Katastrophenschutz: Projekt zu Spontanhelfern geht in die Praxis

25.06.2026 von Miriam Buchmann in Wissenschaft, Wissenstransfer
In Berlin soll im Krisen- oder Katastrophenfall künftig ein digitales System dabei helfen, freiwillige Helfer in Echtzeit zu koordinieren. Mehr als zwei Jahre hat ein Konsortium aus Bevölkerungsschutz, Wissenschaft und Industrie an der Plattform „KatHelfer-Pro“ gearbeitet, die künftig von Krisenstäben oder Leitstellen genutzt wird. An der Entwicklung des IT-Systems waren Forschende der MLU federführend beteiligt. Im Interview spricht Projektmitarbeiter Hans Betke über die Hintergründe.
Das Verbundprojekt hat untersucht, wie Spontanhelfende - hier in pinkfarbenen Westen - beim Katastrophenschutz in die Arbeit der Einsatzkräfte verschiedener Organisationen eingebunden werden können.
Das Verbundprojekt hat untersucht, wie Spontanhelfende - hier in pinkfarbenen Westen - beim Katastrophenschutz in die Arbeit der Einsatzkräfte verschiedener Organisationen eingebunden werden können. (Foto: Kevin Nehring)

Was war das Ziel von „KatHelfer-Pro“?
Hans Betke: Ziel ist es, in Krisen- und Katastrophenfällen die Bevölkerung möglichst in der Breite zu erreichen und die Hilfeleistung besser zu lenken, die sich sonst selbstständig über soziale Netzwerke koordiniert. Wir richten uns an sogenannte Spontanhelferinnen und -helfer. Bei „KatHelfer-Pro“ handelt es sich um ein soziotechnisches System, das sowohl über das IT-System Aufgaben automatisch an Spontanhelfende vermittelt als auch Handlungsempfehlungen und Schulungsmaterialien für die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben, kurz BOS, gibt.

An der MLU hat die Forschung zu diesem Gebiet eine längere Vorgeschichte …
Ja, seit dem Hochwasser 2013 forschen wir in Halle zum Thema, angefangen mit unserer lokalen Initiative „Hands2Help“, mit der wir den Transferpreis und den Scidea Ideenwettbewerb in der Kategorie Dienstleistung gewonnen haben. Daraus ist KUBAS hervorgegangen, ein größeres vom Bundesforschungsministerium gefördertes Projekt, in dem die Koordination von Spontanhelfenden in großen Schadenslagen wie Hochwasser im Vordergrund stand. Um daraus eine bundesweite Lösung zu bauen, haben wir dann gemeinsam mit vielen aktiven Partnern aus dem Bereich Spontanhilfe dieses Verbundprojekt „KatHelfer-Pro“ ins Leben gerufen, das vom Forschungsministerium als ein Praxisleuchtturm der zivilen Sicherheit gefördert wurde.
 

Hans Betke
Hans Betke (Foto: Uwe Bretschneider)

Wie funktioniert das neue System konkret?
Das System ist auf größtmögliche Zugänglichkeit ausgelegt. Wer zukünftig spontan helfen möchte, kann entweder angebundene Bevölkerungsschutz-Apps wie zum Beispiel „KatRetter“ oder „Mobile Helfer“ nutzen oder, noch einfacher, über bestehende Instant Messenger wie WhatsApp per Chatbot kommunizieren. Bei einem Großschadenereignis wie ¬Überschwemmung, Stromausfall oder Sturm geht eine Anfrage an die Bevölkerung raus, wer mithelfen will. In wenigen Sekunden kann man angeben, wo man ist, wann man Zeit hat und welche Fähigkeiten man mitbringt, zum Beispiel: Kann ich körperliche schwere Arbeit leisten? Bin ich handwerklich begabt? 

Dann erhält man gegebenenfalls automatisiert einen passenden Aufruf. Vor Ort sind dann schon die Einsatzkräfte, die die Personen registrieren, einweisen und nach vollendeter Arbeit wieder auschecken. So behalten Einsatzleitung und Krisenstäbe den Überblick.

