Rechtsgelehrter mit internationaler Strahlkraft – Ein Nachruf auf Rolf Lieberwirth

18.04.2019 von Heiner Lück in Personalia
Die Juristische und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg trauert um ihr ehemaliges Mitglied Prof. Dr. Dr. h. c. Rolf Lieberwirth. Rolf Lieberwirth war ein herausragender Forscher und Hochschullehrer auf dem Gebiet der Deutschen Rechtsgeschichte. Die von ihm in Halle vertretene Wissenschaftsdisziplin erlangte während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts internationales Ansehen. Ein Nachruf von Prof. Dr. Heiner Lück.
Rolf Lieberwirth bei einem Vortrag im Jahr 1994.
Rolf Lieberwirth bei einem Vortrag im Jahr 1994. (Foto: Bild- und Filmstelle der Uni/S. Schulze)

Zu den Forschungsschwerpunkten von Rolf Lieberwirth gehörten insbesondere Christian Thomasius (1655-1728), die Wissenschafts- und Universitätsgeschichte der Aufklärungszeit sowie die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Sachsenspiegels. Hierzu hat er Grundlegendes und Dauerhaftes geleistet. Von den viel beachteten Werken sind die immer noch maßgebliche Thomasius-Bibliographie (1955), die Übersetzung der Thomasius-Dissertationen über die Hexenprozesse und die Folter sowie essentielle Studien zum Sachsenspiegel und seinen Glossen hervorzuheben.

Rolf Lieberwirth wurde am 1. Dezember 1920 in Halle an der Saale geboren. Nach dem Schulbesuch wurde der 19-Jährige zum Militärdienst einberufen. Er hat den Zweiten Weltkrieg als Soldat von Anfang bis Ende miterlebt. Vor allem hat er ihn überlebt, was angesichts der menschenverachtenden Umstände ein großes Glück war. Eine schwere lebensgefährliche Verwundung konnte dank ärztlicher hoher Kunst geheilt werden. Gleich nach der Wiedereröffnung der hallischen Universität 1946 nahm Rolf Lieberwirth das Studium der Rechtswissenschaft auf. Seit 1948 wirkte an der damaligen Juristischen Fakultät die renommierte Rechtshistorikerin Prof. Dr. Gertrud Schubart-Fikentscher (1896-1985). Lieberwirth wurde nach dem Examen ihr Assistent und begann in dieser Position seine wissenschaftliche Laufbahn. Der 300. Geburtstag von Christian Thomasius stand bevor. So fand Rolf Lieberwirth unter der Ägide seiner verehrten Lehrerin den wissenschaftlichen Zugang zu Christian Thomasius.1953 folgten die Promotion mit einer Dissertation über die Pfandrechte bei Samuel Stryk (1640-1710), 1967 die Habilitation zu grundlegenden Schriften von Christian Thomasius. Seit dieser Zeit galt Rolf Lieberwirth als Thomasiusspezialist und war international hoch anerkannt. Seine Art und Weise, Rechtsgeschichte auf hohem Niveau zu betreiben, zeichnete sich dadurch aus, dass er stets eine philologisch-historische Herangehensweise pflegte, was ihm eine hohe Akzeptanz bei und fruchtbare Kooperationsmöglichkeiten mit anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen eröffnete. 

Von 1961 bis zu seiner Emeritierung 1986 lehrte und forschte Rolf Lieberwirth als Professor für Deutsche Rechtsgeschichte und Internationales Privatrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Hier wirkte er als sehr anerkannter Hochschullehrer und Forscher, dessen Bekanntheitsgrad auch im Westen Deutschlands, der damaligen Bundesrepublik, erheblich war. Er war einer der wenigen Hochschullehrer auf dem Gebiet der Rechtswissenschaft, die dem bürgerlich-humanistischen Bildungsideal die Treue hielten und sich nicht von der herrschenden Ideologie vereinnahmen ließen.

