„Wissenschaft hat die Aufgabe, Ideen zu generieren“

23.09.2020 von Tom Leonhardt in Wissenschaft, Forschung
Der Geowissenschaftler Dr. Yaron Ogen hat im April eine kleine Studie veröffentlicht, die ihn schlagartig ins Rampenlicht beförderte. Er konnte zeigen, dass es in Gegenden mit hohen Stickstoffdioxid-Belastungen viele Todesfälle in Zusammenhang mit COVID-19 gibt. Auch ein halbes Jahr danach erhält der Forscher noch zahlreiche Anfragen. Bei „campus halensis“ berichtet er über seine Erfahrungen.
Yaron Ogen
Yaron Ogen (Foto: Maximilian Kröger)

Täglich laufen im Postfach von Dr. Yaron Ogen neue E-Mails von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt ein. „Ich versuche, allen zu antworten, weil ich mir das auch selbst wünschen würde, wenn ich so eine Anfrage stelle“, sagt er. Die meisten interessieren sich aber gar nicht für seine eigentliche Forschungsarbeit: Der Geowissenschaftler untersucht im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts, ob sich in den Bergbaufolgelandschaften in der Mongolei noch weitere verwertbare Rohstoffe befinden.

Den Kolleginnen und Kollegen geht es stattdessen um das Know-how, das Ogen für eine kleine Studie nutzte, die im April international für Schlagzeilen sorgte. Darin kombinierte er Satellitendaten zur Luftverschmutzung mit den Angaben zu Todesfällen in Zusammenhang mit der Krankheit COVID-19. Das Ergebnis: In den Regionen, in denen die Stickstoffdioxid-Werte über einen längeren Zeitraum relativ hoch waren und gleichzeitig nur schwache Luftströme herrschten, gab es viele COVID-19-Todesfälle. Dazu gehörten zum damaligen Zeitpunkt etwa die Region Norditalien, der Großraum Madrid oder die Provinz Wuhan in China. Diese Regionen haben eine Besonderheit: „Sie liegen alle in einem Tal, sie sind umringt von Bergen“, sagt Ogen. Das sorge für relativ gleichbleibende Luftverhältnisse, wodurch die Belastung mit Schadstoffen stärker sein könnte, da die Luft nicht abziehen kann.

Von Stickstoffdioxid war bereits bekannt, dass es für den Menschen in hohen Konzentrationen schädlich sein kann und ihn auch anfälliger für Atemwegserkrankungen macht. Folgt man diesem Gedanken, könnte man bereits im Vorfeld versuchen, Risikogebiete für schlechte Verläufe von COVID-19-Erkrankungen zu bestimmen und entsprechend planen, so Ogen weiter.
 

"Ich habe die Arbeit nicht für mich und meine Karriere gemacht." – Yaron Ogen

 

Das Paper traf einen Nerv: Mehr als 130 Medien berichteten über die Arbeit, darunter der britische Guardian, der Deutschlandfunk, Spektrum der Wissenschaft und die Neue Zürcher Zeitung. Rund 120 Mal wurde die Arbeit bereits in anderen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zitiert und sogar in die renommierte Liste „F1000“ aufgenommen, eine kuratierte Auswahl von wissenschaftlich bedeutsamen Arbeiten. Für Yaron Ogen ist das ein „schöner Erfolg“, sein Stolz deshalb hält sich aber in Grenzen: „Ich verfolge nicht im Detail, welche Medien darüber berichten und ob diese besonders hoch angesehen sind“, sagt er.

Und trotzdem stand er über Wochen hinweg den Medien Rede und Antwort, gab täglich vier bis fünf Interviews per E-Mail, Telefon und Skype. „Mir ging es darum, dass die Idee, die in dem Paper steckt, möglichst weit verbreitet wird“, sagt Ogen. „Die Arbeit habe ich nicht für mich und meine Karriere gemacht. Ich wollte dabei helfen, ein globales Problem zu lösen.“ So kam es auch, dass er an einer Videokonferenz der Europäischen Kommission zu Corona und Luftverschmutzung teilnahm. „Hier hatte ich zum ersten Mal in meiner Karriere das Gefühl, dass meine Arbeit direkt für die Politik von Nutzen sein kann“, erinnert er sich.

