Bedrohte Ressource: „Wasser ist ein Politikum“

26.03.2026 von Susann Trapp in Wissenschaft, Wissenstransfer
Die Vereinten Nationen warnen vor einem „globalen Wasserbankrott“. Auch im einst wasserreichen Deutschland gibt es inzwischen Grund zur Sorge um die lebenswichtige Ressource. Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Petra Dobner ist Expertin für Wasserpolitik und erforscht, welche gesellschaftlichen Konflikte weltweit um Wasser entstehen. Im Interview spricht sie über aktuelle Herausforderungen und mögliche Lösungen.
Niedrigwasser am Rhein bei Bingen: Auch in Deutschland wird Wasser knapper und damit immer stärker zum Gegenstand politischer Steuerung und gesellschaftlicher Konflikte.
Niedrigwasser am Rhein bei Bingen: Auch in Deutschland wird Wasser knapper und damit immer stärker zum Gegenstand politischer Steuerung und gesellschaftlicher Konflikte. (Foto: Jürgen Wackenhut / stock.adobe.com)

Was macht Wasser zu einem politischen Thema? 
Petra Dobner: Wasser ist unersetzlich. Ob wir leben wollen, Pflanzen anbauen, Industrie betreiben oder Städte kühlen – nichts davon funktioniert ohne Wasser. Genau das macht Wasser politisch: Gesellschaften müssen sicherstellen, dass diese Ressource verfügbar bleibt. Gleichzeitig wird Wasser oft nur als Umwelt- oder technisches Problem gesehen. Das deutsche Leitkonzept für nachhaltige Wassernutzung, die sogenannte Nationale Wasserstrategie, setzt vor allem auf Sparen, Speichern und Umleiten. Das ist wichtig, reicht aber nicht aus. Wasser ist ein Politikum, das kluge politische Steuerung, Kommunikation und die richtigen Strukturen erfordert, um Wasser langfristig und gerecht zu verwalten. 

Petra Dobner
Petra Dobner (Foto: Anna Kolata)

Die Vereinten Nationen vermeldeten im Januar 2026 den „globalen Wasserbankrott“. Wie nah sind wir in Deutschland an einer Wasserkrise?
Deutschland ist in seiner Gesamtheit noch nicht von einer akuten Wasserkrise betroffen. Aber es wäre zu viel gesagt, wenn wir behaupten würden, wir hätten genügend Wasser oder die Probleme im Griff. Der Klimawandel verändert auch hier den Wasserhaushalt massiv: Dürren nehmen zu, Grundwasserstände sinken, Starkregen kann oft nicht aufgenommen werden und außerdem verharrt die Verschmutzung der Gewässer auf hohem Niveau. Das alles führt dazu, dass verfügbares Wasser knapper wird – und in Zeiten zunehmender Wasserknappheit nehmen auch Auseinandersetzungen darüber zu.

Wie zeigen sich diese Konflikte?
Auf drei unterschiedliche Arten: Direkte Nutzungskonflikte kennen wir schon lange, etwa rund um große Ballungsgebiete. Hamburg zum Beispiel bezieht Wasser aus der Lüneburger Heide und München aus dem Mangfalltal – hier kommt es regelmäßig zu Spannungen. Dann gibt es Zielkonflikte: Wollen wir Deiche und Retentionsflächen, also Hochwasserschutz, oder Siedlungen am Fluss? Denkmalschutz oder klimaangepasste Gebäude? Industrieansiedlungen fördern, was immer zu einem gesteigerten Wasserverbrauch führt, oder Naturschutz? Und dann gibt es auch noch Metakonflikte, bei denen es weniger um das Wasser selbst als um Zuständigkeiten geht: Wer entscheidet, wer ist verantwortlich? Wie wird entschieden und zu wessen Gunsten? 

Was bedeutet das politisch?
Wenn es dann zu echten Knappheitsszenarien kommt, wird es politisch besonders schwierig. Zwar hat die öffentliche Wasserversorgung Priorität, doch wenn die Wassernutzung für bestimmte Regionen oder Branchen eingeschränkt wird, entstehen massive wirtschaftliche und gesellschaftliche Konflikte. Rein technische Antworten greifen hier regelmäßig zu kurz, weil es sich um genuin politische Konflikte handelt, die auch als solche gelöst werden müssten. Wenn wir hinzunehmen, dass international Wasserkonflikte teils auch gewaltsam ausgetragen werden, stellt sich die Frage, wie solche Konflikte frühzeitig erkannt und politisch bearbeitet werden können.

