„Die meisten Königshäuser waren auffällig“

13.10.2020 von Tom Leonhardt in Wissenschaft, Forschung
Wilhelm II. war der letzte deutsche Kaiser. Er galt als rast- und ziellos, führte Deutschland in den Ersten Weltkrieg und wurde von Zeitgenossen als geisteskrank bezeichnet. Medizinhistoriker PD Dr. Florian Bruns hat diese Fremddiagnosen erforscht. Ein Gespräch mit ihm und Zeithistoriker Prof. Dr. Patrick Wagner
Wilhelm II - hier auf dem halleschen Marktplatz - war als Reisekaiser verschrien.
Wilhelm II - hier auf dem halleschen Marktplatz - war als Reisekaiser verschrien. (Foto: Stadtarchiv Halle (Saale))

Wilhelm II. hat keine gute Bilanz vorzuweisen. Trotzdem wartet er im Exil in Holland darauf, dass das deutsche Volk ihn befreit. Das spricht nicht unbedingt für einen gesunden Bezug zur Realität.
Patrick Wagner: Das spricht zunächst dafür, dass ein Monarch in einer bestimmten Blase lebt. Die Frage, ob er verrückt gewesen ist oder nicht, kann ich als Historiker nicht wissenschaftlich basiert beantworten.

Florian Bruns: Noch schwieriger wird es, wenn gar kein Material dazu da ist. Wenn Wilhelm II. tatsächlich in psychiatrischer Behandlung gewesen wäre, könnte man dieses Material sichten. Nach allem, was man weiß, war er aber nicht in Behandlung. Der Punkt zur Rückkehr des Kaisers ist spannend. Ich bin mir nicht sicher, ob er da so völlig falsch lag.

Wagner: Was seine Person betrifft, kann man die reale Chance auf Rückkehr ausschließen. Wilhelm II. war bei Linken und Liberalen bis 1918 ohnehin nie beliebt. Bei großen Teilen des rechten Lagers, das ihn hätte zurückholen müssen, hat er sich im Herbst 1918 unmöglich gemacht: Dass er angesichts von Revolution und Kriegsniederlage ins Exil ging, statt den Tod auf dem Schlachtfeld zu suchen, wurde als Fahnenflucht interpretiert. Von daher war die Restauration der Monarchie während der Weimarer Republik zwar ein Thema, aber nicht unter ihm.

Es gibt also keine psychiatrischen Unterlagen zu Wilhelm II., aber es gibt viele Ferndiagnosen von Zeitgenossen, die ihm zum Beispiel eine Nervenschwäche attestieren. Wie kommt man eigentlich dazu, einen Kaiser auf diese Art und Weise einzuschätzen, ziemt sich das?
Bruns: Das Thema lag zu jener Zeit in der Luft. Man muss nur an Ludwig II. von Bayern denken, der 1886 wegen einer angeblichen psychischen Erkrankung kaltgestellt wurde. In Preußen gab es Friedrich Wilhelm IV., der wegen einer Gehirnerkrankung und psychischer Auffälligkeiten regierungsunfähig wurde.

Wagner: Wenn Sie sich damals in Europa umschauen, ist es eine Zeit, in der viele Monarchen und Angehörige der Königsfamilien an den neuen bürgerlichen Leistungsidealen gemessen werden – und dabei durchfallen.

Woher kommen diese Urteile?
Bruns: Wir befinden uns Ende des 19. Jahrhunderts in der Zeit der Expansion der Psychiatrie. Überall werden psychiatrische Anstalten gebaut, an Universitäten Lehrstühle für Psychiatrie und Nervenheilkunde eingerichtet. Die Psychiatrie wagt sich weit ins Politische hinein. Sie versucht, Ferndiagnosen zu erstellen und Deutungsmacht zu erlangen. Die Neurasthenie, die Nervenschwäche, ist eine Modediagnose des späten 19. Jahrhunderts, die sehr vielen Menschen übergestülpt wird, auch dem Kaiser.

