Musikalische Weihnachtsträume

13.12.2022 von Katrin Löwe in Personalia, Varia
Seit 30 Jahren leitet Musik-Dozent Hartmut Reszel eine der beliebtesten Shows der Stadt: die Weihnachtsrevue im Steintor-Varieté. Etwa ebenso lange ist er Chef der Uni-Bigband. Fast zeitgleich mit seinem Wechsel in die zweite Reihe des Ensembles erfüllt sich bald ein besonderer Traum für den 62-Jährigen: eine Reise zu den Wurzeln seiner Lieblingsmusik.
Hartmut Reszel im Steintor-Varieté - seit 30 Jahren leitet er dort die Weihnachtsrevue.
Hartmut Reszel im Steintor-Varieté - seit 30 Jahren leitet er dort die Weihnachtsrevue. (Foto: Markus Scholz)

So ein richtiges Weihnachtsgefühl, das überkomme ihn meist erst an den Feiertagen, gibt Hartmut Reszel zu. „Meine Frau schafft es dann, das noch hinzuzaubern.“ Alles davor sei irgendwie surreal. Weil: „Eigentlich ist das ganze Jahr Weihnachten.“ Jedenfalls für ihn, der seit nunmehr 30 Jahren die Weihnachtsrevue im halleschen Steintor-Varieté leitet. Sage und schreibe 38 Vorstellungen sind es in diesem Jahr wieder, die letzte Aufführung unter dem Titel „Herr Fuchs, Felix und die Weihnachtsspiegelkugel“ findet an diesem Samstag statt, mit Hartmut Reszel als Weihnachtsmann. In Halle hat sich die Show, zu der mehr als 350 Kinder aus dem Tanz-Zentrum No. 1 gehören, längst zu einem Publikumsmagneten entwickelt. 2019 etwa wurden über 50.000 Besucherinnen und Besucher gezählt – „irre, mehr als das Stadion in Leipzig fasst“. In diesem Jahr waren schon vor der Premiere mehr als 40.000 Karten verkauft.

Und wer schaut sich die Show an? Nicht nur Kinder: Zwei- bis 92-Jährige, Halle-Pass-Inhaber bis Uni-Professoren, Einheimische bis von weither Angereiste: Das Publikum der Revue sei erfreulich breit gefächert, sagt der Musiker. Der Erfolg ist freilich mit viel Arbeit verbunden, gerade für ihn. Noch während die Shows laufen, beginnen die Vorbereitungen für das Jahr darauf, erzählt er. Zum Jahresanfang wird die Musik geschrieben, spätestens ab März wird im Tanz-Zentrum damit trainiert, im April sind bereits klare Vorstellungen von der Choreografie und dem Bühnenbild gefordert, bevor im Herbst die konzentrierten Proben im Steintor starten. „Auch die Kostüme sind ein Riesen-Aufwand“, sagt Reszel. Ein Äquivalent zu der Show in Halle gebe es in ganz Deutschland nicht.

Über 350 Lieder hat Reszel in den 30 Jahren für die Revue geschrieben und arrangiert – etwas, wovon übrigens auch die Studierenden der Uni profitieren. „Ich bilde Musiklehrer aus und die Show ist sehr dicht dran an dem, was sie später machen“, sagt er. Ob Projektarbeit, Arrangement, Musical – Reszel sieht da durchaus Schnittmengen. Dass die Lehre nicht unter seinem Engagement für die Show leidet, war übrigens eine Bedingung, noch bevor er deren Gesamtleitung übernommen hat. Schon 1988 hat Reszel für die Vorgängeraufführung im Steintor, die „Hoppel-Poppel-Show“, Musik geschrieben. Als der Orchesterleiter plötzlich ausfiel, erlaubte ein genehmigter „Antrag auf sozialistische Hilfe“ dem jungen Uni-Angestellten Reszel, offiziell ins Team einzusteigen. Dass daraus ein mehrere Jahrzehnte andauerndes Lebenswerk wird, damit hat der Musik- und Deutschlehrer, der in Leipzig ein Zusatzstudium in Komposition und Arrangement absolviert hat, nach eigenen Angaben nicht gerechnet.

