„Die Zukunft geht nur mit starken, autonomen Hochschulen und freier Wissenschaft“

04.09.2026 von Tom Leonhardt in Campus, Wissenschaft
Mit einem neuen Rektoratsteam ist Rektorin Prof. Dr. Claudia Becker am 1. September in ihre zweite Amtszeit gestartet. Welche Änderungen es in der Hochschulleitung gibt und welche Themen die Universität in den kommenden Jahren bewegen werden, darüber spricht die Rektorin im Interview.
Rektorin Claudia Becker im Interview
Rektorin Claudia Becker im Interview (Foto: Markus Scholz)

Kurz vor Beginn Ihrer zweiten Amtszeit überbrachte Wissenschaftsminister Armin Willingmann einen Förderbescheid über drei Millionen Euro zur Vorbereitung der neuen Runde der Exzellenzstrategie 2032 an der MLU. Damit ist der Schwerpunkt für die kommenden Jahren gesetzt? 
Claudia Becker: Das ist sehr spannend, dass die Botschaft deutlich angekommen ist, dass wir ein zweites Cluster einwerben möchten. Wir wollen mit der finanziellen Unterstützung zunächst intern Forschungsinitiativen fördern, die sich bis 2030 so weit entwickelt haben, dass wir in die Antragstellung für ein weiteres Cluster gehen können. Wobei zur Exzellenz perspektivisch nicht nur die Forschung gehört.

Was meinen Sie damit? 
Unser Ziel ist es nicht nur, ein zweites Cluster zu bekommen, sondern auch den Antrag auf den Status als Exzellenzuniversität zu stellen. Dafür müssen wir als Universität auch in anderen Bereichen eine entsprechende Exzellenz vorweisen können. Dazu gehören die Themen Studium und Lehre sowie die Verwaltung. 

Wofür genau werden die Exzellenzmittel des Landes denn genutzt? 
Geplant ist ein offenes wettbewerbliches Verfahren, an dem sich Initiativen aus der Universität beteiligen können, die bereits forschungsstark sind. Thematisch möchte ich hier nicht vorgreifen. Das Geld dient dazu, in ausgewählten Bereichen eine zusätzliche Unterstützung anzuschieben, um Vorhaben auf dem Weg zur Exzellenz umzusetzen. Dazu gehört auch das Berufungsgeschehen in den Fakultäten und die Frage, wie man dieses ausrichtet. Für ein Exzellenzcluster braucht es Vorarbeiten, zum Beispiel Sonderforschungsbereiche, Graduiertenkollegs und hochrangige Veröffentlichungen.

Am Ende geht die MLU mit einer Initiative an den Start?
Jede Initiative bedeutet sehr viel Arbeit. Jetzt fangen wir erst mal mit einem breiteren Wettbewerb an. Aber ja, am Ende wollen wir mit einer oder vielleicht zwei Skizzen weiterarbeiten. 

Das erste Exzellenzcluster der Universität, das „Center for Chiral Electronics”, hat in diesem Jahr seine Arbeit aufgenommen. Wie soll es damit weitergehen? 
Das Cluster soll 2032 verlängert werden. Wir sehen bereits, dass im Umfeld des Clusters weitere hochrangige Drittmittel eingeworben werden. Daran erkennt man, dass hier viele hochkarätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammengekommen sind. 

Sie starten in die neue Amtszeit mit einem neuen Rektoratsteam und mit neuen Zuschnitten für die Prorektorate. Was erhoffen Sie sich von dieser Neuaufstellung?
Dass wir bestimmte Themen fokussierter angehen können. Deshalb gibt es jetzt zum Beispiel das Prorektorat für digitale Transformation und Transfer. Die digitale Transformation treibt uns schon eine ganze Weile um. In der Rektoratsarbeit hat so ein Thema aber wenig Chancen, sich niederzuschlagen, wenn man diesem nicht ein Prorektorat widmet. Wir sind jetzt einen guten Schritt weiter, etwa mit Blick auf den Relaunch unserer Website oder die Einführung von HISinOne, mit dem wir den gesamten Student Life Cycle abbilden können. Und jetzt wollen wir das Thema noch einmal auf eine neue Ebene heben und der Universität signalisieren, dass wir es ernst meinen – und dass es schneller vorangeht. 

