Energiewende: „Positive Emotionen sind ein Erfolgsfaktor“

Die Energiewende gilt im Großen und Ganzen als technisch machbar, stockt aber oft in der Umsetzung vor Ort. Wie kann sozialwissenschaftliche Forschung hier helfen?
Gundula Hübner: Die Energiewende umfasst sehr unterschiedliche Bereiche, die vor Ort auch sehr erfolgreich sein können. Dazu gehört zum Beispiel die Solarenergienutzung. Sozialwissenschaftliche Forschung kann fördernde und hemmende Faktoren analysieren, die in praktische Empfehlungen münden können. Die Komplexität erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen sowohl innerhalb der Sozialwissenschaften, aber auch mit Ingenieurswissenschaften. Etwa wenn es darum geht zu verstehen, welche Geräusch-Immissionen von technischen Anlagen warum und als wie störend erlebt werden. Umweltpsychologische Analysen haben so bereits zum Beispiel zur Entwicklung technischer Innovationen geführt, um störende Immissionen zu mindern.
Sie arbeiten selbst seit vielen Jahren zu diesen Themen, vor allem zur Akzeptanz von Windkraftanlagen. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden für den Erfolg von Energieprojekten?
Erfolg oder Misserfolg sind nie monokausal. Diese Frage erfordert also eigentlich eine komplexe Antwort. Auf regionaler Ebene scheinen aber besonders zwei Themenkomplexe relevant: Je gerechter und sinnvoller Projekte wahrgenommen werden, desto eher werden sie akzeptiert. Positive Emotionen sind hier ein Erfolgsfaktor. Wie Gerechtigkeit und Sinnhaftigkeit gewährleistet sein können, wirft wiederum viele Fragen auf. Ein wesentlicher Faktor ist vor Ort der Planungsprozess: Wie wird von wem was kommuniziert? Werden die Menschen vor Ort als Expertinnen und Experten für ihre Heimat konkret in die Planungen einbezogen? Profitieren die Menschen vor Ort nicht nur finanziell, sondern auch sozial von den Projekten? Sind die Angaben zu finanziellen Beteiligungen und deren Höhe vertraglich gesichert?
Wichtig ist auch, ob und wie die Transformation von allen Bundesländern getragen wird. Zusammen mit Landschaftsplanerinnen von der TU München und Ethnologinnen unserer MLU haben wir dazu ganz aktuell gearbeitet: mit Bürgerinnen und Bürgern, Planungsverbänden und Energieagenturen in fünf Regionen in Sachsen und Baden-Württemberg. Die Ergebnisse überraschen und zeigen, wie sehr die Akzeptanz von Veränderungen unterschätzt werden kann.
Was sind denn die Ergebnisse?
In vielen Regionen überwiegt grundsätzlich die Zustimmung zu Energieprojekten. Besonders großes Potenzial gibt es, wenn man bereits in der Regionalplanung gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern regionale Besonderheiten und Erwartungen in die Planungen einbeziehen kann. Wichtig ist dabei, dass die Maßnahmen zum Selbstverständnis der Region passen. So lassen sich teilweise Lösungen finden, die sogar über die Ziele im Regionalplan hinausgehen.
Zum Symposium „Social Science in the Energy System Transformation“ kommen Forschende und Praktikerinnen und Praktiker aus elf Ländern auf den Steintor-Campus. Was erhoffen Sie sich von dem Austausch für die Forschung an der MLU?
Wir leisten einen Beitrag zu den Profillinien Transformation und Nachhaltigkeit der Universität und unterstützen damit die interdisziplinäre Vernetzung. Gleichzeitig geht es um den Praxistransfer, wir erhoffen uns Anregungen aus der Praxis, neue Impulse für die Vernetzung von Forschungsprojekten sowie für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Und ich freue mich besonders, internationalen Kolleginnen und Kollegen positive, weltoffene Eindrücke von unserer Universität und der Stadt Halle vermitteln zu können. Positive Emotionen sind ein Erfolgsfaktor, nicht nur für Energieprojekte.
Zur Person
Prof. Dr. Gundula Hübner forscht und lehrt seit 2004 am Institut für Psychologie der MLU und ist zudem Professorin für Sozialpsychologie an der MSH Medical School Hamburg. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind nachhaltiges Verhalten und die Akzeptanz von Erneuerbaren Energien sowie deren Auswirkungen auf Anwohnerinnen und Anwohner, zum Beispiel von Windenergieanlagen. Anfang 2026 ist Hübner zum Mitglied der Akademieninitiative „Energiesysteme der Zukunft“ (EYSY) ernannt worden. Das Projekt ist eine gemeinsame Initiative der deutschen Wissenschaftsakademien, die darauf abzielt, die Energiewende durch wissenschaftliche Analysen und Stellungnahmen zu begleiten.