Wagner: Das Verhältnis der Gesellschaft zu diesem Phänomen ist ambivalent. Es ist eine Krankheit. Es gilt aber auch als schick, nervös und rastlos zu sein. Die Beschleunigung – durch Telegrafie, Eisenbahnen, Schifffahrten, das engere Zusammenleben in den Städten –, daran arbeitet sich eine Welle der Kulturkritik ab. Dass einen die moderne Welt krankmachen könne, ist nicht ehrenrührig.

Die Diagnosen wurden aber auch als politische Waffe verwendet: Dem Kaiser wird Größenwahn unterstellt und es wird versucht, ihn so zu verunglimpfen.
Wagner: Das stimmt. Wobei allerdings damals die eigentlich dominante Strömung darin bestand, nicht den Herrschenden, sondern den Anhängern des Sozialismus und der Revolution pathologische Züge zuzuschreiben, und zwar kollektiv.

Nach dem Motto: Sie glauben an den Sozialismus, …
Wagner: … das sind alles Psychopathen.

Haben diese Verunglimpfungen etwas gebracht?
Bruns: Geholfen hat es den Revolutionären sicher nicht. Hinzu kam, dass einige Vertreter der Münchner Räterepublik nach bürgerlichen Maßstäben äußerlich ziemlich wild aussahen, was zu diesen Diagnosen zu passen schien. Aber die Psychopathologisierung konnte eben auch den Kaiser treffen – das ist ein Ergebnis meiner Forschung, das ich nicht erwartet hatte.

Wie sehen die Beschreibungen von damals denn noch aus?
Bruns: Die Ferndiagnosen beginnen nicht erst mit Beginn der Revolution. Dem Kaiser wurde schon während seiner Regierungszeit ein krankhafter Drang zur Lüge und Übertreibung attestiert. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine ärztliche Empfehlung, der Kaiser möge einmal am Tag ein ernsthaftes Buch lesen, um sich innerlich zu sammeln. Uns begegnen Begriffe wie Entartung oder Degeneration. Das sind klassische Begriffe der Jahrhundertwende im beginnenden Eugenik-Diskurs, der Menschen nach der vermeintlichen Qualität ihres Erbguts einordnet. Die engen Heiratskreise innerhalb der hochadeligen Herrscherfamilien wurden nun genetisch problematisiert. Das war etwas Neues.

Wagner: Die Romanows vererben die Bluterkrankheit und bei den Hohenzollern und Windsors ist der Anteil derer, die mit psychiatrischen Diagnosen versehen werden, sehr hoch. Gemessen an den Kriterien der Zeit waren die meisten Königshäuser auffällig.

Psychiatrische Diagnosen sind also im Kommen. Hängt das auch mit dem Fortschrittsglauben der damaligen Zeit zusammen?
Wagner: Das ist Teil von dem, was der Soziologe Max Weber die „Entzauberung der Welt“ genannt hat. Es wird immer mehr versucht, Verhaltensweisen mit naturwissenschaftlich identifizierbaren Gründen zur erklären. Alles soll berechenbar und kalkulierbar sein. Psychisch auffällige Menschen gibt es nicht erst, seitdem es die Psychiatrie gibt. Jetzt entsteht aber das Bedürfnis zu kategorisieren und so Krankheiten therapiefähig zu machen.

Zurück zu Wilhelm II.: Er sagte über sich selbst, dass er keine leichte Kindheit hatte. Er kam mit einem verkümmerten linken Arm zur Welt, einer Behinderung. Als Wilhelm II. an die Macht kommt, hat er mit Bismarck einen extrem erfolgreichen Kanzler. Könnte das nicht dazu beigetragen haben, dass der Kaiser als geschädigt angesehen wird und sich auch selbst so wahrnimmt?
Wagner: Das glaube ich nicht. So lange war Bismarck nicht Kanzler unter Wilhelm II. Was wir jetzt gerade machen, ist übrigens lange auch undenkbar gewesen: Wir messen Könige an ihren Leistungen. Als das Gottesgnadentum noch als Legitimationsmuster funktionierte, hätte man das nicht gemacht. Könige waren Auserwählte Gottes, Punkt. Eine große Frage im 19. Jahrhundert ist, wie sich die Monarchie in einer modernen Welt legitimiert. Alle Monarchien, die am Gottesgnadentum festhielten, sind Anfang des 20. Jahrhunderts gescheitert.

