Vertrauen in die Macht des Wortes – Ein Nachruf auf Jürgen Krätzer

10.04.2019 in Personalia
Er war Germanist, Publizist, ein Intellektueller im besten Sinne, der sich in die gesellschaftlichen Debatten einbrachte. Dr. Jürgen Krätzer war aber auch ein beeindruckender akademischer Lehrer, der Studierende nicht nur für Literatur begeisterte, sondern der auch Brücken bauen konnte zwischen dem aktuellen Literaturbetrieb und der Arbeit im Seminar. Ein Nachruf von Prof. Dr. Werner Nell, Dr. Klaus Rek und Prof. Dr. Hans-Joachim Solms.
Jürgen Krätzer im Jahr 2013 im Germanistischen Institut
Jürgen Krätzer im Jahr 2013 im Germanistischen Institut (Foto: Michael Deutsch)

Nach langer schwerer Krankheit ist Dr. Jürgen Krätzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanistischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, am 24. März 2019 verstorben. Wir verlieren mit ihm einen ebenso fachlich versierten wie engagierten Wissenschaftler, vor allem aber auch einen profilierten Intellektuellen und Publizisten, der uns darüber hinaus ein verlässlicher und hilfsbereiter Kollege, den Studierenden eine zuverlässige Orientierung und ein beeindruckender, wegweisender akademischer Lehrer und manchen von uns auch ein Freund geworden und gewesen ist. 

Dass sich dabei in seinem Lebensweg, in seinem akademischen Werdegang und nicht zuletzt in seiner weit über den universitären Rahmen hinausreichenden Wirkung und Wertschätzung auch die historischen und politischen Entwicklungen und Rahmensetzungen eines Lebens in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederfinden lassen, mag das eine sein. Seinen eigenen Weg zu gehen, sich zwischen den damit angesprochenen Zumutungen, Belastungen und auch Möglichkeiten zu bewegen, dabei ein integrer und zugleich sichtbarer Mensch, Wissenschaftler und auch Lehrer geworden und geblieben zu sein, das andere. Und es ist bezeichnend, dass sich seine Persönlichkeit, die Stärke seines Vertrauens in die Macht des Denkens und des Wortes, also auch eine Parteinahme für die Literatur im Sinne der Belles-lettres, seine Befähigung zur Reflexion, aber auch die Vermögen des Humors, der Zugewandtheit und des Mitgefühls, gerade auch im Rahmen durchaus unübersichtlicher, mitunter auch widriger Verhältnisse nicht nur gehalten, sondern auch weiterentwickelt haben. Es ist dann in dieser Sicht vor allem er selbst, als die Person, die er war und die er doch auch aus sich gemacht hat, die uns fehlen wird – in fachlicher, in wissenschaftlicher, in gesellschaftlicher und erst recht auch in persönlicher Hinsicht.

Jürgen Krätzer wurde am 14. Februar 1959 in Leipzig geboren und hat zunächst zwischen 1977 und 1981 an der Universität Leipzig das Lehramtsstudium der Fächer Deutsch und Geschichte absolviert. Er hat dann erst einmal als Lehrer gearbeitet, von 1984 bis 1987 an seiner Promotion geschrieben, die er 1987 an der Pädagogischen Hochschule Leipzig erfolgreich verteidigt hat. Franz Fühmanns Poetik, der diese Arbeit gewidmet war, stellte dabei in mehrfacher Hinsicht nicht nur eine Herausforderung, sondern zugleich eine Orientierungslinie dar, auf die sich Jürgen Krätzer auch in späterer Zeit immer wieder bezogen hat. 

Mehr noch als der um Selbständigkeit ringende Weg Fühmanns, der diesen vom Kind aus bürgerlichen Verhältnissen zum Wehrmachtsoldaten und Nazi-Mitläufer und von da aus zunächst zum kritischen Begleiter eines sozialistischen Weges zu einer gerechteren Gesellschaft werden ließ, ihn schließlich aber an den Rand des Dissidentendaseins in der DDR führte, waren es vor allem die von Fühmann vorgelebten Ansprüche an das eigene Handeln, verantwortlich, mitfühlend und konstruktiv an der Gestaltung menschlicher Verhältnisse mitzuwirken, die mit Qualen der Selbstvergewisserung verbunden, auch Jürgen Krätzer zeit seines Lebens nicht nur beeindruckt, sondern wohl auch geleitet haben.

Dass dies nicht ohne deutliche Spuren der Skepsis, auch nicht ohne Humor auszuhalten, geschweige denn zu leben ist, waren dann die hinzukommenden Stärken, die er hatte und die er eben auch in die Gestaltung seiner Arbeitsbeziehungen und zugunsten des Instituts und seiner Mitarbeiter einbringen konnte. 1989 beim Zusammenbruch der DDR und der damit verbundenen Umstrukturierung auch des bis dahin vertrauten Feldes der Kultureinrichtungen und des literarischen Feldes gehörte Jürgen Krätzer zur Altersgruppe derjenigen, die in der DDR nicht systemnah genug gewesen waren, um dort ihre akademische Karriere weiter verfolgen zu können. Stattdessen hatte er beim Kulturbund der Stadt Leipzig und in der Gesellschaft für Germanistik zwar ein Tätigkeitsfeld gefunden, das ihm aber andererseits auch nicht den direkten Zugang zu den akademischen Möglichkeiten und Karriereschritten bot, die mit dem Umbau der ostdeutschen Universitäten nach westdeutschem Vorbild verbunden bzw. auch festgefügt waren.

