Auf ewig ungebrüht

12.08.2020 von Tom Leonhardt in Varia, Schlussstück
Bei der Erforschung der Folgen des Klimawandels greifen Wissenschaftler auf ungewöhnliche Werkzeuge zurück: Teebeutel. An einem weltweiten Projekt sind auch Forscher der Uni Halle beteiligt.
Die halleschen Forscher haben Teebeutel in einem chinesischen Wald vergraben.
Die halleschen Forscher haben Teebeutel in einem chinesischen Wald vergraben. (Foto: Stefan Trogisch)

„Sencha exclusive“ und „Rooibusch Hibiscus“ – zwei gewöhnliche Teesorten? Wohl kaum. Die beiden gehören zu den heimlichen Stars der Klimaforschung. Nicht wegen ihres Geschmacks, denn gebrüht werden sie nie. Sie sind die Grundpfeiler eines weltweit einzigartigen Forschungsprojekts, dem „Teabag index“.

Ziel ist, die Abbauprozesse im Boden besser zu verstehen. Denn die haben Folgen für den Klimawandel: Wenn Blätter, Äste und anderes organisches Material im Boden zersetzt werden, setzt das auch das Klimagas Kohlenstoffdioxid frei. Durch den Klimawandel könnte das noch schneller ablaufen, was wiederum den Klimawandel verstärken könnte. Das Problem: Bisher wissen wir schlicht zu wenig darüber, wie diese Prozesse an verschiedenen Orten auf der Welt ablaufen.

Genau das soll besagter „Teabag index“ ändern. Die Idee dazu geht auf die Niederländer Joost Keuskamp und Judith Sarneel zurück. Bis zu ihrem genialen Einfall war ihre Arbeit vor allem eins: mühsam. Ständig mussten in Handarbeit Hunderte kleine Beutel mit getrockneten Pflanzenresten gefüllt, gewogen und verklebt werden. Die Forscher wollten die Beutel im Boden vergraben und messen, wie schnell sich die Pflanzenreste dort zersetzen. Wenn es da nur etwas geben würde – ein Produkt, überall gleich, überall auf der Welt verfügbar, ein Beutel mit toten Pflanzenresten … Tee!  

So kam es, dass der „Teabag index“ im Jahr 2010 als globales Netzwerk gegründet wurde, um weltweit den Status quo der Bodenprozesse zu erheben. Anhand eines einfachen Protokolls, das die Prozedur minutiös vorgibt (den richtigen Tee kaufen, abwiegen, vergraben, warten, ausgraben, erneut wiegen), konnte jeder Mensch an der Forschung teilhaben.

Daran beteiligt haben sich neben Hunderten Bürgerinnen und Bürgern auch die halleschen Geobotaniker Prof. Dr. Helge Bruelheide und Dr. Stefan Trogisch. Sie vergruben die Beutel aber nicht im heimischen Halle. 288 Teebeutel nahm das Team auf einer Forschungsreise mit in einen Wald in der südostchinesischen Provinz Jiangxi. „Das war, als würden wir Eulen nach Athen tragen. Wir haben Grünen Tee nach China gebracht“, sagt Stefan Trogisch und lacht. Was tut man nicht alles für die Wissenschaft?

An mehr als 2.000 Orten auf der Welt haben Menschen mit „Sencha exclusive“ und „Rooibusch Hibiscus“ Wissenschaft gemacht, die in mehreren Fachartikeln mündete. Der Siegeszug der Teebeutel ist indes ungebrochen: Unter dem Label „Teatime 4 science“ wird das Projekt weitergeführt und weiterentwickelt. In mehr als fünf Sprachen gibt es sogar Unterrichtsmaterialien zur Forschung mit den Teebeuteln.

Ein Tea-Bag-Index für Deutschland: Teilnehmer gesucht

Wie ist es um den Boden in Deutschland bestellt? Dieser Frage geht das Citizen-Science-Projekt "Expedition Erdreich" nach, das vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) koordiniert und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Für das Projekt sollen bis zu 36.000 Teebeutel in deutschen Böden vergraben werden. Die gewonnenen Daten werden im Anschluss dem globalen Netzwerk "Teatime 4 sience" zur Verfügung gestellt.

Für das Projekt werden noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht. Weitere Informationen unter: www.expedition-erdreich.de

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