Symposium: „Angekommen oder auf dem Absprung?“

07.12.2017 von Marcus Nietzsch in Wissenschaft
Jedes Jahr begrüßt die Uni Halle viele neue internationale Studierende aus verschiedenen Ländern. Wie sie sich durch Engagement im neuen Umfeld besser weiterentwickeln können, war unter anderem Thema des Symposiums der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. zur gesellschaftlichen Teilhabe von Studierenden mit Migrationsgeschichte und internationalen Studierenden am Mittwoch, 1. November. Auch Wissenschaftsminister Prof. Dr. Armin Willingmann war zu Gast im Hallischen Saal. Marcus Nietzsch, wissenschaftliche Hilfskraft für das Projekt „Students meet Society“, berichtet von der Veranstaltung.
Das Thema sorgte im Beisein von Prorektor Prof. Dr. Wolfgang Auhagen und Minister Prof. Dr. Armin Willingmann für viel Gesprächsstoff zwischen den Symposiumsteilnehmern.
Das Thema sorgte im Beisein von Prorektor Prof. Dr. Wolfgang Auhagen und Minister Prof. Dr. Armin Willingmann für viel Gesprächsstoff zwischen den Symposiumsteilnehmern. (Foto: Marcus-Andreas Mohr)

Wie können Studierende mit Migrationsgeschichte und internationale Studierende kulturelle, berufliche und soziale Bindungen an ihren Studienort entwickeln? Wie können sie ihre akademischen, beruflichen und persönliche Kompetenzen erweitern? Welche Rolle spielt dabei freiwilliges Engagement und wie können entsprechende Angebote von Hochschulen in Kooperation mit Non-Profit-Organisationen, Kommunalverwaltungen und Unternehmen gestaltet und entwickelt werden? Diese Fragen wurden im Rahmen des Symposiums diskutiert und in wissenschaftlichen Vorträgen und Gesprächen mit Expertinnen und Experten sowie Entscheiderinnen und Entscheidern vertieft. 

In seiner Begrüßung verdeutlichte Prof. Dr. Wolfgang Auhagen, Prorektor für Struktur und strategische Entwicklung, dass es sich aufgrund steigender Zahlen internationaler Studierender an der Uni Halle und allgemein gestiegener Mobilität um eine hochaktuelle Thematik handele. Von hoher Bedeutung sei hier das große Potenzial, das internationale Studierende mitbrächten. Daher begrüße er das Projekt der Freiwilligen-Agentur in Kooperation mit den Erziehungswissenschaften an der Philosophischen Fakultät III. Zudem hob er die Strategie zur Förderung von Diversität an der Universität und die Steigerung der Chancen für einen Verbleib Studierender mit Migrationsgeschichte und internationaler Studierender in Deutschland als besonders wichtig hervor. 

Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt Prof. Dr. Armin Willingmann betonte in seiner Begrüßung, dass die Hochschulen auf internationale Studierende angewiesen seien und Wissenschaft von sich aus bereits Weltoffenheit bedeute. Er wies darauf hin, dass der sogenannten „Klebefaktor“, also die Frage, wie viele ausländische Studierende nach dem Studium tatsächlich in der Region und im Land bleiben würden, wichtig sei, aber bei weitem nicht der allein bestimmende Faktor in der Debatte sein sollte. Er machte deutlich, dass für gesellschaftliche Entwicklung und Dynamik die Präsenz internationaler Studierender und ihre Beiträge für die Gesellschaft von großer Bedeutung seien, auch wenn sich dies nur schwerlich mit Zahlen messen ließe.
 

Gesellschaftliche Teilhabe durch Engagement

Auf die Begrüßung durch Prorektor Wolfgang Auhagen und Minister Armin Willingmann folgte der Eröffnungsvortrag von Susanne Huth von der INBAS-Sozialforschung GmbH in Frankfurt am Main. Sie stellte erste Ergebnisse der bundesweiten Studie „Teilhabe durch Engagement – zivilgesellschaftliches Engagement von SchülerInnen und Studierenden unter besonderer Berücksichtigung des Engagementkontextes Hochschule“ vor, die von der Stiftung Mercator in Auftrag gegeben wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass Engagement eng mit dem Bildungsstatus der Eltern zusammenhängt. Wenn junge Menschen jedoch selbst einen höheren Bildungsstatus erreicht haben, dann sei der des Elternhauses nicht mehr von Relevanz.

