Was ist Sprachkontaktforschung?

25.04.2018 von Tom Leonhardt in Kontext, Wissenschaft
Sprachen entwickeln sich ständig weiter. Treffen zwei Sprachen aufeinander, interagieren sie. In einigen Fällen entstehen sogar völlig neue Sprachen, sogenannte Kreolsprachen. Wie und warum sie sich erforschen lassen und was man von ihnen lernen kann, erläutert der Romanist und Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Ralph Ludwig.
Für seine Forschung trifft sich Ralph Ludwig (links) auch immer wieder mit den führenden Intellektuellen der Kreol-Bewegung, wie Hector Poullet.
Für seine Forschung trifft sich Ralph Ludwig (links) auch immer wieder mit den führenden Intellektuellen der Kreol-Bewegung, wie Hector Poullet. (Foto: Florence Bruneau-Ludwig)

Am Anfang meiner Forschung steht eine zentrale Beobachtung: Sprachen werden von Sprechern gesprochen – und das hat Folgen. In den meisten Regionen der Welt wird zudem nicht nur eine Sprache gesprochen, weshalb wir vielerorts Sphären des Sprach- und Kulturkontakts finden.

In meinen Untersuchungen beschäftige ich mich mit Kreolsprachen, die in einer Situation intensiven Kontakts mehrerer Sprachen entstehen. Dabei fertigen wir umfangreiche Korpusaufnahmen von Gesprächen an, transkribieren und analysieren diese. Im Zentrum stehen die Fragen: Was geschieht, wenn Sprachen aufeinandertreffen? Unter welchen Bedingungen und in welchen Formen kommt es zu Vermischungen? Gibt es allgemeine kognitive Bedingungen, die hier wirksam werden? Was ist eine „Kontaktsprache“, und wie kann sie sich entwickeln?

Die Mündlichkeit ist nicht nur in der Kreolistik die erste Ebene unserer Forschung: Wir untersuchen vor allem gesprochene Sprache. Das setzt voraus, dass sich die Sprachen noch aufzeichnen lassen. Wir beziehen aber beispielsweise auch Liedtexte ein: In der karibischen Musik hat das Kreol einen zentralen Platz. Allerdings ist mein Fach, die Romanistik, auch historisch betrachtet eine Sprach- und Kulturkontaktdisziplin. Die Romania verdankt ihr Gepräge den vielfältigen Kontaktsituationen, die bei Expansion und Zusammenbruch des Römischen Reiches entstanden sind. Das lässt sich nur mit geschriebenen Texten rekonstruieren. Diese Texte, ihre Begriffe und Redewendungen können nur in ihrer kulturellen Verankerung verstanden werden, und gerade der Vergleich historischer und aktueller Kontaktmuster ist für uns erhellend.

Ralph Ludwig
Ralph Ludwig
(Foto: Markus Scholz)

Ich selbst forsche seit vielen Jahren auf den karibischen Inseln Guadeloupe und Martinique. Das Guadeloupekreol, eine in ihren historischen Emergenzbedingungen immer noch nicht eindeutig geklärte Sprache, in die viel Französisch, aber auch Elemente verschiedener afrikanischer Sprachen eingegangen sind, habe ich selbst gelernt. Entstanden ist es im Zuge der Kolonisation, als auf den Zuckerrohrplantagen die vielen afrikanischen Sklaven nicht richtig Zugang zur Sprache der französischen Herren hatten. Heute gibt es wieder eine Kontaktsituation mit dem Französischen, denn Guadeloupe gehört seit 1946 als Überseedepartment zu Frankreich, und Kreol und Französisch werden nebeneinander gesprochen.

Alle Kreolsprachen haben sich relativ schnell verbreitet und zeichnen sich durch eine große systematische Klarheit aus. Dabei sind sie keineswegs simpler als die Sprachen, aus denen sie hervorgegangen sind. Als mündliche Sprachen haben sie zwar zunächst nicht dieselbe Eignung für den Schriftgebrauch, wie das Deutsche oder das Französische. Sie sind aber nicht weniger leistungsfähig! Kreolsprachen sind zudem aufgrund ihrer Transparenz deutlich einfacher zu erfassen: Sie weisen kaum Ausnahmen und Unregelmäßigkeiten auf. Das macht sie gut lernbar.

Unsere Forschung zielt immer in zwei Richtungen: Einerseits betreiben wir Grundlagenforschung, indem wir durch die Analyse universale Muster und Mechanismen von Sprache aufzeigen können. Das geht bei stark systematischen Sprachen sehr gut. Der Linguist Claude Hagège bezeichnet Kreolsprachen deshalb als linguistisches Laboratorium.Andererseits betonen die Menschen vor Ort, dass Kreolsprachen nicht nur ein wissenschaftliches Forschungsobjekt sind. Für sie ist die Sprache Alltag, bildet ihre Identität. Sie ist aus bedeutsamen und konflikthaften Kontaktsituationen entstanden, die noch nicht völlig aufgearbeitet sind. Gleichzeitig können Kreolsprachen aber wieder verloren gehen oder verdrängt werden. Mit meiner Arbeit möchte ich einen Beitrag für die Gesellschaften leisten, mit denen ich seit gut 30 Jahren in engem Austausch stehe. Die Forschung an Kreolsprachen, deren Beschreibung und Analyse haben auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Die karibischen Kreolsprecher erwarten von der Forschung, gegen die Minorisierung und aus der Kolonialzeit stammende Geringschätzung ihrer Sprache vorzugehen. Für mich ist das ein Spagat: Einerseits bleibe ich als Wissenschaftler deskriptiv und versuche, datenbasiert und so objektiv wie möglich zu arbeiten. Andererseits gibt es immer gesellschaftlich-politische Bezüge, beispielsweise bei der Kompilation des Guadeloupekreol-Wörterbuchs.

Um Sprachkontakte zu beobachten, müssen wir übrigens nicht in entfernte Regionen reisen. In Deutschland spricht ein beachtlicher Teil der Migranten und Geflüchteten Französisch. Hier können sich ganz neue Phänomene entwickeln. Sprachkontaktforschung spielt auch in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle.

Der Text ist in der Print-Ausgabe in der Rubrik „Kontext“ erschienen. Darin setzen sich Wissenschaftler der Martin- Luther-Universität mit einem aktuellen Thema aus ihrem Fach auseinander, erklären die Hintergründe und ordnen es in einen größeren Zusammenhang ein.

Zur Person

Prof. Dr. Ralph Ludwig ist seit 1995 Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Universität Halle, mit Schwerpunkten Französisch und Spanisch. Er arbeitet seit vielen Jahren zur sprachlichen Ökologie, zur frankophonen Literatur sowie zur französischen Aufklärung.

Kontakt: Prof. Dr. Ralph Ludwig
Institut für Romanistik
Telefon: +49 345 55-23542
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