Seuchen und Kriege: Was die Uni in 500 Jahren überstand

20.05.2020 von Katrin Löwe in Varia
Das aktuelle Semester dürfte in die Geschichtsbücher als ein ungewöhnliches eingehen. Wegen der Corona-Pandemie läuft die Lehre an der Universität digital, Studierende trifft man in den Fluren der Lehrgebäude nicht. Aber auch in den vergangenen fünf Jahrhunderten hat es Ausnahmesituationen gegeben, in denen die Lehre und der Universitätsbetrieb eingeschränkt stattfanden – oder sogar ganz eingestellt werden mussten. Einer der Gründe: die Pest.
Luther bei Pestkranken in Wittenberg, eine Radierung aus "Dr. Martin Luther, der deutsche Reformator / In bildlichen Darstellungen von Gustav Ferdinand Leopold König. In geschichtlichen Umrissen von Heinrich Gelzer" (Hamburg, Besser, 1847).
Luther bei Pestkranken in Wittenberg, eine Radierung aus "Dr. Martin Luther, der deutsche Reformator / In bildlichen Darstellungen von Gustav Ferdinand Leopold König. In geschichtlichen Umrissen von Heinrich Gelzer" (Hamburg, Besser, 1847). (Foto: Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt)

Wittenberg im Jahre 1631. Gerade hat das Wintersemester begonnen. Die Universitätsstadt an der Elbe ist wieder einmal von der Pest heimgesucht worden. „Der Rechtsprofessor Henning Groß berichtete unter dem 3. Oktober 1631, dass auf seinem Weg in das Collegium Iuridicum dicht an ihm der Pestkarren mit Pesttoten vorbeigeschoben worden sei. Die Studenten, die ihn begleiteten, seien so erschreckt worden, dass sie die Flucht ergriffen. Seine Disputation, die er durchzuführen beabsichtigte, habe somit nicht stattfinden können. Er empfahl, in Zukunft am frühen Morgen, wenn sich noch nicht viele Leute auf den Gassen befänden, die Toten aus der Stadt zu bringen und dafür das nächst gelegene Tor zu nutzen.“

Heiner Lück
Heiner Lück (Foto: Michael Deutsch)

Dieser Auszug stammt aus dem in Kürze im Universitätsverlag Halle-Wittenberg erscheinenden Buch von Prof. Dr. Heiner Lück: „ALMA LEUCOREA. Eine Geschichte der Universität Wittenberg 1502 bis 1817“. Rechtshistoriker Lück, langjähriger Professor für Bürger­liches Recht, Europäische, Deutsche und Säch­sische Rechts­geschichte an der MLU und im vergangenen Jahr emeritiert, ist ausgewiesener Kenner der Universitätsgeschichte – und damit auch des Funktionierens von Universität unter besonderen historischen Umständen.

Pestwellen und Umzüge

Insbesondere in der früheren Universitätsgeschichte waren es Krankheiten, die zu massiven Einschränkungen führten. Allein im 16. Jahrhundert suchte die Pest Wittenberg zwölfmal heim, berichtet Lück. Formell geschlossen worden sei die Universität wegen der Seuche zwar nie, wohl aber hätten die Professoren bei drohenden Pestwellen immer wieder überlegt, wohin die Leucorea umziehen könne, um der Pest auszuweichen. Ins Auge gefasst worden seien dafür zum Beispiel Herzberg (Elster), Schlieben, Jena und Torgau – sowie Magdeburg, letzteres in Ansehung des heraufziehenden Schmalkaldischen Krieges 1546. Für etwaige Ortsveränderungen war stets die Genehmigung des sächsischen Kurfürsten als Dienstherr erforderlich. Tatsächlich begaben sich Professoren und Studenten zeitweise nach Jena und Torgau, um die Lehre fortzuführen, so Lück. „Man darf annehmen, dass die Rathäuser dieser Städte genutzt wurden“ – und in Jena die Räume der dortigen Universität.

