Grete Budde: Berührende Familientreffen und ein Auftakt für die Forschung

17.05.2022 von Katrin Löwe in Varia
Nach sechs Monaten ist am vergangenen Sonntag die Ausstellung „Grete Budde. Werke für die Universität“ in der Zentralen Kustodie zu Ende gegangen. Die Tochter eines jüdischen Hutfabrikanten gilt als eine der ersten Frauen, die sich der Bildhauerei und Porträtplastik widmeten. Kustos Dr. Dirk Schaal zieht im Interview Bilanz einer ebenso bemerkenswerten wie berührenden Exposition.
Kustos Dirk Schaal mit den neuen Büsten von Emil Arnold Budde, Olga Kaufmann und Bernhard Budde (von links)
Kustos Dirk Schaal mit den neuen Büsten von Emil Arnold Budde, Olga Kaufmann und Bernhard Budde (von links) (Foto: Markus Scholz)

Es war im Rahmen des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ die erste Einzelausstellung von Werken Grete Buddes. Wie viele Besucherinnen und Besucher konnten Sie in ihr begrüßen?
Dirk Schaal: Insgesamt 1.543. Wir hatten durchgängig Besucher, mit einigen Spitzen wie der Nacht der Museen oder bei anderen besonderen Anlässen. Medien haben mehrfach berichtet, es gab im Gästebuch der Ausstellung überdurchschnittlich viele ernste, wohlwollende und auch nachdenkliche Einträge. Insgesamt war die Resonanz trotz des Ausnahmezustands durch Corona also aus meiner Sicht gut. Zudem ist es uns gelungen, in ein Kooperationsprojekt des Kunstmuseums Moritzburg unter dem Titel „Spektrum Bildhauerei“ aufgenommen zu werden. Das zeigt, dass wir als Universität von etablierten Kunstmuseen ernst genommen werden. Und: Wir haben mit der Ausstellung ein Thema getroffen, mit dem wir in die Stadtgesellschaft hineinwirken, uns stärker mit der Stadt vernetzen.

Inwiefern?
Wir haben gemeinsam mit dem Courage e.V., der sich Grete Budde und der Indologin Betty Heimann in einer Publikation in den 1990er Jahren gewidmet hatte, und dem Stadtmuseum eine Spendenaktion initiiert, um einen angemessenen Erinnerungsort für Grete Budde zu schaffen. Die Künstlerin war nach ihrem Tod 1967 weitgehend in Vergessenheit geraten. Auf dem gemeinsamen Grab von ihr und ihrem Mann Werner auf dem Laurentiusfriedhof fehlt ihr Name. Ziel der Spendenaktion ist es, das Grab zum Ehrengrab zu machen und den Namen von Grete Budde auf der Grabplatte aufbringen zu lassen. Das liegt uns sehr am Herzen.

Im Zusammenhang mit dem Andenken an Grete Budde ist es auch zu berührenden Momenten gekommen. Welche haben Sie am meisten bewegt?
Zum Beispiel der Besuch von Familienmitgliedern aus Kanada, wohin Grete Buddes jüngere Tochter ausgewandert war. Eine Enkelin und eine Urenkelin waren zur Ausstellungseröffnung hier und haben zum ersten Mal die Büsten ihrer jungen Eltern beziehungsweise Großeltern gesehen. Das war schon sehr berührend. Außerdem haben sich durch die Ausstellung Mitglieder verschiedener Familienzweige zum ersten Mal überhaupt getroffen. Das war ein großes Glück für alle. Auch die Nachfahren von Freunden der Familie Budde, die sie noch kennengelernt haben, haben übrigens unabhängig voneinander Geschichten über die Künstlerin erzählt, die sehr ähnlich waren. Zum Beispiel, dass Grete Budde in der Adventszeit mit den Kindern in ihre Werkstatt gegangen ist und mit ihnen gemeinsam Weihnachtskrippen aus Ton gefertigt hat. Die älteren Menschen, die uns diese Geschichten erzählt haben, hatten ein Kinderaugen-Leuchten. Wie prägend diese Begegnungen gewesen sein müssen! Das ist ein eher unerwartetes Ergebnis: Dadurch ist uns Familie Budde schon ans Herz gewachsen, mit ihr hätte man auch gern am Kaffeetisch gesessen.