Mit welchem Ziel?
Das Ziel ist es, viele Prozesse so gut aufzustellen, dass wir sie nicht nur digitalisieren, sondern auch besser als bisher betreiben. Mit Stefan Sackmann als neuem Prorektor haben wir einen sehr erfahrenen Wissenschaftler, der bereits mehrere große Transformations- und auch Transferprojekte umgesetzt hat. 

Die zweite Neuerung ist das Prorektorat für Forschung und Vielfalt in der Wissenschaftskultur unter Leitung der neuen Prorektorin Rebecca Waldecker. Was ist die Idee? 
Künftig werden auch wesentliche Teile des Berufungsgeschehens in dem Prorektorat angesiedelt sein. Wir möchten die Forschung stärker mit dem Berufungsgeschehen verknüpfen, um so die Bedeutung von Berufungen für die Forschung in den Vordergrund zu rücken. Rebecca Waldecker ist das Thema Vielfalt ebenfalls sehr wichtig, gerade mit Blick darauf, wie es sich in der ganzen Academia widerspiegelt. Deshalb haben wir das Thema direkt in den Namen integriert. 

Das dritte Prorektorat wird weiterhin von Pablo Pirnay-Dummer geführt und ist zum Prorektorat für Studium, Lehre und Internationalisierung erweitert worden. Warum ist die Internationalisierung nun dort verankert? 
Grundsätzlich wird der demografische Wandel dazu führen, dass es aus Deutschland heraus weniger Studierende geben wird. Daher müssen wir auch internationaler werden, wenn wir unsere bisherigen Zahlen halten wollen. Pablo Pirnay-Dummer brennt für das Thema und insofern passt es sehr gut in sein Prorektorat. 

Welche Herausforderungen stehen in den kommenden Jahren für die Universität an? 
Zu den bereits genannten Herausforderungen kommt die Finanzierung der Universität. Sie ist ein Thema, das uns spätestens zur Hälfte der Amtszeit wieder intensiver beschäftigen wird. Dann wird es darum gehen, die Zielvereinbarungen für die Zeit nach 2029 mit dem Land zu verhandeln. Wenn wir auf unsere Nachbarbundesländer und Deutschland insgesamt schauen, ist der politische Wille, die Grundfinanzierung der Hochschulen zu stärken, nicht sehr ausgeprägt. Momentan sind wir vergleichsweise gut aufgestellt. 

Welche gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen sehen Sie noch?
Die Wissenschaftsskepsis und Begehrlichkeiten, die Wissenschaftsfreiheit zu beschränken, sind große Herausforderungen … 

Diese Themen könnten nach der Landtagswahl an diesem Wochenende noch einmal größere Dynamik bekommen. Wie blicken Sie auf die Wahl?
Bei mir überwiegt weiterhin die Hoffnung, dass sich viele Menschen klarmachen, was diese Wahl für sie selber bedeutet. Ich bin überzeugt davon, dass Demokratie ein hohes Gut ist, zugleich aber auch eine tiefe Verpflichtung bedeutet. Wenn wir unsere akademische Freiheit auch weiterhin in Anspruch nehmen wollen, müssen wir uns aktiv dafür einsetzen. Die Zukunft geht nur mit starken, autonomen Hochschulen und freier Wissenschaft. Universitäten sind Orte des Wissens, des kritischen Denkens und gelebter Demokratie. 

Minister überreicht Ernennungsurkunde und Fördermittel für Exzellenzstrategie

Wissenschaftsminister Armin Willingmann bei der Ernennung von Claudia Becker und der Übergabe des Förderbescheids
Wissenschaftsminister Armin Willingmann bei der Ernennung von Claudia Becker und der Übergabe des Förderbescheids (Foto: Markus Scholz)

Wissenschaftsminister Prof. Dr. Armin Willingmann hat am Mittwoch, 19. August, Rektorin Prof. Dr. Claudia Becker erneut zur Rektorin der Martin-Luther-Universität ernannt. Ihre zweite Amtszeit hat am 1. September 2026 begonnen. Zugleich überbrachte der Minister an diesem Tag den Förderbescheid über drei Millionen Euro zur Vorbereitung der nächsten Runde der Exzellenzstrategie. 

Zur Pressemitteilung des Wissenschaftsministeriums Sachsen-Anhalt: https://mwu.sachsen-anhalt.de/news/article/3-millionen-euro-fuer-weg-zu-weiterer-exzellenz-willingmann-ueberreicht-foerderung-an-uni-halle 
 

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