„Ich glaube an die Kraft von Vorbildern“

27.09.2018 von Manuela Bank-Zillmann in Campus, Hochschulpolitik
Während ihres Studiums war die Mathematikerin Prof. Dr. Rebecca Waldecker manchmal die einzige Frau in einer Lehrveranstaltung. Heute sei das für Mathe-Studentinnen nicht mehr so, sagt sie. Hat sich da etwas verändert? Ein Gespräch über Gleichstellung, Frauenförderung und das neue Leitbild der Universität.
Rebecca Waldecker ist Professorin an der Uni Halle.
Rebecca Waldecker ist Professorin an der Uni Halle. (Foto: Karsten Möbius)

Wenn man Ihren Lebenslauf anschaut, sieht das aus wie eine ganz stringente akademische Karriere. Und das mit noch nicht einmal 40.
Rebecca Waldecker: (lacht) Ja, stimmt, im Nachhinein.

Gab es da an irgendeinem Punkt eigentlich einmal eine Förderung für Sie als Frau? Oder ist das eine Karriere, die auch jeder Mann genauso gemacht haben könnte?
Ich kann mich da in meinem Studium in Kiel an keine Förderung erinnern. Ich wurde auch nicht benachteiligt, war nur manchmal die einzige oder eine der wenigen Frauen in einer Lehrveranstaltung. Später habe ich gesehen, dass es auch Universitäten gibt, an denen es Professorinnen gibt. Es war tatsächlich so, in England hat sich in der Post-Doc-Phase mein Blick geändert. Aber auch da war ich in keinem Frauenförderprogramm, das war ein ganz normales Forschungsprojekt. In Birmingham ist mir erst aufgefallen, dass es merkwürdig ist, wenn an einer Uni nur männliche Professoren herumlaufen, weil es dort eben anders war. Und in dem Verfahren hier in Halle, als ich mich für die Juniorprofessur vorgestellt habe, ist mir sehr positiv aufgefallen, dass mehrere junge Frauen eingeladen worden sind. Ich weiß nicht, ob das Absicht war, aber ich fand das gut.

Wie ist das denn jetzt so in der Mathematik? Ich habe auf Ihrer Website gesehen, dass Sie zurzeit die Arbeiten von fünf Studierenden betreuen – vier Männer und eine Frau. Ist es also immer noch so, dass hier mehr Männer als Frauen unterwegs sind?
Ich habe nicht alle Mathe-Studierenden in meinen Vorlesungen, aber bei denen, die ich sehe, habe ich schon den Eindruck, dass der Frauenanteil heute höher ist als zu der Zeit, als ich studiert habe – ganz besonders im Lehramt. Da sind manchmal auch mehr als die Hälfte Frauen. Und es ist auch so, diese Rückmeldung habe ich jedenfalls erhalten, dass ich anscheinend sehr gute und talentierte Studentinnen anziehe, dass sie gezielt zu mir kommen.

Warum ist das so?
Ich persönlich glaube an die Kraft von Vorbildern. Und ich habe immer bewusst sehr gute Studentinnen bei mir eingebunden, zum Beispiel in Tutorien oder als Übungsleiterin. Und es ist ein Unterschied für eine Studentin – selbst wenn die Hälfte in der Übung Frauen sind –, wenn da vorne nur Männer stehen und etwas erzählen. Auf die Mischung kommt es an: Männer, Frauen, jung, alt. Und wenn da vorn auch mal eine jüngere Frau steht, dann kann ich mich doch viel leichter mit ihr identifizieren und vielleicht kann ich mir als Studentin dann vorstellen, das später auch mal zu machen.
 
Dass mehr Frauen in der Mathematik ankommen, sind das auch Effekte, die aus den Programmen resultieren, die Mädchen für MINT-Fächer interessieren wollen?
Ich sehe eine Veränderung, aber kann nicht sagen, woher sie kommt. Es hat vielleicht mit der Diskussion in der Gesellschaft zu tun, es hat auch vielleicht damit zu tun, dass es mehr Vorbilder gibt, vielleicht hat es auch mit Fördermaßnahmen zu tun. Aber es machen ja auch mehr Leute Abi und mehr Leute ein gutes Abi. Man kann das sicherlich alles gar nicht voneinander trennen. Und: Ich habe vor Kurzem etwas gelesen, was ich interessant fand. Es könnte sein, dass es bei Männern und Frauen Affinitäten hinsichtlich bestimmter Fächer gibt, weil diese Fächer mit einer gewissen Aura umgeben sind. Es könnte sein, dass es daran liegt, wie Menschen beschrieben werden, die in diesen Wissenschaften erfolgreich sind: der geniale Physiker oder der geniale Mathematiker. Aber sagt man etwa: der geniale Historiker oder die geniale Historikerin oder die geniale Psychologin? Und wenn man bestimmte Fächer – und da sind Mathe und Physik vorne mit dabei – damit besetzt, dass man dafür geboren sein muss, dass man dafür genial sein muss und dies alles Frauen wiederum nicht zuschreibt, dann ist doch auch klar, dass die sich dazu nicht hingezogen fühlen. Das könnte noch ein Erklärungsansatz sein, den wir noch nicht berücksichtigt haben, auch dafür, warum sich Frauen bestimmte Berufe nicht vorstellen können.

Was wird nach dem Mathe-Studium aus den Frauen?
Was wir beobachten, ist ein totaler Einbruch nach der Promotion. Wir schaffen es nicht, Frauen in der Wissenschaft zu halten. Es wäre gut, hier zum Beispiel mehr Juniorprofessuren zu haben.