Diese Grundhaltung hat Rolf Lieberwirth, soweit das unter den schwierigen Umständen möglich war, auch seinen Schülern und Studenten vermittelt. Seine wissenschaftliche und charakterliche Akzeptanz in der Bundesrepublik Deutschland sowie im europäischen Ausland (Österreich, Schweiz, Frankreich, Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei) war über alle Zweifel erhaben.

Rolf Lieberwirth im Jahr 2016
Rolf Lieberwirth im Jahr 2016
(Foto: Peter Junkermann)

Mit der politischen Wende 1989/90 in der DDR erfüllte sich ein fundamentales Ideal des engagierten Hochschullehrers und Forschers Rolf Lieberwirth, das vor allem den Wiedereinzug der Freiheit von Lehre und Forschung an der Martin-Luther-Universität beinhaltete. Beim Neuaufbau der Juristischen Fakultät an Stelle der 1990/91 abgewickelten „Sektion Staats- und Rechtswissenschaft“ erwarb sich Rolf Lieberwirth hervorragende Verdienste. Zunächst wurde er gebeten, mit immerhin über 70 Lebensjahren, wieder Vorlesungen über Deutsche Rechtsgeschichte zu halten. Diese Aufgabe erfüllte er mit Bravour.

Des Weiteren wurde er als fachlich geachteter Professor der Rechtswissenschaft dafür gewonnen, in der Gründungskommission für die 1991 ff. neu aufzubauende Juristische Fakultät mitzuwirken. In diesem Gremium leistete er eine grundlegende Arbeit, die auf die Besetzung der neuen (Gründungs-) Professuren zielte. Dank seines Engagements und seiner fachlichen Kompetenz konnte in kurzer Zeit eine mit anderen deutschen Juristenfakultäten konkurrenzfähige Besetzung erreicht werden. 1993 fand die feierliche Gründungsveranstaltung der neuen Juristischen Fakultät Halle-Wittenberg statt.

Die Mitwirkung von Rolf Lieberwirth in dieser entscheidenden Gründungsphase war auch unter dem Gesichtspunkt der gemeinsamen Gestaltung der neuen freiheitlich-demokratischen Verhältnisse durch Personen aus den sogenannten alten Bundesländern und Personen aus den sogenannten neuen Bundesländern von weit reichender politischer und sozialer Bedeutung. So konnten viele Vorurteile gegenüber den neuen Strukturen und Grundlagen von vornherein abgebaut beziehungsweise minimiert werden.

Neben der verantwortungsvollen Tätigkeit als Mitglied der Gründungskommission für die Juristische Fakultät wurde Rolf Lieberwirth 1989 vom Rektor der Martin-Luther-Universität gebeten, die Rehabilitierungskommission der Universität zu leiten. Diese Aufgabe nahm Rolf Lieberwirth ebenfalls mit großem Engagement und menschlichem Einfühlungsvermögen wahr. Die Kommission hatte die Aufgabe, Wissenschaftler, die wegen ihrer politischen Einstellung an ihrem akademischen Werdegang in der DDR benachteiligt worden waren (Nichtzulassung zur Habilitation, Zurücksetzung bei Stellenbesetzung etc.), seitens der Universität zu rehabilitieren. Auch hierbei handelte es sich um eine Aufgabe, von deren Realisierungsqualität das Werden der deutschen Einheit im Bereich der Wissenschaft abhing. In dieser Funktion war Rolf Lieberwirth mehrere Jahre tätig. Dank seiner umsichtigen, gleichwohl engagierten Amtsführung konnten viele Wissenschaftler(innen) ihren akademischen Verdiensten gemäß rehabilitiert werden. Die Wirkung dieser Unternehmung zur Beseitigung bzw. Kompensierung von DDR-Unrecht kann aus der Retrospektive kaum überschätzt werden. Auch daran soll nach knapp 30 Jahren anlässlich des Todes von Rolf Lieberwirth erinnert werden.