Umgedreht hat die Ausstellung offenbar auch die Familie der Künstlerin bewegt. Die Kustodie hat Zuwachs erhalten…
Ja, es hat uns sehr gefreut, dass wir als würdig empfunden wurden, Büsten aus dem Familienbesitz der Buddes für unsere Sammlung zu erhalten. Uns wurde eine Büste von Werner Buddes Bruder Bernhard geschenkt, zudem eine Terrakotta-Büste von Olga Kaufmann, einer Freundin der Familie. Dazu kommt noch eine Büste von Werner Buddes Vater. Damit hat es nicht nur eine Familienzusammenführung der lebenden Buddes gegeben, sondern auch der Väter von Grete und Werner Budde. Die Büste von Grete Buddes Vater ist ebenfalls in Halle, im Besitz der Moritzburg. Außerdem werden uns jetzt aus der Bibliothek von Werner Budde Bücher geschenkt, die sich beim Sohn eines Nachfolgers von Werner Budde befinden. So können wir im Universitätsarchiv den Bestand zu Werner Budde ergänzen.

Für eine Bilanz ist das wirklich eine ganze Menge, das Besondere an der Ausstellung war aber schon die Vorbereitung, richtig?
Sie war auf jeden Fall mit sehr viel Arbeit verbunden. Insgesamt konnten wir mehr als 100 Werke von Grete Budde recherchieren, von einem Großteil davon haben wir auch ein Foto. Unter anderem haben wir in der Universitäts- und Landesbibliothek eine nie gedruckte Dissertation aus DDR-Zeiten ausgegraben, die sich mit Plastik in Halle im 20. Jahrhundert – und damit auch mit Grete Budde – beschäftigt hat. Im Archiv sind wir auf eine Reihe von Fotografien der ehemaligen Universitäts-Bildstelle gestoßen, die Büsten zeigen, deren Verbleib wir nicht kennen. Diese konnten wir für den Katalog nutzen. Das kann aber nur der Anfang sein. Ein Ziel muss jetzt die weitere wissenschaftliche Bearbeitung sein, vielleicht ja an unserer Universität: die Kontextualisierung des Werks, dessen Einordnung, die Entwicklung von Grete Budde als Künstlerin. Mittlerweile tauchen am Rande auch immer mehr Bildhauerinnen mit ähnlichen Biografien auf – es ist ein Versäumnis der Kunstgeschichte, dass diese Frauen in Vergessenheit geraten sind.

Auszüge aus dem Gästebuch

  • Vielen Dank für die Ausstellung! Sie hat warme Erinnerungen an meine Großeltern und das Werk meiner Großmutter geweckt und bestärkt.
  • Danke für die interessante Ausstellung und die Anregung zum Nachdenken in unserer gegenwärtigen politischen Situation!
  • Danke für die kleine, aber feine Ausstellung. Die Büsten lassen die Personen im wahrsten Sinne plastisch hervortreten, das ergänzt die Lebensläufe ganz hervorragend!
  • It has been a wonderful visit to the exhibit and to see the work and care put into the exhibit. With warm regards.
  • Herzlichen Dank für die öffentliche Wiederentdeckung von Grete Budde. Ihren Namen las ich das erste Mal in einer Notiz meiner Großmutter Hilda Mothes. Mein Großvater Kurt Mothes hatte auf seinem Schreibtisch eine Bronzeplastik stehen, die ursprünglich aus Gips war. Grete Budde machte daraus den Bronzeabguß und arbeitete ihn nach.
  • Wie schön – unsere Forschungen aus den 90er Jahren zu Grete Budde als Ausgangspunkt der Ausstellung wiederzufinden. Die Puzzleteile sind mit Sicherheit noch nicht komplett! … und wie wir hörten – es gibt noch viel zu erzählen!
  • Sehr gut, dass an den großen, unverzichtbaren Beitrag jüdischer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an der Lehr- und Forschungstradition der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit dieser Ausstellung erinnert wird.
  • Die Porträtbüsten erwecken die geistigen Wegbereiter und -begleiter der altehrwürdigen Universitas Halensis zu neuem Leben. Es sind Männer und Frauen, die durch die Zeiten der Umbrüche 1933-1949 gingen. Sie schauen uns an und laden ein zum Erinnern und Nichtvergessen.
  • Menschen für die Ewigkeit und jetzt möchte ich mehr über die Porträtierten wissen. Danke Grete Budde!

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