gibt es wahrnehmbare Unterschiede zwischen Gebieten der ehemaligen DDR und anderen Gegenden Deutschlands – etwa in statistischer Hinsicht bei Wirtschaftsfaktoren, privatem Vermögen oder bei Migrationsfaktoren. Die „Neuen Länder“, die „fünf neuen Länder“ beziehungsweise inzwischen „Ostdeutschland“ werden allerdings oft so bezeichnet, als handele es sich um eine homogene Größe mit entsprechender Bevölkerung: „Ostler“, „Ostdeutsche“ oder „der Ossi“ im Kollektivsingular. Sollte eine Gesellschaft, die sich disparat zusammensetzt, als homogene Entität repräsentiert werden? Nein. Aber genau das ist zu beobachten. Unter dem Gesichtspunkt etwa, dass Religionen eine geringere Rolle spielen, wird dem Osten gleichzeitig kollektive Religionslosigkeit eingeschrieben. Die so apostrophierte Gegend erscheint in den Debatten zum Beispiel als „Missionsgebiet“ oder als „Republik der Heiden“, wie es jüngst in einer Zeitung hieß. Damit wird die Abweichung von einer Norm postuliert, die als Norm aber erst gesetzt wird, indem man über eben diese Abweichung spricht.

Vom „Gefühlsstau“, den ein bekannter Psychotherapeut allen ehemaligen DDR-Bürgern 1990 in seinem gleichnamigen Buch diagnostizierte, bis zum nicht individuell, sondern systemisch interpretierten „Ostdeutschen“, der gerade dabei ist, als homogene Ethnie etabliert zu werden, ziehen sich klare Linien. Wofür werden Bezeichnungen im Kollektivsingular eingesetzt? Zum Beispiel, um kollektive Erklärungsmuster für „ostdeutsche“ Eigenarten zu entwerfen, die sich als „typisch“ manifestieren.

Die Zuschreibung typischer Religionslosigkeit lässt sich übrigens auch mit Themen wie „Plattenbauten“ vergleichen, die es ausschließlich in der DDR gegeben zu haben scheint, was gegen jede vernünftige Erfahrung spricht. Auch der Plattenbau wird als ästhetisches, wohnungs- oder sozialpolitisches Problem in den symbolischen Osten verschoben, als gebe es Trabantenstädte in Deutschland und Europa nicht auch in anderen Gegenden.

Die Reduktion des „typisch Ostdeutschen“ (also des Nicht-Westdeutschen oder Nicht-So-Ganz-Westdeutschen) auf Konfessionslosigkeit, Religionslosigkeit oder gar Atheismus ist ein massiver Veränderungsprozess der letzten Jahrzehnte. Kirchen oder Religionsgemeinschaften erscheinen als von ihrem jeweiligen Umfeld getrennt und stehen ihm als etwas Untypisches oder gar Unpassendes gegenüber. Ihr spezifischer Kontext wird damit uneigentlich, denn entweder man ist nicht richtig ostdeutsch oder man ist nicht richtig religiös. Ein sich religiös verstehender Zeitgenosse hat es da eher schwer, denn typisch ostdeutsch ist vieles, nicht aber religiös zu sein. „Ostdeutsche Religion“ wirkt beinahe wie eine contradictio in adiecto, wie ein grundsätzlicher Widerspruch, letztlich unvereinbar.

Auch eine deskriptive Betonung der typischen Religionslosigkeit provoziert eine Haltung, die lautet: „Ja, genau! Das ist unsere Eigenheit. Das ist typisch ostdeutsch!“. Die „Republik der Heiden“ erscheint dann als positiv und wehrt sich gleichzeitig dagegen, „Missionsgebiet“ zu sein. Diese abgrenzende Dichotomisierung, diese positiv wie negativ identifizierende Trennung ist hoch problematisch. Und solche doppelten Vorgänge machen auch die Ambivalenz von „Ost-Beauftragten“ oder gar „Ost-Quoten“ deutlich.

Was ist der Osten? Heutige Wendungen des Zugeschriebenen ins Positive – als abgrenzendes Eigenes behauptete und diskursiv eingesetzte „Ost-Phänomene“ – sind jetzt stattfindende Vorgänge, die sich nicht einfach mit systemischen Erklärungen aus der Geschichte herleiten lassen, sondern in derzeitigen Debatten konkrete Orte und Funktionen haben. Das meine ich mit diskursiven Erzeugungen „des Ostens“, die immer auch einen Anhalt an sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit der Diktatur haben können.

Ich frage mich immer wieder, wie man sichtbar machen kann, dass „der Osten“, dass „Ostdeutschland“ keine naturwüchsige Größe ist, die man als Gegebenheit vorfindet und mit der man dann irgendwie fertigwerden muss, sondern dass der heute so oder so apostrophierte „Osten“ trotz aller historischen Bezüge etwas ist, was wir alle miteinander permanent erzeugen. Das macht es schwer, darüber zu reden. Es geht um die Art und Weise, in der das Thema repräsentiert und identifizierend eingeschrieben wird. Manche Probleme werden offenbar am symbolischen Osten gebündelt und damit auch gebändigt – sei es der Plattenbau oder seien es andere Merkwürdigkeiten, denen man nicht anders beikommt. Das ist kritisch wahrzunehmen.

Wichtig ist dabei, ganz klar zu sagen: Es geht nicht etwa darum, dass irgendjemand in einem irgendwie gedachten Westen sitzt und mit einem Finger auf den Osten zeigt, sondern darum, dass dies eine gemeinsame, eine diskursiv gesamtdeutsche Sicht und Sprechhaltung ist. „Den Osten“ gibt es nicht, wir alle machen ihn – unabhängig davon, ob wir uns ihm zugehörig fühlen oder uns ihm gegenüber sehen. Dass es den diskursiven Osten als besondere, als exzeptionelle Zone gibt, ist für gesamtdeutsche Debatten aber offensichtlich existenziell wichtig. Wir müssen das als einen Vorgang wahrnehmen, an dem wir alle massiv beteiligt sind, indem wir Homogenität für eine Gegend erzeugen, die inzwischen ein ganzes Land sein soll, dem inzwischen manchmal sogar ein (neuer) Name gegeben wird.

Der Text stammt aus der Print-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "scientia halensis" und steht in der Rubrik „Kontext“. Darin setzen sich Wissenschaftler der Martin- Luther-Universität mit einem aktuellen Thema aus ihrem Fach auseinander, erklären die Hintergründe und ordnen es in einen größeren Zusammenhang ein.

 

Daniel Cyranka
Daniel Cyranka
(Foto: Markus Scholz)

Prof. Dr. Daniel Cyranka ist seit 2012 Professor für Religionswissenschaft und interkulturelle Theologie an der Universität Halle. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen moderne Religionsgeschichte, Aufklärung und Pietismus, Esoterikforschung sowie die Implementierung diskurstheoretischer Ansätze in diese Themenfelder. Ein wesentliches Thema für Cyranka ist das Verhältnis von Postkolonialismus und „Zweiter Welt“.

Kontakt:
Prof. Dr. Daniel Cyranka
Institut für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaft
Tel. +49 345 55-23080
Mail: daniel.cyranka@theologie.uni-halle.de

Schlagwörter

Religion

Kommentar schreiben

Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.

Auf unserer Webseite werden Cookies gemäß unserer Datenschutzerklärung verwendet. Wenn Sie weiter auf diesen Seiten surfen, erklären Sie sich damit einverstanden. Einverstanden