Die Perspektive der Betroffenen in den Blick nehmen

09.10.2018 von Ines Godazgar in Wissenschaft, Campus, Studium und Lehre
Prof. Dr. Georg Theunissen hat den einzigen Lehrstuhl für Pädagogik bei Autismus im deutschsprachigen Raum inne. Sein Engagement gilt einem innovativen Umgang mit dem Thema in Deutschland. Nach wie vor werden autistische Menschen hierzulande eher diskriminiert und ausgegrenzt als respektiert und inkludiert. Was nicht nur an einer weit verbreiteten Unwissenheit liegt, sondern auch daran, dass die Perspektive der Betroffenen nicht so stark im Vordergrund steht.
Georg Theunissen engagiert sich für einen innovativen Umgang mit dem Thema Autismus.
Georg Theunissen engagiert sich für einen innovativen Umgang mit dem Thema Autismus. (Foto: Michael Deutsch)

Sie fordern einen innovativen Umgang mit dem Thema Autismus in Deutschland, warum?
Georg Theunissen: Weil wir stark auf die Defizite orientiert sind. Ein Blick in die USA kann da helfen. Wie dort sollten auch wir den Autismus als Ausdruck des persönlichen Seins begreifen und nicht per se als Störung. Das bedeutet: Positive Aspekte autistischer Menschen sollten stärker in den Fokus geraten. Dazu gehören Besonderheiten im Denken oder in der Wahrnehmung. Einige davon könnten im beruflichen Umfeld von Vorteil sein. Zum Beispiel die Detailwahrnehmung.

Sie gelten in Deutschland als einer der führenden pädagogischen Autismus-Forscher. Wann hatten Sie erstmals mit dem Thema Kontakt?
Das war um 1980. Damals war ich pädagogisch leitend in einer großen Behinderteneinrichtung tätig, wo ich federführend ein Konzept zur Enthospitalisierung der dort lebenden Menschen erarbeitet hatte. Das war wichtig, denn zu jener Zeit waren fast alle Patienten mit der Diagnose „Frühkindlicher Autismus“ in der Psychiatrie untergebracht. Sie galten zugleich als geistig behindert, was heute von führenden Autismus-Forschern anders gesehen wird. Schon damals haben Eltern sich gegen die Unterbringung ihrer Kinder in psychiatrischen Einrichtungen gewehrt. Jedoch gab es noch keine tragfähigen Alternativen zum Wohnen und zur Unterstützung autistischer Menschen, keine Selbstvertretungsgruppen und erst vereinzelt Autismus-Ambulanzen.

In den USA war man Ende der 1980er Jahre schon weiter?
Ja. Dort war die Empowerment-Bewegung entstanden, die den Selbstvertretungsanspruch behinderter Menschen selbstbewusst nach außen trug. Außerdem gab es das Konzept der Positiven Verhaltensunterstützung als Alternative zu einer eher bestrafenden Praxis, das meinem Ansatz im Umgang mit Autismus sehr ähnlich war. Dabei geht es um einen stärker auf Ressourcen und Stärken orientierten Blick.

Ihr Lehrstuhl für Geistigbehindertenpädagogik wurde 2012 um die Pädagogik bei Autismus erweitert. Wie kam es dazu?
Die Zeit war reif. Außerdem stand ich vor einer simplen Erkenntnis, die mich zugleich erstaunt hat: Schätzungen zufolge liegt der Anteil autistischer Menschen an der Gesamtbevölkerung bei rund einem Prozent. Damit ist er etwa genauso hoch wie der von Menschen, die hierzulande als geistig behindert bezeichnet werden. Analog zu diesem Befund gab es in Deutschland zwar 16 Lehrstühle für Geistigbehindertenpädagogik, jedoch keinen für die Pädagogik bei Autismus. Dieses Missverhältnis wollte ich aufbrechen.

Was hat sich seither getan?
Durch häufige Forschungsaufenthalte in den USA wusste ich, dass die Situation in Deutschland ausbaufähig war. Viele wissenschaftlich fundierte Theorien und Überlegungen zum Autismus waren hierzulande unbekannt oder wurden nicht zur Kenntnis genommen. Deshalb habe ich zunächst einige der wichtigsten Ansätze aufgegriffen und zusammen mit meinen Mitarbeitern ein Handlexikon zum Autismus-Spektrum erarbeitet, an dem international renommierte Forscher und Betroffene mitgewirkt haben. Das war im Prinzip Aufbauarbeit. Diese Phase war wichtig, denn nur, wenn man einen Überblick über den Stand der Forschung, die Fachdiskussion und die Betroffenen-Sicht hat, kann man den Autismus mit seinen vielfältigen Erscheinungsformen besser erfassen, diagnostizieren und verstehen. Darüber hinaus hatten wir begonnen, Persönlichkeiten aus dem Autismus-Spektrum zu unseren Fachtagungen einzuladen. Dort konnten sie ihre Position darstellen und fühlten sich so besser wahrgenommen. Davon haben vor allem hiesige Selbstvertretungsorganisationen profitiert.

Dennoch unterscheidet sich der wissenschaftliche Umgang mit dem Thema in Deutschland heute noch immer von dem in den USA. Warum?
Es gibt bei uns noch immer zwei Strömungen. Nämlich jene, der auch ich mich zugehörig fühle, die stärker von der Position der Betroffenen ausgeht. Sie ist wissenschaftlich fundiert und wird durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse gestützt. Ihr gegenüber steht eine eher konservative, klinische Position, die damit zumindest teilweise kollidiert. Ich denke, es braucht Zeit, bis sich das ändert.

Was sind die Gründe dafür, dass man in den USA auch gesellschaftlich progressiver auf den Autismus schaut?
Einerseits steht der Selbstbestimmungsgedanke in den USA viel stärker im Mittelpunkt. Dadurch werden Netzwerke der Selbsthilfe und Selbstvertretung stärker gehört und finanziell unterstützt. Außerdem gibt es einige berühmte Autisten, die hohes Ansehen genießen. Zum Beispiel Prof. Temple Grandin, die weltweit führende Spezialistin für den Entwurf von Viehzucht-Anlagen, deren Leben inzwischen sogar verfilmt worden ist.

Was nehmen die Studierenden an der MLU von Ihrer Forschung mit?
Ich finde es wichtig, dass jeder, der bei uns im Rahmen des Lehramts Geistigbehindertenpädagogik oder im Masterstudiengang der Erziehungswissenschaften Rehabilitationspädagogik studiert, Lehrveranstaltungen zur Pädagogik bei Autismus hört. Dabei vermitteln wir eine funktionale, verstehende Sicht von Autismus, die zwischen autistischen Merkmalen, autistischem Verhalten und zusätzlichem herausfordernden Verhalten unterscheidet. Die Studierenden müssen verstehen, warum sich Autisten in bestimmten Situationen herausfordernd verhalten. Oft verbirgt sich dahinter eine enorme Sensibilität, zum Beispiel beim Hören, die dafür sorgt, dass sie Situationen nicht aushalten können. Diese funktionale Problemsicht habe ich stark ausgearbeitet. Sie ist wichtig, wenn man autistische Menschen wirkungsvoll unterstützen will. Und darum geht es. Wenn Studierende sich die verstehende Perspektive aneignen und den Umgang mit dem Thema reflektieren, ist das eine gute Voraussetzung dafür, dass sich auch in der Gesellschaft etwas bewegt.

Prof. Dr. Georg Theunissen
Institut für Rehabilitationspädagogik
Telefon: +49 345 55-23755
E-Mail: georg.theunissen@paedagogik.uni-halle.de

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