Der Fliegen-Kenner

07.10.2019 von Katrin Löwe in Wissenschaft, Personalia, Varia
Die naturwissenschaftlichen Sammlungen der Universität werden im November 250 Jahre alt. Von Beginn an wurden sie auch durch Bürgerwissenschaftler bereichert. Einer von ihnen ist heute Dr. Andreas Stark, der sich seit Jahrzehnten speziellen Insekten widmet.
Mit Kescher ist Andreas Stark im Freien unterwegs, um Fliegen zu fangen und zu erforschen.
Mit Kescher ist Andreas Stark im Freien unterwegs, um Fliegen zu fangen und zu erforschen. (Foto: Maike Glöckner)

Es war eine Reise der besonderen Art im Februar 2019. Als sich auf den Seychellen massenhaft Trauermücken vermehrten und zum Problem für den Tourismus wurden, war seine Expertise gefragt. „Ich habe untersucht, ob es dort unter Fliegen Fressfeinde der Mücken gibt“, sagt Dr. Andreas Stark. Vom Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut wurde er hinzugezogen, weil er ausgewiesener Fliegen-Experte ist. Seit Jahrzehnten befasst sich Stark mit den Zweiflüglern, nahezu ausschließlich als Bürgerwissenschaftler, Teil der so genannten Citizen Science, deren Wert für die Wissenschaft immer stärker in den Fokus rückt. Als solcher hat er 1996 am Saaleufer in Halle in der Höhle einer gefällten alten Linde sogar eine neue Art entdeckt, die Lamachella germanica.

Dabei waren Fliegen für den heute 61-Jährigen zunächst gar kein Thema. „In meiner Welt waren sie nicht existent“, sagt der gebürtige Anklamer, der in Halle Agrochemie und Pflanzenschutz studiert hat. Das änderte sich in den 1980ern mit seinem Promotionsthema – der Fritfliege, einem nur zwei Millimeter großen Getreide-Schädling. Während der Beschäftigung mit ihr stieß er auf eine andere Gruppe, die zu den Nützlingen gezählt wird: so genannte Rennraubfliegen, auch nur etwa zwei bis drei Millimeter groß. „Bei denen bin ich hängengeblieben“, sagt Stark. Mehr als 250 Arten von Rennraubfliegen gibt es in Deutschland. Darunter sind Spezialisten für Nadelwälder und Sümpfe. Und Tiere, die quasi auf jedem Baum und Busch vorkommen. Beruflich allerdings sollten die Tiere für Stark bald keine Rolle mehr spielen. Zwar blieb er noch fünf Jahre nach seiner Promotion 1987 als Assistent an der halleschen Uni und befasste sich anschließend an der Universität Lüneburg mit der Vermittlung von Artenkenntnis allgemein. 1999 aber wechselte er in die Kundenbetreuung einer Druckerei. Die Forschung wurde zum reinen Hobby.

Schon 1994 hatte Stark in Halle neben seinem Beruf einen Verlag gegründet und eine Zeitschrift, die nach seinen Angaben heute zu den weltweit wichtigsten in der Fliegenkunde, der Dipterologie, gehört. Inzwischen wird sie vom Senckenberg-Institut herausgegeben. 80 Prozent seiner Freizeit, schätzt der Entomologe, verbringt er mit dem Hobby. So ist er zum Beispiel mit Kescher in der Umgebung von Halle, am Salzigen See bei Eisleben oder auch in der Colbitz-Letzlinger Heide im Norden des Landes unterwegs, betreut Fanggefäße, mit deren Hilfe über größere Zeiträume Vorkommen erforscht werden. Dafür hat Stark, auch in Anerkennung der Bedeutung seiner Arbeiten für den Landesnaturschutz, vom Landesamt für Umweltschutz die entsprechenden Betretungs- und Fanggenehmigungen erhalten. Selbst im Auslandsurlaub ist der Kescher stets dabei. In Sachsen-Anhalt war der Experte für die Rote Liste der Langbeinfliegen verantwortlich. 2016 zählte er – wie viele andere Bürgerwissenschaftler – zu den Autoren eines mehr als 1000-seitigen Verzeichnisses der Tier- und Pflanzenarten des Landes.

Seit 2018 ist Stark als Projektmitarbeiter am Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen (ZNS) der Universität tätig. In einem Projekt mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina befasst er sich nun beruflich mit seinem zweiten Hobby: den Schalen und Gehäusen von Schnecken und fossilen Weichtieren. Das ZNS ist für ihn freilich schon lange keine unbekannte Einrichtung, allein durch den Kontakt über den Entomologischen Verein, der dort seinen Sitz hat. „In Sammlungen gibt es viel unbestimmtes Material“, sagt der Hallenser. Im ZNS zum Beispiel in der Fliegensammlung des 1910 verstorbenen Gutsbesitzers und Entomologen Victor von Röder. Bürgerwissenschaftler wie er helfen in solchen Fällen bei der Bestimmung.

Der Leiter des Zentralmagazins Dr. Frank Steinheimer hat die Bedeutung der Citizen Science erst im Juni verdeutlicht, als an der Einrichtung zum ersten Mal eine interdisziplinäre Konferenz der naturkundlichen Vereine Halles stattfand – allein vier davon treffen sich regelmäßig am ZNS. 250 Jahre alt werden die Naturwissenschaftlichen Sammlungen der Uni in diesem November, nach den Gründungskabinetten von zwei Professoren „kamen schon sehr bald private Sammlungen dazu“, sagt Steinheimer. Eine der wohl bekanntesten, eine Eiersammlung, stammt ebenfalls von einem Laienforscher: Max Schönwetter, ein Vermessungsbeamter, hat damit sogar die Oologie in den Rang einer Wissenschaft erhoben. Die Sammlung von 19.206 Vogeleiern von 3.839 Arten ist 2012 als eine der drei artenreichsten und bedeutendsten Vogeleiersammlungen der Welt in das „Verzeichnis national wertvolles Kulturgut“ aufgenommen worden.

Heute erhält das ZNS jährlich rund eine Viertelmillion neue Objekte, meist Insekten. Sie bilden insbesondere die Grundlagen für die Erstellung von Roten Listen gefährdeter Arten. Alte Sammlungen würden zudem immer wieder neu angesehen und wissenschaftlich eingeordnet, dafür brauche es Spezialisten, so Steinheimer. Den acht Angestellten des ZNS stehen rund 25 Bürgerwissenschaftler zur Verfügung, die zum Teil auch kustodiale Arbeiten übernehmen. „Wir wären ohne sie nicht dort, wo wir sind“, so der ZNS-Leiter.

Auch Andreas Stark hat schon Objekte an das ZNS übergeben. Eine große Sammlung hat er zu Hause. Sie besteht aus rund 200.000 bereits bestimmten Fliegen von rund 4.000 Arten weltweit, schätzt der Experte, aufbewahrt in kleinen Röhrchen und Gläsern. Rund zwei Millionen Exemplare seiner Sammlung seien noch nicht bestimmt. Die Faszination hat den 61-Jährigen bis heute nicht losgelassen. „Bei Fliegen ist spezifisch, dass Sie wirklich noch Neues entdecken können“, sagt er. Neue Arten oder Tiere in Halle, von denen angenommen wurde, dass sie nur im Voralpenraum vorkommen. „Es bleibt immer vielfältig.“

Auf den Seychellen im Übrigen hat er durchaus Gegenspieler der Trauermücke gefunden, die Lösung des Problems waren sie allerdings nicht.

Dr. Andreas Stark
Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen
Tel. +49 345 55-26538
Mail: andreas.stark@zns.uni-halle.de

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