Das Museum für Naturkunde in Berlin hat das Projekt „Wasserzukunft. Stimmen aus Berlin und Brandenburg“ gestartet. Sie sind daran beteiligt. Worum geht es in dem Projekt? 
Der Anlass für das Projekt „Wasserzukunft“ ist die sich verändernde Wasserverfügbarkeit in der Region. Durch den bis 2038 geplanten Kohleausstieg in der Lausitz wird die bisherige Einleitung von Grubenwasser in die Spree eingestellt. Dadurch wird die Spree voraussichtlich bis zu 75 Prozent weniger Wasser führen, was erhebliche Auswirkungen auf den Tourismus im Spreewald, die Industrie im Speckgürtel von Berlin und die Trinkwasserversorgung der Hauptstadt haben wird. Diese Entwicklung wirft grundlegende politische Fragen auf: Wer entscheidet über die Nutzung von Wasser, nach welchen Kriterien und mit welcher Beteiligung der Gesellschaft? Das Projekt setzt genau da an und verfolgt einen Citizen-Science-Ansatz: In einer partizipativen Sammlung werden Erfahrungen, Perspektiven und Sorgen der Bevölkerung zum Thema Wasser erfasst. Die Ergebnisse sollen dann in den Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft fließen und zu konkreten Maßnahmen führen. Es geht also nicht nur um technische Lösungen, sondern darum, unterschiedliche Interessen – von Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt – transparent zu diskutieren und bei Entscheidungen zu berücksichtigen.

Das Problem der Spree hat auch Auswirkungen auf umliegende Bundesländer. Was bedeutet das für Sachsen-Anhalt?
Eine diskutierte Lösung für die Spree ist, Wasser aus der Elbe umzuleiten. In Sachsen-Anhalt heißt es dazu, man lasse sich das Wasser nicht abgraben. Das zeigt, wie schnell Wassernutzung zu einem politischen Konflikt werden kann. Sachsen-Anhalt gehört zu den wasserarmen Bundesländern, was sich auf Landwirtschaft, Industrie und die regionale Entwicklung auswirkt. Wasser wird zunehmend zu einem Standortfaktor: Wo ausreichend Wasser vorhanden ist, können sich Industrien ansiedeln, wo es fehlt, wird es schwierig. Im Mitteldeutschen Revier stellt sich zudem in Zusammenhang mit dem Kohleausstieg die Frage, woher das fehlende Wasser künftig kommt und wie Verteilung und Abstimmung geregelt werden. Sachsen-Anhalt hat daher gerade Finanzmittel aus dem Infrastruktur-Sondervermögen beantragt, um künftigem Wassermangel vorzubeugen. 

Was muss getan werden, um Wasserknappheit zu begegnen und Konflikte zu vermeiden?
Der Wasserwandel erfordert, dass wir kreativ mit unserer Ressource umgehen. Wir müssen verständlich machen, dass kluge Wasserpolitik unsere Lebensqualität erhöht. Das ist durch Konzepte wie die Schwammstadt – Städte, die Wasser speichern und langsam abgeben – möglich. Entsiegelung, begrünte Fassaden oder multifunktionale Flächen wie Spiel- oder Fußballplätze, die zeitweise unter Wasser stehen dürfen, erfordern Offenheit und Flexibilität. Es braucht also gesellschaftliche Bereitschaft, aber auch politische Strukturen. Um diese Ziele zu erreichen, könnte man auch über ein eigenständiges Wasserministerium nachdenken, das Wasser als Querschnittsthema bearbeitet – solche Ministerien sind in Ländern mit Wasserknappheit keine Seltenheit.  Vor allem aber sehe ich ein Problem darin, dass Wasserfragen vorrangig technologisch-naturwissenschaftlich verstanden werden. Das ist wichtig, ersetzt aber die dringend notwendige sozialwissenschaftliche Forschung zu Wasser-Governance nicht, also eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten politischer Steuerung und Abstimmung zwischen Akteuren, Wasserpolitik eben. Diese gelingt nur gemeinsam und wäre zugleich eine sehr gute Investition in die Zukunft. 

Zur Person

Petra Dobner ist seit 2012 Professorin für Systemanalyse und Vergleichende Politikwissenschaft an der MLU. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Klima- und Umweltpolitik sowie Fragen politischer Steuerung und Regierungsführung. 2007 habilitierte sie sich an der Universität Potsdam über „Wasserpolitik. Zur politischen Theorie, Praxis und Kritik globaler Governance“. Sie ist Mitglied in der Fellowgruppe Nachhaltigkeit und Demokratie des Centre for Global Cooperation Research der Universität Duisburg-Essen und im Arbeitskreis „Wirtschaft und Klimaanpassung“ der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft.
 

Schlagwörter

Politikwissenschaft

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