Veröffentlichung im Schnelldurchlauf

Anders als bei vielen großen wissenschaftlichen Studien dauerte es nur wenige Wochen, bis aus der ersten Idee ein Manuskript für einen Beitrag wurde, das Ogen bei dem Journal „Science of the Total Environment“ einreichte. Binnen eines Tages wurde das Paper akzeptiert und einige Tage später als „Short Communication“ publiziert. Nach der Veröffentlichung hatte er das Gefühl, „etwas Wertvolles geschafft zu haben“. Ogen war immerhin einer der ersten Forscher, die einen möglichen Zusammenhang zwischen den Krankheitsverläufen von COVID-19 und der Umwelt, genauer gesagt der Luftverschmutzung, andeuten konnten.

Doch nicht alle waren einverstanden mit dieser kurzen, schnellen Veröffentlichung des Israelis, weil sie eben nicht auf monate- oder jahrelangen Beobachtungen und Analysen beruhte. Neben den vielen Medienanfragen kamen auch immer wieder kritische Nachrichten bei Ogen und sogar dem Herausgeber des Journals an: Die Studie sei nicht detailliert genug gewesen, es mangele an einer komplexen statistischen Auswertung, lauteten die eher nüchternen Kritiken. Teils wurde Ogen aber auch persönlich angegriffen: Er habe überhaupt nicht das Recht dazu, sich zu diesem Themengebiet zu äußern, er müsse sich dort erst einen Ruf erarbeiten. Außerdem sei er auch gar nicht qualifiziert dazu, diese Daten auszuwerten. Ein befremdliches Gefühl sei das gewesen, mit diesen Angriffen umgehen zu müssen. „Ich bin Wissenschaftler. Ich bin es gewohnt, dass meine Arbeit fachlich diskutiert und kritisiert wird“, sagt er. Er habe sich aber schon gewundert, warum der Ton dabei so schroff wurde.

Irrtum gehört zur Wissenschaft

Seine Veröffentlichung sei nie als vollumfängliche, komplexe Studie gedacht gewesen. Ein Punkt, an dem sich vermutlich einiger seiner Kritiker gestoßen haben: Der Aufsatz liefert nur erste Ansatzpunkte, keine abschließenden Analysen. Er sei als Ausgangspunkt für weitere Forschung gedacht, sagt Ogen. „Wissenschaft hat die Aufgabe, Ideen zu generieren, die den Menschen helfen können – und das schnell, gerade während einer Pandemie“, ist sich der Forscher sicher. Das beinhalte natürlich immer das Risiko, sich zu irren und Fehler zu machen. Deshalb müsse jede Hypothese überprüft werden. Und das ist dann etwas, das Ogen bei seinen Kritikern vermisst: Während er viele Nachrichten zu der Form seiner Arbeit bekommen habe, hätten sich die Kritiker häufig nicht mit der Idee auseinandergesetzt. „Ich habe kein Problem damit, wenn sich am Ende herausstellt, dass ich falsch gelegen habe. Das gehört zum wissenschaftlichen Arbeiten dazu. Bisher hat mir das aber noch niemand nachgewiesen.“

Trotzdem zieht Ogen ein positives Resümee. Die vielen Kontakte mit anderen Forschenden aus der ganzen Welt seien bereichernd. Und dann spricht Ogen doch von etwas, das ihn stolz macht: die E-Mail eines Schülers aus Deutschland. Dieser zeigte sich hoch interessiert an der Studie und wollte sich mit Ogen über seine eigenen Überlegungen und Hypothesen zu dem Thema austauschen. „Das war vermutlich die beste Nachricht, die ich bekommen habe.“ Als Jugendlicher hat Ogen selbst mehrere Ausflüge in das renommierte Weizmann-Institut für Wissenschaften in Israel unternommen und dort Kurse zur Astronomie besucht. Es sei faszinierend gewesen, Wissenschaftlern bei der Arbeit zuzuschauen. „Diesen Spaß am wissenschaftlichen, kreativen Denken möchte ich gern auch anderen weitergeben.“

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