Medizinprofessor Abraham Werner gab 1575 Tipps zur Pest-Vorbeugung.
Medizinprofessor Abraham Werner gab 1575 Tipps zur Pest-Vorbeugung. (Foto: VD16 - Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt)

In anderen Pestjahren sei der Lehrbetrieb schlicht sehr reduziert abgelaufen. Professoren boten Veranstaltungen in ihren Häusern an – was generell nicht unüblich war. Nur wenige Studenten wagten sich heraus, viele wanderten ab. 1566 und 1577 hätten Universität, kurfürstliches Amt und Stadt im Übrigen eine Pestordnung festgelegt, die den Umgang mit Infizierten und weitere Maßnahmen regelte  – „also relativ modern“, wie Lück betont. Kranke wurden isoliert, zum Teil wurden deren Häuser gar zugenagelt und bewacht. Die Universität betrieb drei Hospitäler, in denen infizierte Studenten isoliert wurden. Seit 1582 mussten Pesttote auch gesondert registriert und an die kurfürstliche Regierung in Dresden gemeldet werden – pro Pestjahr waren es in Wittenberg zwischen 250 und 300.

Weit mehr Opfer forderte die Seuche in der Universitätsstadt im 17. Jahrhundert:  Allein 1637 wurden insgesamt 1.671 Tote gezählt – ein großer Teil davon waren Studenten. „Das spiegelt sich auch in den Matrikeln wider“, schildert der Rechtshistoriker. Hinzu kamen die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges. Statt etwa 300 Einschreibungen pro Semester gab es 1639 nur noch 94, 1637 waren es gar nur zwölf.

Im Krieg geschlossen

Neben Seuchen waren es Kriege, die drastische Auswirkungen auf die Lehre hatten. So endete 1813 das faktische akademische Leben in Wittenberg mit dem Beschuss und der Belagerung der Festung Wittenberg  durch die Alliierten gegen Napoleon für immer. Es wurde versucht, im nahen Schmiedeberg noch „ein bisschen Universität aufrecht zu erhalten“, so Lück. 1817 folgte die Vereinigung mit der Universität Halle.

In Halle wurde die Universität zweimal im Zuge der Eroberungszüge Napoleons geschlossen. Nach dem Einmarsch der Franzosen in die Stadt war dies am 19. Oktober 1806 das erste Mal der Fall – wiedereröffnet wurde die Universität erst im Mai 1808 als königlich-westfälische Einrichtung durch Napoleons Bruder Jérôme Bonaparte. Zu einer kurzzeitigen Schließung kam es auch 1813, nachdem sich hallesche Studenten den preußischen Freikorps angeschlossen hatten. Nach dem Rückzug der französischen Truppen sicherte der preußische König Friedrich Wilhelm III. den Fortbestand.

Komplett eingestellt wurde der Universitätsbetrieb dann noch einmal in Folge des Zweiten Weltkriegs – am 24. April 1945 durch die Amerikaner, die die Stadt Halle befreit hatten. Zur Wiedereröffnung kam es erst am 1. Februar des Folgejahres, dann schon durch den Beschluss der Sowjetischen Militäradministration.

Die Vorschau auf das Buch im Universitätsverlag Halle-Wittenberg - es erscheint im Juni und kann zum Subskriptionspreis vorab bestellt werden:

Heiner Lück
ALMA LEUCOREA Eine Geschichte der Universität Wittenberg 1502 bis 1817
Halle 2020, 368 Seiten, 175 Euro
ISBN 978-3-86977-208-0

 

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Kommentare

  • Christian Allner am 20.05.2020 14:33

    Als alumnus der MLU ein sehr spannender Einblick in die Geschichte meiner alten alma mater. Danke dafür. Mich würde interessieren, wie es konkret in Halle zuginge, denn die Uni gab es vor 1806 ja auch schon fast 200 Jahre.

    • Heiner Lück am 22.05.2020 19:04

      Sehr geehrter Herr Allner,

      vielen Dank für Ihr Interesse an unserem kleinen Beitrag zur Pest in Wittenberg und deren Folgen für die dortige Universität. Ihre Frage nach vergleichbaren Erscheinungen an der Universität Halle möchte ich kurz wie folgt beantworten:

      Als die Universität Halle 1694 gegründet wurde, lag die letzte Pestwelle, der Halle ausgesetzt war, 10-12 Jahre zurück (1682-1684). Eines ihrer prominenten Opfer war die erste Ehefrau des Vaters von Georg Friedrich Händel. Mit der Pest hatte die Universität Halle so gut wie nichts mehr zu tun. Allerdings kamen im 18. Jh. andere Epidemien auf, vor allem die Pocken. Diese grassierten in Halle im Laufe des 18. Jh. mit einem Höhepunkt im Jahre 1800. Hungersnöte mit entsprechenden hohen Sterberaten und Krankheiten plagten die Stadt 1751, 1770/71, 1805/06. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. suchten Cholera und Typhus in mehreren Wellen die Stadt heim. Besonders stark wütete die Cholera im Jahre 1866. Diese Erscheinungen stehen in einem Zusammenhang mit der Industrialisierung und den schlechten hygienischen Lebensbedingungen, insbesondere der armen Bevölkerungsschichten. Wie sich das alles auf die Universität ausgewirkt hat, müsste einmal speziell untersucht werden. Die Quellenlage ist nicht schlecht. Zu Schließungen oder Umzügen der Universität kam es nicht. Über die Gesunheitspflege in der Stadt Halle im Zeitraum vom 18. bis zum 20. Jh. informiert auch gehaltvoll das Buch: Karin Stukenbrock/Jürgen Helm (Hg.): Stadt und Gesundheit. Soziale Fürsorge in Halle vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, Halle 2006. Es ist als Band 9 der Schriftenreihe unseres Vereins für hallische Stadtgeschichte erschienen.

      Ich hoffe, wenigstens bruchstückhaft Ihre interessante Frage beantwortet zu haben.

      Mit freundlichen Grüßen und nochmaligem Dank für Ihr universitätsgeschichtliches Interesse

      Heiner Lück

  • Ralf Weber am 27.05.2020 11:04

    Danke für den spannenden Artikel, der mich aber an einer Stelle ratlos macht. Die Gründung der Universität Jena 1548 durch den nach der Niederlage bei Mühlberg 1947 entmachteten und gefangengesetzten Kurfürsten Johann Friedrich I. von Sachsen (in Jena bis heute Hanfried genannt) ist doch infolge des Verlusts der Universität Wittenberg geschehen? Ist der Umzug der Studenten 1546 nach Jena, wie im Artikel angedeutet, das eigentliche Initial für die Gründung der neuen Universität an diesem Ort?

    • Heiner Lück am 27.05.2020 14:14

      Sehr geehrter Herr Weber,

      es freut uns sehr, dass unser kleiner universitätsgeschichtlicher Artikel über Pest und Krieg in Wittenberg auf Ihr Interesse gestoßen ist. Gern beantworten wir Ihre Frage. Die Aussage im Artikel zu 1546 bezieht sich auf Magdeburg als erwogener Ausweichort. Im neuesten Buch über die Geschichte der Universität Wittenberg heißt es dazu: "In einem Schreiben aus den letzten Oktobertagen des Jahre 1546 teilte die Universität Herzog Johann Wilhelm (reg. 1554-1573), der für die Zeit der Abwesenheit seines Vaters die Regierungsgeschäfte von Weimar aus führte, mit, dass sie den Lehrbetrieb nach Magdeburg verlegen wollte. Offensichtlich war trotz des heraufziehenden Krieges ein regulärer Lehrbetrieb in Wittenberg bis Mitte Oktober 1546 realisierbar ... Schließlich verfügte der Rektor Caspar Cruciger d. Ä. ... am 6. November 1546 die Einstellung der Lehrtätigkeit mit der Maßgabe, sie in Magdeburg ... fortzusetzen. Dazu ist es allerdings nicht gekommen ..." (H. Lück: ALMA LEUCOREA. Eine Geschichte der Universität Wittenberg 1502 bis 1817, Halle an der Saale 2020, S. 53).

      Ihre Ausführungen zur Gründung der Universität Jena im Gefolge des Schmalkaldischen Krieges sind natürlich ganz zutreffend (19.3.1548: Gründung eines landesherrlichen paedagogium provinciale; 15.8.1557: Privilegierung zu einer mit allen Rechten ausgestatteten Universität durch König Ferdinand I.; 2.2.1558: Eröffnung der Universität). Über die Gründungsvorgänge und deren Rahmenbedingungen informiert zuverlässig: Helmut G. Walther: Die Gründung der Universität Jena im Rahmen der deutschen Universitätsgründungen des 15. und 16. Jahrhunderts, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 135 (1999), S. 101-121.

      Der 1546 von den Wittenbergern ins Auge gefasste vorübergehende Umzug nach Magdeburg hat nichts damit zu tun. Wir hoffen, etwas zur Klärung beigetragen zu haben.

      Mit freundlichen Grüßen

      Heiner Lück

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