Eine gute Adresse: Wo Generationen von Chemikern ausgebildet wurden

24.07.2018 von Ines Godazgar in Wissenschaft, Varia
Mühlpforte Nr. 1: Die Adresse war lange ein fester Begriff im Sprachgebrauch der Uni. Er stand für ein idyllisch, aber zentral gelegenes Gebäude, in dem Generationen hallescher Chemiker ausgebildet wurden. Hier forschten einst Jacob Volhard, der spätere Nobelpreisträger Karl Ziegler. Auch Prof. Dr. Frank Kuschel verbrachte einen Großteil seines akademischen Lebens in dem Haus. Über seine Zeit und dessen Geschichte hat er ein Buch verfasst. Ein Vor-Ort-Termin mit dem 80-Jährigen.
Frank Kuschel an seiner alten Wirkungsstätte, der Mühlpforte 1. Über Generationen wurden hier hallesche Chemiker ausgebildet.
Frank Kuschel an seiner alten Wirkungsstätte, der Mühlpforte 1. Über Generationen wurden hier hallesche Chemiker ausgebildet. (Foto: Markus Scholz)

Ein Schild am Eingang weist noch den Weg zu Praktikumssälen, Bibliothek und Institutsleitung. Es lehnt an einem schmucklosen Heizkörper aus DDR-Zeiten. Die robusten Steinfliesen auf dem Fußboden, deren einstige Pracht man noch erahnt, sind indes wesentlich älter. Sie stammen vermutlich aus der Gründungszeit des Gebäudes, das in den Jahren 1862/63 unterhalb des Domplatzes erbaut wurde.

Zu jener Zeit war der Forschungsneubau ein enormer Fortschritt. „Schließlich musste der damalige Lehrstuhlinhaber seine Vorlesungen aufgrund fehlender Räume noch in seiner Privatwohnung abhalten“, erzählt Frank Kuschel. Der ehemalige Professor für Physikalische Chemie muss es wissen, hat er sich doch in den vergangenen Monaten und Jahren intensiv mit der Historie des Hauses befasst. Herausgekommen ist ein Buch, das Kuschel inzwischen vorgelegt hat: „Mühlpforte Nr.1 und die Physikalische Chemie an der Universität Halle. Die Geschichte eines universitären Refugiums“, so lautet der Titel.

Jedoch: Das klassizistische Gebäude hatte es dem Wissenschaftler schon immer angetan. Bereits in den 1970er Jahren hatte er seinen Vater Walther Kuschel, einen Grafiker, gebeten, es für die Nachwelt festzuhalten. Die so entstandenen Linolschnitte hängen noch heute in Kuschels Haus. Und sie zieren nun auch das Cover besagten Buches.

In dem Gebäude forschten Jacob Volhard und der spätere Nobelpreisträger Karl Ziegler.
In dem Gebäude forschten Jacob Volhard und der spätere Nobelpreisträger Karl Ziegler.
(Foto: Markus Scholz)

Einen großen Teil seines wissenschaftlichen Lebens hat der heute 80-Jährige in der Mühlpforte verbracht. Genauer: Von 1961 bis 1992 im damaligen Institut für Physikalische Chemie, das aufgrund seiner wissenschaftlichen Ausrichtung zu den Prestigeobjekten der halleschen Universität zählte. „Natürlich spüre ich eine gewisse Wehmut, wenn ich hierhin zurückkehre“, sagt Kuschel, während er im Erdgeschoss gedankenverloren den großen Praktikumssaal durchschreitet. Hier war er einst als Student unterwegs, hier hat er später promoviert, habilitiert und dann selbst gelehrt und geforscht.

Sein Fachgebiet war die Flüssigkristallforschung. Ein Gebiet, das zu DDR-Zeiten auch für die Staatsmacht von allerhöchstem Interesse war. Zumindest für Teile dieser Forschung gab es übergeordnete Interessen. So arbeitete man an schnellschaltenden elektrooptischen Bauelementen, die potenziell auch für militärische Zwecke nutzbar waren. Außerdem regelte ein bilateraler Vertrag zwischen der DDR und der Sowjetunion, dass ostdeutsche Wissenschaftler ein Display für Armbanduhren entwickeln sollten. „Die halleschen Physiko-Chemiker arbeiteten zu jener Zeit nah an der Weltspitze“, sagt Kuschel. Das belegen zahlreiche Patente, die aus der Zeit stammen.

Diese Exzellenz ist umso erstaunlicher, weil die Forscher mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen hatten. „Wir mussten viel improvisieren, sonst wäre hier alles zusammengebrochen.“ Dringend benötigte Geräte für die teure Forschung kamen zumeist aus dem westlichen Ausland. „Gab es endlich genügend harte Währung für eine Neuanschaffung, musste man auch einen Weg finden, die Wartung solcher Geräte zu organisieren. Das war schwierig, denn der dafür erforderliche Servicetechniker saß in der Regel im westlichen Ausland, wohin nur ein stark überwachter und eingeschränkter Kontakt möglich war.“

Das alte Schild weist noch den Weg zu Sälen, Bibliothek oder Verwaltung.
Das alte Schild weist noch den Weg zu Sälen, Bibliothek oder Verwaltung.
(Foto: Markus Scholz)

Ähnlich schwierig war die räumliche Situation in der Mühlpforte. Schließlich war das Haus schon längst in die Jahre gekommen, als Kuschel dort als junger Mann seine Karriere begann. Ein Zustand, der sich mit der Zeit verstärkte. Irgendwann war das Dach genauso undicht wie die alten Holzfenster, die zum Teil noch heute im Gebäude zu finden sind. „Um unsere teuren Geräte zu schützen, haben wir sie mit Folien abgedeckt, wenn es stark regnete. Dann sammelte sich das Wasser in Mulden, die wir in Gefäße ableiten konnten“, schildert Kuschel eines der vielen Provisorien, mit denen die Wissenschaftler klarkommen mussten.