Was machen diese Frauen, wenn Sie nicht in der Wissenschaft bleiben?
Ich weiß es konkret nicht. Aber ich lese viel darüber und vielleicht sind Frauen an bestimmten Stellen doch anders als Männer, die häufiger den Wettbewerb suchen. Die sagen dann: Das ist es mir nicht wert, da ist mir Lebensqualität wichtiger, meine Zeit mit meinen Freunden, mit meiner Familie. Ich würde das gern genauer verstehen, denn es gehen hier viele talentierte junge Frauen verloren. Und das ist ja nicht nur in der Wissenschaft so. Wir reden hier nicht von Fähigkeiten, sondern darüber, dass Frauen es nicht wollen, obwohl sie es können. Da müssen vielleicht Strukturen geändert werden.

Das Leitbild Gleichstellung

Die Titelseite des Leitbildes
Die Titelseite des Leitbildes
(Foto: Screenshot)

Das Leitbild Gleichstellung der Universität ist zu finden unter dieser Adresse. Es definiert acht Handlungsfelder: Studium und Lehre; Forschung; Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses; Personalgewinnung und Personalentwicklung; Vereinbarkeit von Familie, Studium und Beruf; Beteiligung und Interessenvertretung; Information, Kommunikation und Vernetzung; Organisationsentwicklung, Qualitätsmanagement und Nachhaltigkeit.

Apropos, der Senat der Universität hat im April das Leitbild Gleichstellung verabschiedet. Warum braucht die Uni das?
Weil sie noch nicht so weit ist, wie sie sein könnte und meiner Ansicht nach sein sollte. Und auch, weil der Prozess der Diskussion eines Leitbildes dazu führt, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt. Dass dann manche Formulierungen darin am Ende weicher geraten sind, liegt in der Natur des Kompromisses. Gleichstellung ist nichts, was man regelt und verordnet, Gleichstellung muss mitgedacht und von allen gemeinsam umgesetzt werden. Ein Leitbild ist ein erster Schritt, geplant ist ja, dass noch Maßnahmen besprochen und veröffentlicht werden. Dann geht die Diskussion weiter.

Was verstehen wir eigentlich unter Gleichstellung? Wir schauen ja jetzt beide aus der Perspektive von Frauen. Es bedeutet ja nicht die Benachteiligung von Männern.
Nein, überhaupt nicht. Aber was es meiner Meinung nach schon heißen kann, ist, dass Frauen manchmal Vorteile bekommen sollen, die Männer nicht haben. Darüber haben wir auch im Gleichstellungsbeirat diskutiert, ob das noch zeitgemäß ist, aber ja, es ist okay – für eine gewisse Zeit, so lange immer noch ein Ungleichgewicht besteht.

Waren Sie eigentlich an der Erarbeitung des Leitbildes beteiligt?  
Nein, ich war nicht in der Arbeitsgruppe, aber ich habe natürlich als Mitglied des Gleichstellungsbeirats mitdiskutiert. Ich habe häufig dafür plädiert, mutiger zu sein, mutiger zu formulieren.

Was gefällt Ihnen denn an diesem Leitbild?
Der Aufbau, dass acht Handlungsfelder differenziert betrachtet werden, das gefällt mir. Denn es betrifft ja auch unterschiedliche Bereiche und damit wird vor allem klar: Das Thema betrifft die gesamte Universität und damit ganz viele Menschen. Die Gefahr besteht ja immer darin, dass man glaubt, dass es da eine Person gibt, die für Gleichstellung zuständig ist, und dass die die Dinge für alle erledigt.

Wie sollte es jetzt weitergehen?
Ich möchte weiter darüber sprechen, was das für die einzelnen Fächer bedeutet und über das, was an der Uni täglich passiert. Ganz banales Beispiel: An dieser Universität gibt es Formulare für alles Mögliche. Die Geschlechterperspektive hier mitzudenken, bedeutet für mich, dass alle diese Formulare geschlechtsneutral formuliert sind. Wenn man anfängt darüber zu sprechen, stößt man aber sofort auf Widerstände, nicht nur bei Männern, auch bei Frauen. Manche Frauen sagen:  Das ist mir egal, ob da „Professoren“ steht, ich fühle mich mitgemeint. Das heißt, wir müssen am Thema dranbleiben, in der Lehre, in der Verwaltung, in der Forschung. Ich möchte, dass dieses Leitbild die Grundlage für weiteres Nachdenken ist. Und ich hoffe, dass wir eine Art und Weise finden über dieses Thema zu reden, die den Leuten nicht auf die Nerven geht.

Vita

Rebecca Waldecker, Jahrgang 1979, wurde in Aachen geboren und wuchs in der Nähe von Kiel auf. Sie studierte an der Christian-Albrechts-Universität Kiel und wurde dort 2007 auch promoviert. Ihre Post-Doc-Zeit verbrachte sie an der University of Birmingham. Von 2009 bis 2015 war sie Juniorprofessorin für Gruppen und Geometrien an der Universität Halle. In dieser Zeit habilitierte sie sich auch. Seit 2015 ist sie Professorin für Algebra in Halle und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Mathematik. Waldecker engagiert sich außerdem im Gleichstellungsbeirat der Universität, ist Präsidiumsmitglied des Deutschen Hochschulverbands und  Vertrauensdozentin der Studienstiftung des deutschen Volkes.

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