Insoweit waren die nächsten eineinhalb Jahrzehnte von wechselnden Tätigkeiten bestimmt. Er war Mitarbeiter an einem DFG-Forschungsprojekt, Lehrer und Fachschaftsleiter an verschiedenen Kollegs und Schulen, zunächst zeitlich befristet Assistent (Literaturgeschichte) am Germanistischen Institut der MLU (1997-2001), dann am Herder-Institut der Universität Leipzig, schließlich dann ab 2005 fest angestellter wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanistischen Institut mit der Verantwortlichkeit für die Lehramtsausbildung im Bereich der Fachdidaktik Literatur. Er hat damit die beiden Themen seiner beruflichen Tätigkeit, aber auch seiner persönlichen Orientierung, das Interesse an und die Liebe zur Literatur sowie die Sorge um deren Weiterleben durch die Vermittlung an SchülerInnen und Studierende vorbildlich verbinden können und die Anerkennung und Wertschätzung ganzer Jahrgänge von Lehramtsstudierenden und angehenden Magistern mag als Zeugnis seines Wirkens, v. a. aber auch seines umfassenden Wissens auf dem Feld der Literatur und seiner Parteinahme für die Literatur stehen. 

Überdies konnte er in den Jahren 2003, 2012 und 2015 Gastprofessuren am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig wahrnehmen, er war in der literarischen und literaturwissenschaftlichen Szene der Bundesrepublik seit 1990 nicht nur profiliert, sondern sehr gut vernetzt und anerkannt. Dazu hatte er ab 2001 als Redakteur an der Gestaltung und Edition der auch international bekannten deutschsprachigen, aber auch der internationalen Literatur gewidmeten Literaturzeitschrift „die horen“ mitgearbeitet, deren Herausgeber er ab 2012 war; ein letztes, von ihm noch ediertes Heft wird im Sommer dieses Jahres erscheinen.

Ihm gelang es, was gerne auch aus der Sicht der Literaturwissenschaft gefordert, allerdings seltener verfolgt bzw. erreicht wird, als Wissenschaftler nämlich den Kontakt zu finden, auch eine Brücke zu schaffen zu denjenigen, die als Schriftsteller, aber auch als literarische Vermittler wie Übersetzer, Verleger und Kritiker im eigentlichen Sinn die Voraussetzungen für wissenschaftliche Bemühungen schaffen. Zugleich hat er sich nicht nur mit Lesen beschäftigt, sondern Leserinnen und Leser für Literatur gewonnen; mehr noch er hat vielen jene literarische Bildung vermittelt und angetragen, die nicht nur eine Lesegesellschaft braucht, sondern die auch für ein offenes demokratisches Gemeinwohl unverzichtbar ist. 

Für sein vielseitiges Engagement sei an dieser Stelle nur erwähnt, dass er von 2002 bis 2009 Ordentliches Mitglied der Freien Akademie der Künste zu Leipzig war, 2004-2011 Mitglied der Jury für den MDR-Literaturwettbewerb und bis zuletzt im Kuratorium Haus des Buches Leipzig. Jürgen Krätzer hat hierfür nicht nur seine weitreichenden Literaturkenntnisse, ein unbestechliches, gleichwohl zur Selbstkritik fähiges Urteil und ein Auge für die Schönheit, auch den Klang einer Sprache einbringen können, sondern ebenso seine unbedingte Neugier, seinen Wagemut und seine Geduld, sein Vertrauen in die Macht und auch in die Gestaltungskraft der Sprache (und des Wortes), nicht zum wenigsten ein großes Maß an Lebenserfahrungen und Lebensklugheit. 

Schließlich wird denen, die mit ihm unterwegs waren, sei es auf Auslandsreisen im Zuge internationaler Kooperationen, sei es auf Blockseminaren oder an Leseabenden in verschiedenen Zirkeln, auch seine Befähigung und sein Wille zur Lebensfreude und zu einem Zusammensein in froher Runde und guter Gesellschaft in Erinnerung sein und bleiben. Lebensmut und Schaffenskraft, die Freude an der Literatur (und am Leben) bilden die Voraussetzungen, um als lebendiger Mensch im Umgang mit Literatur etwas von der Menschen möglichen Menschlichkeit zu erfahren (auch zu leben und zu vermitteln), etwas, das Jürgen Krätzer in einem beeindruckenden Maße zu eigen war und das mit ihm auch auf Dauer fehlen wird. Wir werden es und ihn dankbar und voller Trauer in Erinnerung behalten.

Kategorien

Personalia

Schlagwörter

NachrufGermanistik

Kommentar schreiben

Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.

Auf unserer Webseite werden Cookies gemäß unserer Datenschutzerklärung verwendet. Wenn Sie weiter auf diesen Seiten surfen, erklären Sie sich damit einverstanden. Einverstanden