Was heißt Aufklärung?

In den Medien und in der Politik taucht der Begriff „Aufklärung“ immer wieder auf. Mal als Versprechen, mal als Kampfbegriff – wenn etwa von „Gegnern der Aufklärung“ gesprochen wird. Was meinen wir eigentlich, wenn wir den Begriff benutzen?
Elisabeth Décultot: Aufklärung ist ein vielschichtiger Begriff. Heute lassen sich zwei Bedeutungstraditionen unterscheiden: zum einen ein historisches Verständnis von Aufklärung als Epochenbegriff, der sich auf das 18. Jahrhundert bezieht, zum anderen ein a-historisches, vorwiegend normatives Verständnis, das mit Werten oder Bewegungen wie Fortschritt, Rationalismus, Freiheit von Gesellschaft und Individuum verbunden ist. Aufklärung dient dabei als positiver Bezugspunkt, oder wird gezielt infrage gestellt und gegen demokratische Positionen gewendet. Wenn wir heute von Aufklärung oder Gegenaufklärung sprechen, bewegen wir uns meist im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Bedeutungen.
Anfang April fand an der MLU die Tagung „Aufklärung nach der Aufklärung“ statt, die die Zeit zwischen 1850 und 1920 in den Blick genommen hat. Was ist das Spannende an dieser Periode?
Als Epochenbegriff sowie als normativer Begriff entsteht zwar „Aufklärung“ im 18. Jahrhundert, wird aber in den darauffolgenden Jahrhunderten immer wieder neu konturiert. Insbesondere das 19. Jahrhundert spielt in der Konstruktion des Aufklärungsbegriffs eine grundlegende Rolle. „Aufklärung“ wird zu einem zentralen Deutungsbegriff für eine ganze Epoche – und zugleich stark politisiert. Nach der Niederlage Frankreichs im Krieg gegen Preußen 1870 wird Aufklärung etwa mit Französischer Revolution, Demokratie und Republik verbunden und im damals monarchischen beziehungsweise kaiserlichen Deutschland deshalb oft skeptisch gesehen. Gerade in dieser Zeit wird der Begriff intensiv politisch verhandelt.
Mit der Verbindung von Aufklärung und Politik befasst sich auch das Graduiertenkolleg „Politik der Aufklärung“, das vor einem Jahr gestartet ist. Wie hat die Tagung Ihre Arbeit vorangebracht?
Die Tagung hat uns geholfen, ein klareres Bild davon zu gewinnen, wie unterschiedlich Aufklärung verstanden und gedeutet wurde – auch anhand zentraler Akteure dieser Zeit wie Søren Kierkegaard und Friedrich Nietzsche. Deutlich geworden ist vor allem, wie wandelbar und umkämpft der Begriff ist: Einerseits stand Aufklärung für Fortschritt, Bildung, Emanzipation und liberale Vorstellungen, andererseits wurde er – je nach politischem Kontext – auch skeptisch oder ablehnend betrachtet. Für Halle ist das auch deshalb besonders interessant, weil sich das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA), an dem auch unser Kolleg angesiedelt ist, als eines der wenigen Forschungszentren mit „Aufklärung“ befasst und dabei nicht nur das 18. Jahrhundert im Blick hat.
Welche Themen stehen im Zentrum des Graduiertenkollegs?
Mit „Politik der Aufklärung“ wollen wir zweierlei untersuchen. Zum einen fragen wir danach, welche politischen Ideen tatsächlich aus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts hervorgegangen sind, wie also Aufklärung das politische Denken und Handeln beeinflusst hat – nicht nur in der Staatspolitik, sondern auch in der Kultur- oder Institutionspolitik. Zum anderen untersuchen wir, wie der Begriff selbst Ergebnis verschiedener Politiken geworden ist – vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
Können Sie konkrete Beispiele aus der Forschung dafür nennen, wie Aufklärung von Politik beeinflusst wird?
Einer unserer neuen Kollegiatinnen und Kollegiaten, die zum 1. April mit ihrer Forschung angefangen haben, befasst sich mit dem Begriff des „Dark Enlightenment“. Damit sind Strömungen gemeint, die sich unter anderem in sozialen Medien finden und den Begriff der Aufklärung bewusst umdeuten – teils in Abgrenzung zu liberalen und demokratischen Traditionen, teils auch im Umfeld von verschwörungstheoretischen Positionen.
Phänomene wie dieses sind weltweit präsent. Sie konzentrieren sich also nicht nur auf Europa?
Ja. Es ist wichtig, außereuropäische, nicht-westliche Räume einzubeziehen. Lange Zeit wurde die Aufklärung vor allem als europäische Geschichte erzählt, und viele Darstellungen sind entsprechend eurozentrisch geprägt. Dem wollen wir auch etwas entgegensetzen. Unsere Postdoktorandin untersucht etwa den chinesischen Aufklärungsbegriff, der um 1900 aus Europa in die chinesische Kulturgeschichte überführt, aber eigenständig weiterentwickelt und umgedeutet wurde.
Ist diese globale Verbreitung der Aufklärungsideen nur eine Erfolgsgeschichte?
Aufklärung ist nicht nur mit positiven Entwicklungen wie Freiheitsdenken verbunden, sondern auch mit Phänomenen wie Kolonialpolitik. In den postkolonialen und dekolonialen Studien wird sie deshalb sehr unterschiedlich behandelt. Einerseits wird sie als Grundlage für Emanzipation und für die Kritik an eurozentrischen Vorstellungen stark gemacht. Dafür gibt es auch in der Aufklärungsgeschichte selbst Beispiele, etwa Montesquieus Persische Briefe, in denen Europa aus der Perspektive eines Persers betrachtet wird, der die Franzosen mit ihren erstaunlichen Sitten wie Wilde beschreibt. Andererseits wird darauf hingewiesen, dass Aufklärungsideen auch mit kolonialen Diskursen verknüpft werden konnten, etwa wenn europäische Vorstellungen von Bildung und Vernunft als allgemeingültiger Maßstab gesetzt wurden. Auch deshalb werden Autoren wie Voltaire in diesen Debatten deutlich kritischer gelesen. Uns interessiert genau dieses Spannungsverhältnis.
Was wissen Sie jetzt, was Sie vor einem Jahr noch nicht wussten?
Wir haben inzwischen ein besseres Verständnis davon, wie sich der Begriff der Aufklärung nach dem 18. Jahrhundert weiterentwickelt hat. Während es für das 18. Jahrhundert bereits viel Forschung gibt, haben wir für die späteren Phasen tatsächlich Neuland betreten. Texte und Debatten nach dem 18. Jahrhundert sind bisher nur begrenzt daraufhin untersucht worden, was jeweils unter „Aufklärung“ verstanden wurde und wie sich der Begriff politisch verändert hat. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würden wir hier eine Art „Terra incognita“ erkunden – also unbekanntes Land.
Die Aufklärung wird als Begriff erforscht, politisch sehr unterschiedlich genutzt und hat auch selbst Einfluss auf politische Diskurse. Macht das Ihre Arbeit schwieriger – oder interessanter?
Das macht die Arbeit sicherlich manchmal anspruchsvoller, weil man sich ständig mit konkurrierenden Begriffsverständnissen und politischen Aneignungen auseinandersetzen muss. Gleichzeitig wird sie dadurch aber gerade interessanter, weil sich am Beispiel der Aufklärung sehr konkret zeigen lässt, wie stark historische Konzepte in aktuelle Debatten eingreifen. Man spürt sozusagen unmittelbar die gegenwärtige Brisanz und umkämpfte Bedeutung des Begriffs.
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