Ein weiteres Ergebnis der Studie zeigt, dass sich die eigene oder familiäre Migrationsgeschichte auf das Engagementverhalten auswirkt. Dieser Effekt löse sich jedoch schon ab der 2. Generation mit Migrationsgeschichte und deutscher Staatsangehörigkeit auf. Studierende mit Migrationsgeschichte in der 2. Generation, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, würden sich demnach genauso häufig engagieren, wie diejenigen ohne Migrationsgeschichte. Bezogen auf den Hochschulkontext stellte Huth heraus, dass unter den derzeit nicht engagierten Studierenden eine große Bereitschaft besteht, sich auch an der eigenen Hochschule zukünftig zu engagieren. Die Hochschulen könnten das Engagement von Studierenden deutlich besser unterstützen und anerkennen, etwa durch Nachweise und Zertifikate. Dies leiste nachweislich wichtige Beiträge zur Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung der Studierenden, so Huth.

Anschließend präsentierten Leonore Grottker vom Institut für Pädagogik und Christine Sattler von der Freiwilligen-Agentur empirische Befunde der aktuellen Studie zur Bedeutung und zum Stellenwert von Engagement für die gesellschaftliche Teilhabe von Studierenden mit Migrationsgeschichte und von internationalen Studierenden an der MLU. Im Mittelpunkt der Befragung stand die Frage, wie sich freiwilliges Engagement dieser Studierenden auf ihre Studien- und Lebenssituation auswirkt. Die Befunde machen deutlich, dass insbesondere fehlende Kontakte zu Personen außerhalb der Universität und mangelnde Sprachkenntnisse die Teilhabemöglichkeiten der Befragten deutlich einschränken. Engagement – so ein wesentliches Ergebnis – trage maßgeblich zum Abbau derartiger Hemmnisse bei. So berichten 83,9 % der befragten Studierenden mit Migrationsgeschichte und internationalen Studierenden, dass sie durch ihr Engagement wertvolle Kontakte außerhalb der Universität herstellen und ihr soziales Netzwerk erweitern konnten. Zudem gaben 63,2 % der Befragten an, dass sich ihre Deutschkenntnisse durch ihr Engagement verbessert hätten. Die Befunde der Studie machen zudem deutlich, dass fast drei Viertel der Befragten durch ihr Engagement sowohl bestehende akademische, berufliche und soziale Kompetenzen erweitern, als auch neue Kompetenzen in diesen Feldern erwerben konnten. Somit erweise sich freiwilliges Engagement als ein geeignetes Mittel, um gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.

Nicht zuletzt auch gibt die Studie der Uni Halle Hinweise darauf, wie – mit relativ geringen Mitteln – die Bedingungen für studentisches Engagement verbessert werden könnten: 59,7 % der Studierenden wünschen sich mehr Unterstützung bei der Suche und Durchführung des Engagements und immerhin 54,4 % würden Formen der Anerkennung seitens der Uni zu schätzen wissen.

Im Anschluss an die Präsentation aktueller empirischer Studien fand die erste von drei Gesprächsrunden unter Beteiligung von Prorektor Wolfgang Auhagen, Minister Armin Willingmann, Prof. Dr. Julia Kormann, Vorstand des Hochschulnetzwerks „Bildung durch Verantwortung“ e.V. und Vize-Präsidentin der Hochschule Neu-Ulm, sowie Julia Krume, Programmmanagerin beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in Berlin und Essen, statt. Moderiert wurden die Gesprächsrunden von Dr. Holger Backhaus-Maul vom Institut für Pädagogik und Christine Sattler. Auf die Eingangsfrage, welche Bedeutung Engagement von Studierenden mit Migrationsgeschichte und internationalen Studierenden für die Profilbildung der Uni Halle hätte, wurde maßgeblich auf den unterschiedlichen Umgang mit dem Thema Engagement in den verschiedenen universitären Aufgaben- und Funktionsbereichen hingewiesen. Prorektor Wolfgang Auhagen verwies in diesem Zusammenhang auf den Unterschied zwischen technisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen einerseits, sowie Sozial- und Geisteswissenschaften andererseits, wobei Letztgenannte einen expliziten Zugang zum Thema Engagement aufweisen und pflegen würden.

Auf die Frage, welche Anreize das Land zur Unterstützung von Engagement an Hochschulen setzen könne, verwies Minister Armin Willingmann darauf, dass Politik solche Themen über monetäre Zuwendungen initiieren und in Leistungsvereinbarungen regeln könne. Dazu bemerkte Julia Kormann, dass es Schwierigkeiten gäbe, wenn „der Topf leer“ sei, was bei latent unterfinanzierten Hochschulen keine Seltenheit sei. Sie befürwortete ausdrücklich eine stärkere Rolle von Landes- und Bundesministerien bei der Förderung und Anerkennung des Engagements von Studierenden. Im Engagement – so Kormann – böten sich zudem interessante Möglichkeiten zur Personalrekrutierung. Als ein wichtiges Argument für mehr Anerkennung und Förderung von Engagement an Hochschulen führte Julia Krume an, dass Bürgerinnen und Bürger von mit öffentlichen Mitteln geförderten Hochschulen „sichtbares Engagement“ erwarten würden.

