„Plötzlich schienen Veränderungen möglich“

28.01.2020 von Ines Godazgar in Varia
Am 7. November 1989 wurde an der halleschen Universität ein unabhängiger Studentenrat gegründet. Welche Rolle spielten Studierende, als die DDR zusammenbrach? 30 Jahre später hat der Historiker Udo Grashoff, damals selbst Student in Halle, ein Buch darüber geschrieben.
Studierende aus der Biochemie auf einer der Montagsdemos im Oktober 1989 in Halle
Studierende aus der Biochemie auf einer der Montagsdemos im Oktober 1989 in Halle (Foto: BStU MfS BV Halle)

„Wo warst du, als die Mauer fiel?“ Wer die Ereignisse von 1989 bewusst miterlebt hat, kann diese Frage sofort beantworten. Udo Grashoff hat damals an der MLU studiert. „Ich war den ganzen Tag an der Uni. Es war der dritte Tag unseres neuen Studentenrats und ich bin erst am Abend nach Hause gekommen, als meine Eltern schon mit Sekt vorm Fernseher saßen“, sagt er. Grashoff gehörte zu den Gründungsmitgliedern eines unabhängigen Studentenrats, der am 7. November 1989 aus der Taufe gehoben worden war. Als „besonders beglückend“ hat der heute 53-Jährige deshalb nicht den Tag der Grenzöffnung empfunden. Die Zeit ab Mitte September 1989 habe ihn insgesamt euphorisch gestimmt, so Grashoff. „Als ich mit den Bürgerrechtlerinnen Katrin Eigenfeld und Heidi Bohley über das Neue Forum diskutiert habe. Und auch, als ich von Kommilitonen zu einer Gruppe um die Studenten Friedemann Stengel und Johannes Wien eingeladen wurde und wir ein Diskussionspapier formuliert haben. Plötzlich schienen auch an der MLU wirkliche Veränderungen möglich.“

30 Jahre ist das her – zum Jubiläum 2019 hat der Zeitzeuge eine eigene Publikation vorgelegt. „Studenten im Aufbruch“, so der Titel, umreißt die Entstehung einer unabhängigen studentischen Interessenvertretung an der MLU. Grashoff, der heute als Historiker am University College in London lehrt, spannt darin einen Bogen über fünf Jahre, von 1987 bis 1992. An den Anfang seiner Betrachtungen setzt er indes ein Statement des bekannten Historikers Hermann-Josef Rupieper (1942 – 2004), der 1993 an die Universität Halle berufen wurde und 1997 hart urteilte, dass der Umbruch in der DDR „eine Revolution gewesen [sei], bei der die Studenten nicht hervorgetreten sind, was häufig sonst bei Revolutionen der Fall ist“. Grashoff will das so nicht stehen lassen. Er sagt, er wolle mit seiner Studie auch dazu beitragen „ein besseres Verständnis für die Vielschichtigkeit der Vergangenheit“ zu entwickeln.

Einer der Akteure von damals ist Friedemann Stengel, der an der halleschen Universität heute die Professur für Neuere Kirchengeschichte innehat. In einer von Grashoff nach der Buchveröffentlichung geleiteten Podiumsdiskussion zum Thema bescheinigte er den meisten Studenten je-ner Zeit „eine erhebliche Anpassungsbereitschaft“ vor dem Herbst 1989. Nur eine Handvoll von ihnen habe vorher wirklich revoltiert. Unter denen, die dann aufbegehrten, waren aber keinesfalls nur Theologiestudenten. Vor 1989 sind aus politischen Gründen immer wieder Studierende exmatrikuliert worden. An verschiedenen Sektionen gab es einzelne Unangepasste. Zum Beispiel Johannes Wien, heute Vorstand im Berliner Humboldt-Forum, damals Student der Ur- und Frühgeschichte an der Universität Halle. Er hatte bereits 1988 sein Mitgliedsbuch der Freien Deutschen Jugend (FDJ) zurückgegeben – ein Unterfangen, das unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus Mut erforderte.

Udo Grashoff: Studenten im Aufbruch, Halle 2019, 112 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-96311-208-9
Udo Grashoff: Studenten im Aufbruch, Halle 2019, 112 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-96311-208-9
(Foto: Mitteldeutscher Verlag)

Im Herbst 1989 wurde auch der damalige Germanistik-Student Jörg Wagner aktiv, der heute als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der MLU tätig ist. „Die Zeit war einfach reif“, sagt er. Wagner gehörte zu einer Gruppe von Studierenden aus dem Germanistischen Institut, die gegen die am 4. Oktober 1989 erfolgte Schließung der DDR-Grenze zur ČSSR protestierte. Gemeinsam formulierten sie ein Schreiben, das im Institutsgebäude ausgehängt wurde. Eine Aktion, „die selbst so kurz vor der eigentlichen Wende zumindest im Rausschmiss hätte enden können“, so Wagner. Aus heutiger Sicht betrachtet seien es zwar nur noch wenige Tage bis zum Zusammenbruch der DDR gewesen, „aber bis dahin hatte sich noch niemand im Institut offen exponiert. Man wusste nicht, wohin die Reise geht, schließlich feierte die DDR drei Tage später noch mit Pomp ihren 40. Jahrestag.“ Die Uni und die meisten Studenten, so Wagner, haben „gewiss keine Vorreiterrolle gespielt“. Dennoch seien ihre Aktionen wichtig gewesen.

Bei den Theologen regte sich deutlich früher als im Herbst 1989 Protest. Bereits zwei Jahre zuvor hatten sie innerhalb ihrer Sektion Studienreformen gefordert und eine von der FDJ unabhängige Studentenvertretung gegründet, die in der Tat von der damaligen Sektionsleitung unter Direktor Helmut Obst anerkannt wurde. Dabei agierte auch schon eine Gruppe, der es vor allem um politische Aktionen ging. Später, rund um die eigentliche Wende, initiierte Johannes Wien mit rund 30 Studierenden aus verschiedenen Sektionen eine oppositionelle Gruppe, die sich in Stengels Wohnung traf. So auch am 10. Oktober 1989, als man gemeinsam ein Flugblatt mit dem Aufruf zur Gründung eines unabhängigen Studentenbundes formulierte, das wenig später in der Evangelischen Studentengemeinde vervielfältigt wurde. Nur einen Tag nach der Flugblatt-Aktion, am 11. Oktober 1989, wurde Stengel verhaftet und aus der U-Haft im „Roten Ochsen“ erst nach mehr als 16 Stunden wieder entlassen. Ziel der Stasi-Aktion war „meine exemplarische Verurteilung, um die Gruppe protestierender Studenten und die Sektion Theologie insgesamt zu treffen“, sagt Friedemann Stengel. Dazu kam es nicht mehr. Aber erst einen Tag nach dem Mauerfall wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt.

Nur ganz wenige aus der oben erwähnten Gruppe engagierten sich später im neu gegründeten Studentenrat der Uni. Denn, so Friedemann Stengel: „Sehr viel wichtiger erschien den meisten der Umbruch.“

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