Gast aus Japan: Chemiedidaktik im Vergleich

26.05.2026 von Katrin Löwe in Campus, Wissenschaft
Ein Jahr lang hat sich der japanische Wissenschaftler Dr. Mizuki Kumashiro in Halle mit Fragen der Chemiedidaktik und Lehrerbildung befasst. Als Gast von Prof. Dr. Pablo Pirnay-Dummer am Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie hat er die Gelegenheit genutzt, an der Universität, in verschiedenen deutschen Schulen sowie auf wissenschaftlichen Tagungen in den Austausch zu gehen. Welche Erkenntnisse er mit zurück nach Japan genommen hat, erklärt er im Interview.
Mizuki Kumashiro (rechts) mit dem Prorektor für Studium und Lehre Pablo Pirnay-Dummer, an dessen Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie er ein Jahr lang forschte
Mizuki Kumashiro (rechts) mit dem Prorektor für Studium und Lehre Pablo Pirnay-Dummer, an dessen Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie er ein Jahr lang forschte (Foto: Anna Kolata)

Sie sind Chemiker an der Waseda-Universität in Tokio. Mit welchem Ziel sind Sie im April 2025 an die MLU gekommen? 
Mizuki Kumashiro: Ich arbeite als Chemielehrer an der Universitätsoberschule und daneben als Dozent im Bereich Erziehungswissenschaften der Universität. Ziel meines Forschungsaufenthaltes in Halle war es, durch Unterrichtsbeobachtungen die naturwissenschaftliche Bildung, insbesondere die Chemiedidaktik, in Deutschland zu untersuchen und Vergleiche anzustellen. Hintergrund ist ein Rückgang der Studienanfänger in so genannten MINT-Fächern, den es in meinem Heimatland gibt.

Wie kam der Kontakt zustande? 
Die Verbindung zur Martin-Luther-Universität verdanke ich Prof. Dr. Joachim Ulrich. Er und mein Doktorvater, Prof. Dr. Izumi Hirasawa von der Waseda-Universität, sind beide renommierte Forscher auf dem Gebiet der industriellen Kristallisation und standen sowohl fachlich als auch persönlich in engem Austausch. Deshalb habe ich seit meiner Studienzeit mehrfach die Gelegenheit gehabt, ihn auf wissenschaftlichen Tagungen zu treffen. 2010 fand an der MLU eine Tagung zur industriellen Kristallisation statt, bei der ich Halle zum ersten Mal besucht habe. Dabei habe ich die Universität als eine sehr hervorragende Einrichtung kennengelernt und die Stadt als wunderbar empfunden. Seitdem habe ich den Wunsch entwickelt, eines Tages selbst in Halle zu forschen. Da Prof. Dr. Joachim Ulrich bereits im Ruhestand ist, hat er mich freundlicherweise Prof. Dr. Pablo Pirnay-Dummer vorgestellt.

Welchen Einblick haben Sie in die Lehre, speziell auch die Lehrerbildung an der Universität Halle bekommen?
Während meines Aufenthalts war ich in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Pablo Pirnay-Dummer tätig und nahm an verschiedenen universitären Veranstaltungen teil, darunter der „Tag der Lehre“, Veranstaltungen im Rahmen des Lehramtsstudiums sowie das Kolloquium der Arbeitsgruppe. Dabei konnte ich einen guten Einblick in aktuelle Forschungsansätze zu bestehenden Herausforderungen gewinnen, einschließlich der Anwendung von Künstlicher Intelligenz. Das Kolloquium war besonders interessant, da dort psychologische Perspektiven im Mittelpunkt standen. Darüber hinaus konnte ich erkennen, dass die MLU großen Wert auf die Lehrerbildung legt, indem sie beispielsweise auch Schülerinnen und Schüler vor dem Studium einbezieht, zum Beispiel bei der „Herbstuni Lehramt“. Zudem wurde mir klar, dass die Universität in diesem Bereich auch im Vergleich zu anderen deutschen Hochschulen hoch angesehen ist. 

Sie haben in Deutschland auch an Schulen hospitiert. Wo sehen Sie Unterschiede zu Japan oder auch Gemeinsamkeiten?
Ich hatte die Gelegenheit, den Chemieunterricht an Gymnasien in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Hessen und Thüringen zu beobachten. Dadurch konnte ich Unterschiede wahrnehmen. So sind Schülerinnen und Schüler zwar in Deutschland und Japan in vieler Hinsicht ähnlich offen, allerdings hatte ich den Eindruck, dass viele deutsche Schülerinnen und Schüler vergleichsweise aktiver und selbstständiger sind. Beispielsweise scheinen sie weniger Angst davor zu haben, Fragen zu stellen oder Fehler zu machen. Im Vergleich dazu wirken japanische Schülerinnen und Schüler eher zurückhaltend und teilweise passiver. Der Unterricht selbst ist inhaltlich und strukturell in vielen Punkten mit dem in Japan vergleichbar, weist jedoch in Details Unterschiede auf. Besonders hervorzuheben ist, dass in Deutschland das Lernen von theoretischen Inhalten häufig durch Experimente unterstützt wird. Dies halte ich für eine große Stärke der chemischen Bildung.

Welche Impulse konnten Sie für das japanische Bildungssystem mitnehmen? Und umgekehrt: Haben sich aus Ihrem Aufenthalt auch Perspektiven ergeben, die sich für Deutschland beziehungsweise die MLU als interessant erweisen könnten?
Insgesamt können die Erkenntnisse über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Japan und Deutschland aus meiner Sicht einen Beitrag zur Forschung über verbesserte Bildungs- und Prüfungssysteme leisten. Wichtig war für mich auch noch einmal die Bestätigung, welche Aspekte in der naturwissenschaftlichen Bildung besonders bedeutsam sind. Die schon angesprochene Herleitung von Theorie aus Experimenten zum Beispiel könnte in Japan weiterentwickelt werden. 

Sie haben selbst bereits in Japan ein Konzept entwickelt, um mit einem Experiment die Lernmotivation zu erhöhen. Wie sieht es aus? 
Das Konzept richtet sich in erster Linie an Schülerinnen und Schüler der Oberstufe. Sie können beispielsweise den Verschmutzungsgrad von Flüssen und Seen in ihrer direkten Umgebung analysieren. Ziel ist es, durch alltagsnahe und vertraute Themen das Interesse an der Chemie zu wecken. Darüber hinaus soll selbstständiges Lernen gefördert werden. Da sich die Inhalte auch auf einem höheren Niveau anwenden lassen, halte ich es für möglich, das Konzept auch in der universitären Grundausbildung einzusetzen, etwa im Rahmen von Praktika. An der MLU habe ich es im Rahmen eines von der Arbeitsgruppe organisierten Kolloquiums vorgestellt. Ich möchte mich bei Prof. Dr. Pablo Pirnay-Dummer sowie bei den Mitgliedern seiner Arbeitsgruppe herzlich für die wertvollen Hinweise und Ratschläge bedanken. Zugleich empfinde ich es als große Ehre, diese Gelegenheit erhalten zu haben.

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ChemieLehrerbildung

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