Für die zweite Gesprächsrunde wurden Anke Stahl, Leiterin des Bereichs „Grundsatzfragen, Projekte und Internationalisierung der deutschen Hochschulen“ vom Deutschen Akademischen Austauschdienst in Bonn, die Leiterin des International Office Dr. Manja Hussner, Dr. Wolfgang Teske, kaufmännischer Vorstand der Diakonie Mitteldeutschland e.V. in Halle, und Angela Papenburg, Vorstandsmitglied der Freiwilligen-Agentur und Geschäftsführerin der GP Günter Papenburg Unternehmensgruppe in Halle, nach vorne gebeten. Mit einem „Augenzwinkern“ wurde zunächst Anke Stahl gefragt, wofür es angesichts der positiven Entwicklung internationaler Mobilität und steigender Zahlen internationaler Studierender in den vergangenen Jahren aktuell den DAAD noch bräuchte. Sie machte daraufhin deutlich, dass Internationalisierung, wenn auch in aller Munde, keine Selbstverständlichkeit sei und einer fortwährenden Legitimation bedürfe. Voraussetzung wäre eine übergreifende Willkommensstruktur, die gemeinsam mit Hochschulen zu etablieren sei, wenn man es mit der Internationalisierung ernst meine. Konkret seien transparente Ziele und passgenaue Programme erforderlich, um der Aufgabe gerecht zu werden. Auf die Frage, wo es noch Entwicklungsmöglichkeiten gäbe, antwortete Manja Hussner, dass es nötig sei, Ängste von Studierenden mit Migrationsgeschichte und internationalen Studierenden vor Ressentiments in der Bevölkerung zu thematisieren und abzubauen, um Studierende zum Bleiben zu ermutigen. 

Ob Studierende mit Migrationsgeschichte und internationale Studierende für die Freie Wohlfahrtspflege als wichtiger Wirtschaftsbranche und Arbeitgeber bedeutsam seien, wurde Teske gefragt. Er bejahte die Frage nachdrücklich und wies darauf hin, dass es schon Begleitprogramme der Diakonie gäbe, gleichzeitig aber die vielfältigen Potenziale, die Studierende mit Migrationsgeschichte und internationale Studierende mitbringen würden, bisher noch nicht ausreichend genutzt werden würden.

Angela Papenburg ergänzte, dass neben der Erleichterung des Berufseinstiegs durch freiwilliges Engagement andere Effekte des Engagements, wie die Verbesserung von Deutschkenntnissen sowie von persönlichen und sozialen Kompetenzen, nicht hoch genug zu veranschlagen seien. Sie plädierte für ein gemeinsames Nachdenken über Unterstützungs- und Anerkennungsformen und die Einbeziehung von Unternehmen in diesen Prozess. Dr. Teske begrüßte diesen Vorschlag und sprach sich für ein gemeinsames Agieren von Hochschule, Zivilgesellschaft, Kommune und Wirtschaft aus, – die unterschiedlichen Kompetenzen der Genannten seien in der Zusammenarbeit für die Regionalentwicklung überaus hilfreich und nützlich.

In der dritten und abschließenden Gesprächsrunde des Symposiums sprachen Dalia Hassan, Studentin der Erziehungswissenschaften an der MLU, und Nikolas Kretzschmar, Referent des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg. Hassan erzählte eindrücklich von ihren Beweggründen und Erfahrungen im Engagement als Stadtpfadfinderin in Leipzig. Hier engagiere sie sich vor allem im Bereich der Bildungsförderung von Kindern aus migrantischen Elternhäusern. Als wichtigste Motivation für ihr Engagement benannte sie vor allem ihre Vorstellungen von Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Als Studierende der Erziehungswissenschaften beschrieb Hassan anschaulich den fruchtbaren Wissenstransfer zwischen Studium und Engagement. Engagement biete zudem vielfältige und wertvolle Möglichkeiten zur Erweiterung persönlicher und sozialer Kompetenzen. Im Engagement etwa Spontanität zu erlernen, sei eine überaus positive Erfahrung für sie gewesen. In den Ergebnissen der präsentierten Studien, so Hassan, hätte sie sich „wieder gefunden“.

Aus der Perspektive des projektfördernden Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hob Nikolas Kretzschmar im abschließenden Resümee die Kooperation zwischen der Uni und Freiwilligen-Agentur im Pilotprojekt „Students meet Society“ hervor und empfahl den Beteiligten, das studentische Engagement breiter zu befördern und angemessen anzuerkennen. Engagement, so Kretzschmar, schaffe Vertrauen zwischen Fremden, stifte sozialen Zusammenhalt und eröffne – wie in den Studien und im Pilotprojekt heute anschaulich gezeigt – weitreichende Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe.

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