Können historische Mini-Meiler helfen, bessere Böden zu produzieren?

08.11.2018 von Tom Leonhardt in Wissenschaft, Forschung
Sie sehen aus wie rauchende Ameisenhügel und sind womöglich das Geheimnis fruchtbarer Böden im spanischen Mittelmeerraum – sogenannte Formigueren. Diese mehrere Jahrhunderte alte Agrarkulturtechnik führte ein hallesches Forscherteam nach Spanien an den Südrand der katalonischen Pyrenäen.
Diese rauchenden Hügel sind das Thema eines neuen Forschungsprojekts am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften.
Diese rauchenden Hügel sind das Thema eines neuen Forschungsprojekts am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften. (Foto: José Olarieta)

Die Feldkampagne im Sommer dieses Jahres hatte sich das Team um die Bodenkundlerin Dr. Katja Wiedner sicherlich anders vorgestellt. Die Gruppe fuhr mit einem Kleinbus voller Geräte und Werkzeuge für die Bodenerforschung von Halle nach Spanien. „Als wir an unseren Untersuchungspunkten ankamen, hatten wir mit starkem Regen zu kämpfen. Innerhalb einer Woche ist in der Region der Jahresniederschlag heruntergekommen“, berichtet die Projektleiterin. Vor Ort besuchte das Team mehrere Standorte und nahm an verschiedenen Stellen Bodenproben. Ein beschwerliches Arbeiten sei das aufgrund des Wetters gewesen, so Wiedner.

Ob sich die Mühen gelohnt haben, wollen die Forscherinnen und Forscher nun im Labor klären. Ihre Arbeit ist Teil eines Forschungsprojekts, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft für drei Jahre mit rund 255.000 Euro fördert. Im Zentrum des Vorhabens stehen die Formigueren – eine Art Holzkohlemeiler im Miniaturformat. Diese wurden in Spanien vor Jahrhunderten häufig eingesetzt, so eine Annahme des Projekts. Diese Hügel wurden früher aufwändig angelegt. Im Inneren bestehen sie aus mehreren Schichten getrockneter Pflanzen. „Die Hügel sind mit einer Bodenschicht bedeckt. Innen wird ein Feuer entfacht, das die Pflanzenreste langsam und unvollständig verbrennt. Das kann man sich wie einen kleinen Meiler vorstellen, der auf bis zu 350 Grad hochheizt. Bei der Verbrennung entsteht vermutlich auch eine Form von Pflanzenkohle“, erklärt Wiedner. Die Überreste dieser Verbrennungen wurden dann auf dem umliegenden Ackerland verteilt.

Katja Wieder bei der sogenannten Bodenansprache, die zur Ermittlung des Bodenprofils dient. Hier erfolgt gerade die Farbbestimmung des Bodens.
Katja Wieder bei der sogenannten Bodenansprache, die zur Ermittlung des Bodenprofils dient. Hier erfolgt gerade die Farbbestimmung des Bodens.
(Foto: privat)

Besonders häufig findet man die Formigueren in Katalonien im Nordosten Spaniens. Dort ist das Landschaftsbild durch groß angelegte Terrassen geprägt, die dort vermutlich vor vielen hundert Jahren an steilen Berghängen angelegt wurden, um Ackerbau zu betreiben. „Es ist beeindruckend zu sehen, in welchen Dimensionen die Terrassierungen durchgeführt wurden“, berichtet Wiedner. Selbst auf Satellitenaufnahmen seien die menschlichen Spuren in der Landschaft deutlich zu erkennen. Seit wann die Mini-Meiler in diesen Gebieten tatsächlich eingesetzt wurden, ist noch unklar. In spanischen Archiven lassen sich Verweise auf Formigueren bis ins Jahr 1780 zurückverfolgen. Bis in die 1960er Jahre wurden Formigueren in weiten Teilen Spaniens angelegt. Mit dem Aufkommen synthetischer Düngemittel wurde die Technik aber zurückgedrängt.

Mit Hilfe von Isotopenanalysen wollen die Forscherinnen und Forscher das Alter der Böden bestimmen. „Wenn wir wissen, wie alt die Böden tatsächlich sind, können wir daraus Schlussfolgerungen über die weiteren Bodenbildungsprozesse in der Vergangenheit ziehen und damit neue Hinweise auf die Landschafts- und Kulturgeschichte des Menschen und seinen Einfluss auf die Böden erhalten“, erklärt Wiedner. Zusätzliche Boden- und Biomarker-Analysen sollen Aufschluss darüber geben, inwieweit und wodurch die Böden auf den großen Terrassen tatsächlich verbessert und nachhaltig gestaltet wurden. „Die Böden sind weitaus dunkler und fruchtbarer, als es umliegende Flächen sind, auf denen keine Formigueren angelegt wurden. Denn dort wachsen auch heute noch zahlreiche Pflanzen.“ Woran das liegt, sollen die Laboruntersuchungen klären.

Bei ihren Recherchen ist Wiedner auf einen Mann gestoßen, der die Technik noch im kleinen Maßstab einsetzt. Aktiv werden Formigueren jedoch nicht mehr eingesetzt. „Dadurch geht diese Kulturtechnik womöglich verloren“, erklärt Wiedner. Sie zu konservieren ist daher auch ein Anliegen des Projekts. Gleichzeitig geht es natürlich auch darum, ob sich mit den Formigueren – wie vermutet – nährstoffreiche Erde herstellen lässt.

In der Nähe des spanischen Ortes Vallbona de les Monges finden sich zahlreiche Terrassen-Landschaften wie diese.
In der Nähe des spanischen Ortes Vallbona de les Monges finden sich zahlreiche Terrassen-Landschaften wie diese.
(Foto: Katja Wiedner)

Das neue Projekt der halleschen Bodenkundler kommt zur rechten Zeit: Nicht nur der Klimawandel, auch die moderne Landwirtschaft setzt den Äckern weltweit zu. „Durch eine immer intensiver werdende Bewirtschaftung werden den Böden mehr und mehr Nährstoffe entzogen. Dabei bräuchte es angesichts der weiter wachsenden Weltbevölkerung eigentlich Böden, die langfristig und nachhaltig bewirtschaftet werden können“, sagt Wiedner. Gleichzeitig sei noch sehr wenig darüber bekannt, wie der Mensch den Prozess der Bodenbildung im Laufe der Zeit beeinflusst.

Während ihrer Arbeit vor Ort hat Wiedner auch einen Winzer kennen gelernt, der die Methode gerne wieder reaktivieren möchte. Gleichzeitig wollen die Forscherinnen und Forscher eine Antwort auf die Frage finden, ob sich ähnliche Böden auch mit heutigen Mitteln kostengünstig herstellen lassen. Dafür ist ein tieferes Verständnis ihrer Entstehung und Entwicklung nötig. Die Formiguer-Böden könnten zudem ein mediterranes Analog zu „Terra Preta“ darstellen, ein besonders nährstoffreicher und langlebiger Boden aus Südamerika. Dieser entstand dort vor über 2.000 Jahren. Heute versuchen zahlreiche Agrarbetriebe weltweit, ähnliche Böden schnell herzustellen – bisher jedoch mit verhaltenem Erfolg.

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Agrarwissenschaften

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