Aufklärung international

18.03.2019 von Ines Godazgar in Wissenschaft, Forschung
Es ist ein immer noch verbreiteter Irrglaube, dass die Aufklärung ein rein europäisches Phänomen war. Und das, obwohl die weltweite Wissenschaftsgemeinde längst eine differenzierte Sicht auf das Thema herausgearbeitet hat. Seit 2017 sind Romanisten der MLU nun an einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beteiligt, das untersucht, welche Auswirkungen diese Epoche auf die Literatur der französischsprachigen Karibik hat. Eins zeichnet sich dabei bereits jetzt ab: Die europäische Aufklärung war keine Einbahnstraße.
Das Mémorial du Cap 110 in Anse Caffard erinnert auf Martinique an Sklaven, die bei einem Schiffbruch ums Leben kamen.
Das Mémorial du Cap 110 in Anse Caffard erinnert auf Martinique an Sklaven, die bei einem Schiffbruch ums Leben kamen. (Foto: Natascha Ueckmann)

Es ist unbestritten, dass die Französische Revolution von 1789 in unseren Breitengraden von enormer Wichtigkeit war. Zu weit weniger Bekanntheit dürfte es indes – zumindest in Europa – ein anderes Ereignis gebracht haben: Die Haitianische Revolution, die nur wenige Jahre später in der einstigen französischen Kolonie Saint-Domingue mehrheitlich von versklavten afrikanischen Menschen herbeigeführt wurde und die 1804 in die Errichtung der weltweit ersten Schwarzen Republik namens Haiti mündete.

Ist diese Dopplung der Ereignisse nun ein Zufall? „Ganz gewiss nicht“, sagt PD Dr. Natascha Ueckmann vom Institut für Romanistik der MLU. „Natürlich hat die europäische Aufklärung auch auf den karibischen Raum gewirkt. Und sie tut dies bis heute und beeinflusst damit noch immer die politische und kulturelle Entwicklung postkolonialer Gesellschaften. Gerade die transatlantische Sklaverei dokumentiert, auf welche Weise die europäische Aufklärung mit Kolonialisierung, Eroberung, Ausbeutung von Menschen und Ressourcen, Gewalt und Unterdrückung verbunden war.“ Dabei, so Ueckmann, sei besonders interessant, dass aufklärerische Ideen nicht einfach bloß übernommen wurden und werden. Vielmehr zirkulieren sie, werden dabei modifiziert und strahlen dann sogar zurück zu ihrem Ursprung.

Die Forscher untersuchen frankokaribische Literatur.
Die Forscher untersuchen frankokaribische Literatur.
(Foto: Natascha Ueckmann)

Wie genau sie das tun, das untersuchen Romanisten der MLU und der Universität Bremen anhand der neueren Literaturen im frankokaribischen Raum, also auf Martinique, Guadeloupe, Haiti und Französisch-Guyana. Rund 600.000 Euro hat die DFG dafür zur Verfügung gestellt. Zwei Doktorandinnen und eine Postdoktorandin forschen an unterschiedlichen Fragestellungen, sei es zu Humanitäts-, Gemeinschafts- oder Körperkonzepten in der aktuellen haitianischen Literatur oder zur Wissenszirkulation von Naturwahrnehmung von der Aufklärung bis zur Biopoetik. Das Projekt steht unter Leitung von Prof. Dr. Ralph Ludwig und PD Dr. Natascha Ueckmann aus Halle sowie von Prof. Dr. Gisela Febel von der Universität Bremen. Halle steht in ganz besonderer Weise in der Tradition des aufklärerischen Denkens. „Insofern freut es uns natürlich sehr, dass wir dazu mit unserer Arbeit einen Beitrag leisten können“, sagt Ralph Ludwig. Der hallesche Romanist gilt als einer der Pioniere der Beschäftigung mit Sprache und Literatur des karibischen Raums. Er hat sich über die Verschriftlichung von Kreolsprachen in der Karibik habilitiert. Er kennt die Region seit Jahren, war dort mehrfach als Gastprofessor tätig und wird demnächst wieder zu einer Tagung in Richtung Antillen aufbrechen. Im Lauf der Zeit sind intensive Kontakte, ja sogar Freundschaften zu karibischen Autoren und Autorinnen entstanden, so dass Ludwig heute die Karibik „auch im Herzen trägt“, wie er sagt.

Dies sei eine durchaus günstige Konstellation für seine wissenschaftliche Arbeit: Erst kürzlich waren eine Autorin aus Martinique und ein haitianischer Krimi-Autor im Literaturhaus Halle zu Gast. Obwohl es sich bei seinem neuesten Krimi um ein zeitgenössisches Werk handelt, tauchen darin mystische Zombies auf. „Daran kann man sehr schön erkennen, dass es in der Karibik auch heute noch eine andere Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit gibt“, so Ludwig. Phänomene wie dieses sind es, nach denen die Wissenschaftler im Projekt suchen wollen. Denn klar ist auch: Die auf den Antillen so omnipräsente Magie aus der europäischen Sichtweise einfach nur als abwegig abzutun, das wäre vermessen und auch kontraproduktiv. Vielmehr müsse man nach den historischen Wurzeln solcher Vorstellungen suchen und zugleich anerkennen, dass es in der neuen karibischen Literatur fortschrittliche Gedanken und Ideen gibt, so Ludwig.

Darüber hinaus sei es wichtig, im Blick zu behalten, dass die Kolonialgeschichte und postkoloniale Gesellschaften wie jene in der Karibik eine fundamentale Bedeutung für die europäische Geistesgeschichte haben. Das bedeutet: „Europa hat sich in der Auseinandersetzung mit seinen Kolonien selbst neu entdeckt“, meint Ludwig. Zugleich verweist er auf die hohe Aktualität des Projekts: „All unsere Überlegungen gewinnen vor dem Hintergrund der wachsenden kulturellen und sprachlichen Diversität in Europa eine neue gesellschaftliche Relevanz.“ Die Karibik, so Ralph Ludwig, ist durch ihre lange Geschichte von Kolonialisierung, Plantagenwirtschaft, Sklavenhandel und Einwanderung vom massiven Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und Sprachen geprägt. „Daher ist die Karibik eine bevorzugte Region, um sich mit gegenwärtigen Prozessen der Globalisierung und einer transkontinentalen Aufklärungsforschung auseinanderzusetzen.“

Abschluss 2020 auf Martinique

Die Karibik- und Diasporaforschung will sich an der MLU breiter aufstellen. Im Sommersemester 2018 gab es die von der Romanistik und Angloamerikanistik gemeinsam veranstaltete Ringvorlesung „Karibik: Konfliktualität und Relation“, organisiert von Prof. Dr. Ralph Ludwig und Prof. Dr. Erik Redling. Im Rahmen des DFG-Projekts fand im Oktober 2018 im IZEA die internationale Tagung „L’actualité des Lumières dans les Caraïbes françaises: Religion, savoir et raison“ statt. Den vorläufigen Abschluss des DFG-Projekts bildet eine Tagung, die 2020 auf Martinique, und zwar in engem Kontakt mit den dortigen Wissenschaftlern, stattfinden wird.

Ende 2018 ist zur Karibik- und Diasporaforschung eine von PD Dr. Natascha Ueckmann gemeinsam mit zwei Kolleginnen herausgegebene Open-Access-Publikation unter dem Titel „Reshaping Glocal Dynamics of the Caribbean“ erschienen.

 

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