Wie gelingt es dann, eine Monarchie zu retten?
Wagner: Es gibt die Möglichkeit, die Monarchie durch eine spezifische Leistung zu legitimieren. Die britischen und skandinavischen Monarchien konzentrieren sich auf die Repräsentation der Nation. Sie ziehen sich aus dem operativen Politik-Geschäft zurück und überlassen dieses den Profis. Sie dagegen sind überlegene Experten der Repräsentation. Das funktioniert bis in die Gegenwart. Wilhelm II. will sich aber nicht auf Repräsentation beschränken. Also drängt er nach vorn und versucht, eine großartige Fähigkeit als regierender Monarch zur Schau zu stellen. Das sieht dann teils skurril für das staunende Publikum aus.

Bruns: Weil er unglaublich rotiert hat und schon zu Lebzeiten als Reisekaiser verschrien war. Das könnte aus diesem Bedürfnis kommen, sich durch Leistung zu profilieren.

Wagner: Er sagte auch: „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen.“

Bruns: Was soll man auch sonst sagen? Ich verspreche euch blühende Landschaften?

Glauben Sie, dass der Kaiser eine Rolle gespielt hat, in die er gedrängt wurde?
Wagner: Er verkörpert durch seine Rastlosigkeit und Großspurigkeit das Lebensgefühl vieler Deutscher dieser Zeit: Man ist innerhalb einer Generation zur Weltwirtschaftsmacht aufgestiegen, das soll nun irgendwie in politische Macht umgesetzt werden, Betonung auf: „irgendwie“. Wilhelm II. agiert in einem politischen Umfeld, das viel komplizierter ist als das, mit dem sich Bismarck befasst hat. Die deutsche Gesellschaft und das internationale System um 1900 sind sehr gut geeignet, um daran zu scheitern.

Bruns: Das hatten Sie, Herr Wagner, ja auch schon einmal zur Diskussion gestellt, dass er eine Rolle gespielt und genutzt hat, um dauernd präsent zu sein. So wurde immer über ihn gesprochen.

Wagner: Genau. Wilhelm II. versucht, nach 1900 weltpolitisch groß aufzutrumpfen und in jede kleine internationale Krise einzugreifen. Seine Vorfahren haben Preußen immer ein kleines Stückchen größer gemacht. Er reist nach Marokko, nach Jerusalem und signalisiert vage Expansionswünsche – aber ohne größeren Plan. Er macht all das völlig erratisch und wirkt daher unberechenbar. Und wenn er damit scheitert, kommen die nationalistischen Agitationsverbände und bezeichnen seine Regierung als Versagerin.

Gibt es Belege dafür, wie Wilhelm II. auf die diffamierenden Beschreibungen seiner Psyche reagiert hat?
Bruns: Kaum. Viel von dem, was ich gesehen habe, ist vor 1918 im Verborgenen aufgezeichnet worden, etwa in Tagebüchern. Der Historiker Ludwig Quidde hat das offener getan, allerdings ohne Wilhelm beim Namen zu nennen. Quiddes Karriere war damit erledigt.

Wagner: Wir können jetzt locker darüber sprechen, damals wäre so eine öffentliche Äußerung strafbewehrt gewesen.

PD Dr. Florian Bruns
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
Tel. +49 345 557-3554
Mail: florian.bruns@medizin.uni-halle.de

Prof. Dr. Patrick Wagner
Institut für Geschichte
Tel. +49 345 55-24296
Mail: patrick.wagner@geschichte.uni-halle.de

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GeschichteMedizin

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