Welchen Part hatte die Universität Halle im neuen Verbundprojekt?
Wir haben zum Beispiel das Netzwerk für „KatHelfer-Pro“ zusammengebracht und den Antrag koordiniert. Das Konsortium ist riesig: sieben Verbundpartner, 35 assoziierte Partner. Die gesamte Liste der Netzwerkpartner ist über 130 Einträge lang. 

Seitens der MLU haben wir zudem die technische Zugangsform über Chatbots und Instant Messenger entwickelt. Und aus unseren vorherigen Projekten haben wir natürlich auch konzeptionell etwas zur Systemarchitektur eingebracht. Zum Beispiel haben wir eine Simulation entwickelt, mit der die BOS den Umgang mit dem System in ruhigen Zeiten mit bis zu 20.000 simulierten Spontanhelfenden erproben und üben können, denn auch das beste Werkzeug wird im Ernstfall nicht genutzt, wenn sich niemand damit auskennt.

Unsere Komponenten haben wir in das Gesamtsystem integriert, das vor allem vom Fraunhofer FOKUS und T-Systems entwickelt wurde. Ich bin froh, dass wir T-Systems als starken Industriepartner und Konsortialführer gewinnen konnten, was uns nun auch bei der Verwertung der Ergebnisse nach Projektende sehr hilft.

Zum Forschungsprojekt gehörten mehrere Übungen - hier ist die Smartphone-Anzeige bei einer Übung in Fritzlar zu sehen.
Zum Forschungsprojekt gehörten mehrere Übungen - hier ist die Smartphone-Anzeige bei einer Übung in Fritzlar zu sehen. (Foto: Kevin Nehring)

Kurzer Ausblick in die Zukunft – wie geht es mit dem Projekt nun weiter?
Offiziell ist das Projekt seit April 2025 abgeschlossen. Das Produkt „KatHelfer“ ist marktreif und wird in Berlin als erstem Bundesland mittlerweile pilotiert. Das Land Berlin war einer unserer assoziierten Partner. Wir unterstützen auch zukünftig bei der Verwertung. Das Ziel ist es, den Einsatz unserer Plattform in Deutschland möglichst flächendeckend anzuregen. Denn man kann ja niemandem wirklich erklären, warum Menschen nicht eingebunden sind, die hinter einer Bundeslandgrenze wohnen. Ganz wichtig ist uns im Konsortium dabei auch, die Einsatzkräfte besser auf den Umgang mit Spontanhelfenden vorzubereiten, weil die Technik immer nur ein Teil der Lösung sein kann. Auch in der Forschung geht es für uns weiter. Wir arbeiten aktuell daran, wie wir die verschiedensten Informationsdienste und Wissensquellen zum Bevölkerungsschutz mittels Sprachagenten und App-less Interfaces bündeln und so einfach wie möglich zugänglich machen können, um das Thema noch stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Wie war es für Sie, in einem so großen Projekt mitzuwirken? 
Ich bin sehr stolz, dass wir es im Projekt trotz der verschiedensten Organisationen, Regelungen und Ausgangslagen geschafft haben, sehr viele Leute zusammenzubringen und für Deutschland insgesamt eine Lösung zu schaffen, die auf breiten Konsens stößt. Das ist eine große Leistung innerhalb unseres föderalen Systems und für mich persönlich ein sehr schönes Ergebnis nach 13 Jahren Einsatz für das Thema Spontanhilfe.

Zur Person

Hans Betke hat nach seinem Masterabschluss in Wirtschaftsinformatik an der MLU im Jahr 2012 in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Stephan Sackmann (Betriebliches Informationsmanagement) begonnen, sich intensiv mit IT-gestütztem Krisenmanagement und der Koordinierung freiwilliger Helfender zu befassen. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter war er sowohl an der Initiative „Hands2Help“ nach dem Hochwasser 2013 als auch am Nachfolgeprojekt „KUBAS“ beteiligt. Zudem arbeitete er unter anderem in einem vom Bund geförderten Projekt zur Entlastung der Pflege durch IT-basierte Einbindung von spontanen Freiwilligen mit. Seit 2022 ist Betke auch in beratender Funktion am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) tätig.

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