Das hat er allerdings auch bei einem anderen Engagement nicht, wie er rückblickend sagt: der Uni-Bigband. Als Kind von Musikalartisten hat Reszel zeitlebens mit Bigbands zu tun gehabt, „es war immer mein Traum, so etwas zu machen“. Ein Traum, der schwierig zu erfüllen war zu DDR-Zeiten, in denen der Staat vorschrieb, wie viel von welcher Musik das Volk hören sollte. Als 1990 das Fach „Ensemblemusizieren“ an der Uni eingeführt wurde, habe er mit einer Besetzung Klavier, Cello und Flöte angefangen. Dann kamen erst drei, später weitere Bläser dazu, ein Konzert im Sommer 1992 und die Resonanz darauf gaben dem Band-Projekt einen Riesen-Auftrieb. „Bis 1993 hat sich dann wirklich die Größe einer Bigband entwickelt“, so Reszel. Die gab ihr erstes Konzert im Mai 1993 beim Moritzburg-Jazzfestival, als eine der ersten Amateur-Bigbands, die damals in Sachsen-Anhalt existierten. „Dann ging es Schlag auf Schlag“, erinnert sich Reszel. Dabei hatte er geglaubt, dass die Bigband ein maximal zweijähriges Projekt bleibt, bis deren Mitglieder eben ihr Studium beenden. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellte.

Heute erzählt Reszel von vielen Highlights in den vergangenen drei Jahrzehnten: dem Kopenhagen-Jazzfestival, der Tournee durch Polen, den vier CD-Produktionen, TV-Auftritten oder einer Tournee durch Brasilien im Jahr 2014, um nur einige zu nennen. Und er erzählt von Kontakten zur Crème de la Crème der Branche: Soul-Legende Edo Zanki war Stargast mehrerer Konzerte, einer der größten Bigband-Leader der 1980er-Jahre Peter Herbolzheimer gab einen Workshop und die Jazz- und Soulsängerin Uschi Brüning trat ebenfalls mit der Uni-Bigband auf.

Auch an einen weiteren Star erinnert sich Reszel, als wäre er ihm erst gestern begegnet: den US-amerikanischen Jazzpianisten Leroy Lovett. „Das war 1994 unsere erste internationale Zusammenarbeit“, sagt Reszel. Die anfangs unter keinem guten Stern stand. Lovett schickte Arrangements, die für amerikanische Profi-Bigbands geschrieben waren, weit über dem damaligen Niveau der Uni-Bigband. Immer wieder habe der Amerikaner Titel anspielen lassen. „Vier Takte, dann brach alles zusammen“, erinnert sich Reszel. Lovetts Urteil: Das wird nichts. Reszel aber ließ sich nicht beirren, erbat sich zwei Tage Zeit bis zur Entscheidung, ob es ein gemeinsames Konzert geben wird. Zwei Tage, in denen rund um die Uhr geprobt wurde – mit Erfolg. „Wir haben ihn beeindruckt, das wurde noch eine richtige Freundschaft.“

Inzwischen ist Reszel auf dem Weg in die zweite Reihe der Uni-Bigband. Es darf nicht nach ihm aufhören, das war sein großes Ziel. Seit 2019 ist sein Nachfolger Michael Lieb im Boot, derzeit leiten beide bereits gemeinsam das Ensemble. Mit dem großen Jubiläumskonzert am 14. Mai 2023 sollen offiziell die Rollen getauscht werden. Bis zu seinem Ruhestand werde er die Band dann noch drei Jahre unterstützen können, so Reszel.

2023 soll sich aber auch noch ein großer Traum erfüllen: eine Reise mit der Uni-Bigband in das Mutterland der Musik, die USA – genauer gesagt nach Savannah. Geplant war sie ursprünglich schon 2020, inklusive eines bereits zugesagten Auftritts beim Savannah Jazz Festival. Corona kam dazwischen. Nun musste vor allem die Finanzierung neu organisiert werden. Am Sonntag hat Hartmut Reszel die Nachricht erreicht, dass das für Ende September 2023 anvisierte Projekt USA-Reise von der nach ihrem Gründer Carl Halle benannten Halle-Foundation in Georgia, Atlanta unterstützt wird. Für ihn ist das so etwas wie ein vorfristiges Weihnachtsgeschenk. An feierlicher Stimmung wird es diesmal also auch vor Weihnachten nicht mangeln.

Das Jubiläumskonzert

Unter dem Titel „30 Jahre Uni-Bigband Halle feat. die Lenas und Fola Dada“ steht das große Jubiläumskonzert im kommenden Jahr, das gleichzeitig das Abschlusskonzert des Festivals „Women in Jazz“ in Halle ist. Es findet am 14. Mai 2023 ab 17 Uhr in der Händel-Halle statt. Das Konzert ist zum einen ein Rückblick auf das musikalische Schaffen der Band und die Zusammenarbeit mit Jazzlegenden. Zum anderen werden im zweiten Teil gemeinsam mit den Gästen Fola Dada und dem Jazzvokaltrio 3 Lenas Bigband-Bearbeitungen des African Songbooks präsentiert. Karten sind bereits jetzt im Vorverkauf erhältlich.

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