Als weiteres Wirkungsfeld von Rolf Lieberwirth muss die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, die seit 1945 für die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen als renommierte Gelehrtengesellschaft zuständig ist, aufgerufen werden. Im Jahre 1972 ist er zum Ordentlichen Mitglied der Sächsischen Akademie gewählt worden. Hier entfaltete er in der Philologisch-historischen Klasse, aber auch im Plenum, eine rege Vortrags-, Diskussions-, und Publikationstätigkeit. Seine in den Sitzungsberichten der Akademie publizierten Akademievorträge fanden große Beachtung. Analoges gilt für Lieberwirths Wirken in der der Akademie angeschlossenen Historischen Kommission, welche auch in der DDR-Zeit existierte.

In den frühen 1990er Jahren hatte Rolf Lieberwirth als Vizepräsident der Akademie unter anderem die personelle Erneuerung der Gelehrtengesellschaft mit zu leiten. Die damit verbundenen Probleme waren ähnlich jenen, die an den Universitäten zu bewältigen waren. Die personelle Erneuerung war existentiell für den Fortbestand der Akademie. Nur auf diesem Weg konnte sie einen geachteten Platz neben den weiteren sechs Akademien (Berlin-Brandenburgische Akademie, Nordrhein-westfälische Akademie, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz, Bayerische Akademie der Wissenschaften) finden. Das ist dank der Arbeit von Rolf Lieberwirth als Vizepräsident vollauf gelungen. Durch sein Wirken fand die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig zurück in eine von Freiheit und Unabhängigkeit geprägte gesamtdeutsche Wissenschaftslandschaft.

Auf der Grundlage der von Rolf Lieberwirth erarbeiteten Konzeption eines großen wissenschaftlichen Editionsvorhabens (Edition der Sachsenspiegel-Glossen) wurde 1994 bei der Sächsischen Akademie eine Forschungsstelle eingerichtet, die aus dem bundesweiten Akademienprogramm finanziert wird. Dieses Vorhaben, das bis 2022 laufen wird, verklammert die Akademie mit den Monumenta Germaniae Historica (MGH), der entscheidenden Institution für die Edition historischer Quellentexte. Rolf Lieberwirth war von 1994 bis 2011 Mitglied der Zentraldirektion der MGH und leistete in diesem Amt eine hervorragende Arbeit. Maßgeblich über ihn und das Editionsprojekt sind Halle und Leipzig als lebendige Standorte hochwertiger Quelleneditionen bekannt geworden. 

Rolf Lieberwirth gehörte sein ganzes Leben lang zu den aufmerksamen und kritischen Beobachtern der gesellschaftlichen Entwicklung. So hat er auch eine Fülle von Quellen, Eindrücken und Fakten zusammengetragen, welche die jüngere Geschichte der Juristischen Fakultät Halle, an der er über 30 Jahre aktiv gelehrt hat und der er darüber hinaus weitere Jahrzehnte lang verbunden geblieben war, betreffen. Seine Sicht auf die Dinge hat er 2008 in einer viel beachteten und z. Z. ausverkauften Monographie veröffentlicht (R. L.: Geschichte der Juristischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg nach 1945. Fakten und Erinnerungen, Köln u. a. 2008; 2. Aufl. 2010). Eine solche wissenschaftliche Darstellung der Geschichte einer Juristischen Fakultät (1945-1989) ist in der Bundesrepublik einzigartig. Es gibt wohl keinen weiteren Rechtslehrer, der ein halbes Jahrhundert lang die Entwicklungen vor Ort bewusst registrierte und in eine wissenschaftlich belastbare literarische Form brachte. Das ist Rolf Lieberwirth vollauf gelungen. In diesem Buch kann man gut nachlesen, wie schwer es war, in der DDR über die Grenzen hinaus akzeptierte Wissenschaft zu betreiben und jungen Menschen relativ unabhängig von der verordneten Ideologie bestimmte humanistische und liberale Grundwerte zu vermitteln. Dazu hat Rolf Lieberwirth einen herausragenden Beitrag geleistet.

Im Verlauf seines wissenschaftlichen Lebens hat Rolf Lieberwirth nicht nur Fachleuten, sondern auch interessierten Laien durch viele Vorträge und andere Veranstaltungen die Vorzüge einer freien Wissenschaft vermittelt.