Um ein Zeichen zu setzen, packten sie 1985 schließlich selbst mit an. An den Wochenenden tauschten die Instituts-Professoren ihren Laborkittel gegen Arbeitshosen, reparierten notdürftig die schlimmsten Dachschäden und kratzten gemeinsam mit dem akademischen Mittelbau sowie Handwerkern die Farbe von den morschen Fensterrahmen und strichen sie neu an. Ein Akt der bewussten Provokation sei das gewesen, mit dem man Bauverwaltung und Universitätsleitung beschämen wollte. Ein Vorgehen, das schließlich von Erfolg gekrönt war, denn ein Jahr später leitete die Uni zumindest einige Sanierungsarbeiten ein.

Bei aller Baufälligkeit besitzt das Gebäude auch heute noch enormen Charme, nicht zuletzt wegen der vielen Details im Interieur. Das ist auch ein Grund für die Leidenschaft, mit der Frank Kuschel über das Haus und seine einstigen Nutzer spricht. Nahezu vollständig erhalten sind die historischen Regale und die Metall-Wendeltreppe in der früheren Instituts-Bibliothek. „Die Bibliothekarin, die hier saß, war eine alte, alleinstehende Dame, die aus der Bukowina stammte und deren Gunst man sich mühsam erwerben musste“, erinnert sich Kuschel.

 

Der kleine Hörsaal beherbergt die ursprüngliche Bestuhlung.
Der kleine Hörsaal beherbergt die ursprüngliche Bestuhlung.
(Foto: Markus Scholz)

Auch der kleine Hörsaal im zweiten Stock ist ein Kleinod geblieben. Noch heute beherbergt er die ursprüngliche hölzerne Bestuhlung, in die zur besseren Belüftung der Sitzfläche sogar kleine Muster eingearbeitet waren. Gefertigt wurden diese formschönen Klappbänke einst in der 1887 gegründeten Stuhl-Fabrik „W. Peschlow“, die im Berliner Stadtteil Kreuzberg residierte.

Weniger schmuckvoll ist inzwischen der Jacob-Volhard-Hörsaal anzusehen, der einen Teil des in den 1890er Jahren entstandenen Erweiterungsbaus ausfüllt. Noch heute hängt in ihm eine etwas veraltete Karte mit dem Periodensystem der Elemente von der Decke. Der hohe Raum mit den großen Fenstern wurde zu DDR-Zeiten einer halbherzigen Sanierung unterzogen. Im Ergebnis bekam er neue Lampen, die ohne Rücksicht auf Ästhetik in die historischen Kassettendecken eingelassen wurden, sowie neue Bänke, die in ihrer Schönheit nicht an besagte Originale im kleinen Hörsaal heranreichten.

Trotz allem war der Volhard-Hörsaal früher so etwas wie das Herzstück des Gebäudes. In seiner Studentenzeit nahm Frank Kuschel dort regelmäßig an Kolloquien teil. Die seien immer ein Höhepunkt im akademischen Leben gewesen. „In der ersten Reihe saßen die Herren Professoren und rauchten gern auch mal eine Zigarre, während sie den Vorträgen lauschten. Ich durfte manchmal die Diapositive in den Projektor schieben. Das war fast wie ein Ritterschlag“, so Kuschel.

Ein echter Hingucker ist das frühere Direktorenzimmer mit seinen hohen Decken geblieben, in dem auch der spätere Nobelpreisträger Karl Ziegler residierte, der hier von 1936 bis 1943 tätig war. „Übrigens, im ebenfalls sehr großzügig gehaltenen Vorzimmer zahlte die Chefsekretärin über ein Fenster früher die Löhne für die Mitarbeiter aus“, erinnert sich Frank Kuschel. Allerdings kennt er diese Zeit nur noch aus früheren Erzählungen älterer Kollegen.

Frank Kuschel neigt nicht zur Larmoyanz. Er weiß, dass die Tage der Chemie in der Mühlpforte unwiederbringlich vorbei sind. „Es war eine andere Zeit“, meint er. Aber es schmerzt ihn, dass die Mühlpforte inzwischen seit vielen Jahren leer steht. Deshalb hat er sich auch darüber gefreut, als 2017 erstmals nach der Schließung des Gebäudes im Jahr 2009 wieder Leben in die verwaisten Flure einzog. Der Grund: Für zwei Monate wurden dort die Wettbewerbsbeiträge für den internationalen Designpreis Halle ausgestellt.

Inzwischen keimt sogar Hoffnung auf mehr. Denn die Universität erwägt, hier einen Teil ihrer Sammlungen unterzubringen. Frank Kuschel muss nicht lange überlegen, wie er diese Pläne findet: „Ich würde mich freuen, wenn in die Mühlpforte wieder dauerhaft Leben einziehen könnte.“

Schlagwörter

ChemieMühlpforte

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