Politikberatung in Krisen: Disputation in Wittenberg

01.11.2022 von Maximilian Kröger in Varia, Wissenschaft
Was kann Wissenschaft leisten, um Politik zu beraten? Wie kann sich Wissenschaft dabei treu bleiben? Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig wissenschaftlicher Rat für politisches Handeln ist. Über Chancen und Herausforderungen dabei wurde auf der traditionellen Disputation der Uni Halle am Reformationstag in Wittenberg gestritten.
Erstmals lief Rektorin Claudia Becker an der Spitze des traditionellen Zuges vom Rathaus zur Leucorea, gemeinsam mit Wittenbergs Bürgermeister André Seidig.
Erstmals lief Rektorin Claudia Becker an der Spitze des traditionellen Zuges vom Rathaus zur Leucorea, gemeinsam mit Wittenbergs Bürgermeister André Seidig. (Foto: Maike Glöckner)

Trotz der Nebelbänke über der Stadt war der Akademische Senat nicht zu übersehen, als er am Reformationstag in seinen historischen Talaren vom Wittenberger Marktplatz durch die Collegienstraße bis zur Stiftung Leucorea zog. Nach zwei Jahren coronabedingter Pause fand die traditionelle Disputation der Universität wieder in der Lutherstadt statt. Für Rektorin Prof. Dr. Claudia Becker war es eine Premiere: Erstmals führte sie den Zug an, gemeinsam mit Wittenbergs Bürgermeister André Seidig.

In der Leucorea konnte auch Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff begrüßt werden. Bevor der Vorstandsvorsitzende der Leucorea Prof. Dr. Jörg Dierken dort das Streitgespräch unter dem Titel „Wissenschaftliche Politikberatung in Krisen. Chancen und Herausforderungen“ eröffnete, würdigte die Rektorin die Wurzeln der Universität Halle in der Leucorea. Nach einer weiteren Begrüßung durch Bürgermeister Seidig stellte Prof. Dr. Lars P. Feld, Wirtschaftswissenschaftler an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Mitglied der Leopoldina, sieben Thesen zur Diskussion. Eine davon lautete: „Politische Verantwortung tragen die politischen Entscheidungsträger und nicht die wissenschaftliche Politikberatung.“

MLU-Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Gabriele Meyer forderte, dass die Politik auch Verantwortung dafür tragen müsse, eine angemessene Bandbreite an wissenschaftlichen Expertisen zu berücksichtigen. Zu Beginn der Corona-Pandemie wurden laut Meyer die Verhaltenswissenschaften, die Pflegewissenschaften und die Erziehungswissenschaften vernachlässigt, obwohl deren Erkenntnisse zu Auswirkungen der ergriffenen Maßnahmen dringlich eine Beachtung verlangt hätten.

Dr. Sonja Optendrenk, Leiterin der Abteilung „Gesundheitsversorgung, Krankenversicherung“ im Bundesministerium für Gesundheit, plädierte für einen verstärkten Dialog zwischen Politik und Wissenschaft in Krisenzeiten: Wenn schon politische Entscheidungen mit großer Unsicherheit getroffen würden, „dann würde ich mir wünschen, dass es eine Rückkopplung in die Wissenschaft gibt und versucht wird, diese Wissenslücken systematisch zu schließen.“

Nach einer lebhaften Debatte – zum Teil mit Publikumsbeteiligung – stellten die Disputantinnen und Disputanten einen weitgehenden Konsens fest, dass Politik und Wissenschaft ein größeres Verständnis füreinander aufbringen müssten und dass es in der Wissenschaft keine absoluten Wahrheiten gibt.

Schlagwörter

Disputation

Kommentar schreiben

Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.

Auf unserer Webseite werden Cookies gemäß unserer Datenschutzerklärung verwendet. Wenn Sie weiter auf diesen Seiten surfen, erklären Sie sich damit einverstanden. Einverstanden