In Ansehung seiner wissenschaftlichen und wissenschaftsorganisatorischen Leistungen wurde Rolf Lieberwirth verdient mehrfach geehrt. 1990 erschien ihm zu Ehren eine Festschrift anlässlich des 70. Geburtstages. 1995 erfolgte die Verleihung der juristischen Ehrendoktorwürde durch die Georg-August-Universität Göttingen. 1997 erschien eine Sammlung seiner Aufsätze. 1998 folgten eine Festschrift zum 75. Geburtstag und 2000 eine weitere Festschrift zum 80. Geburtstag. 2010, anlässlich des 90. Geburtstages, wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Seine wissenschaftlich-schriftstellerische Tätigkeit bis in das sehr hohe Alter veranlasste eine weitere Aufsatzsammlung, die 2016 aus Anlass seines 95. Geburtstages vorgelegt werden konnte.
Für eine umfassende Gesamtwürdigung von Leben und Werk des Verstorbenen ist hier nicht der Raum. Eine solche wird an anderer Stelle erfolgen.

Am 5. April 2019 ist Rolf Lieberwirth nach einem langen erfüllten Leben in Halle verstorben. Eine Woche später ist er auf dem Gertraudenfriedhof beerdigt worden. Neben seiner Familie haben ihm der Rektor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Dekan unserer Fakultät, seine Schüler, Freunde und Weggefährten die letzte Ehre erwiesen.

Wir werden den großen hallischen Gelehrten mit internationaler Strahlkraft, unseren ehemaligen Kollegen und den herzensguten Menschen Rolf Lieberwirth in immerwährender dankbarer Erinnerung behalten.

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Kommentare

  • Schulz am 07.05.2019 00:28

    Zu DDR-Zeit war Prof. Lieberwirth als liberaler Hochschullehrer (LDPD-Mitglied) ein „Leuchtturm“ unter den mehrheitlich linientreuen „Genossen Professoren“ der Juristischen Fakultät und späteren Sektion Staats- und Rechtswissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg (MLU). So stieß er im Frühjahrssemester 1967 mit seinen ideenreichen Vorlesungen zum „Römischen Recht“ bei den Kommilitonen des 1. Studienjahres der Fachrichtung Wirtschaftsrecht auf reges Interesse – ganz im Gegensatz zu seiner Mitarbeiterin. Sie war für die Vorlesungen/Seminare zur „Geschichte der Arbeiter- und Bauernmacht“ zuständig und ließ kein „gutes Haar“ an der Arbeit der bürgerlichen Minister, namentlich diejenigen von der CDU, welche in der so genannten „antifaschistisch-demokratischen Ordnung“, insbesondere in der Landesregierung Sachsen-Anhalts wirkten, wo der Ministerpräsident ein LDPD-Mitglied war.“

    Auch Professor Lieberwirth ließ sich mehr oder weniger freiwillig unter den Propagandakarren der DDR spannen. So unterschrieb er 1965 einen Appell an westdeutsche Kollegen zur Verhinderung der Notstandsgesetze zusammen mit den MLU-Rechtsprofessoren Willi Büchner-Uhder (SED) und Hans Spiller (SED) sowie anderen „Genossen Rechtswissenschaftlern“ auch von anderen DDR-Universitäten. Ebenso setzte der der Völkerrechtler Reintanz (CDU) von der MLU seine Unterschrift unter die Behauptung, dass es sich um eine „Gesetzgebung“ handelt, „die bis ins minutiöse Detail der Vorbereitung und Durchführung eines totalen Krieges bestimmt ist …“
    (Quelle: Neues Deutschland, 18. April 1965, Ausgabe 107, Seite 5).

    Die Ankündigung im Nachruf , an „anderer Stelle“ das Leben und Werk des renommierten Rechtsgelehrten und Universitätsprofessors Rolf Lieberwirth insgesamt zu würdigen, lässt hoffen, dass dabei detailliert aufgezeigt wird, welche Kompromisse er eingehen musste, um wissenschaftlich forschen und die Forschungsergebnisse auch publizieren zu können.

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