Die Genderfrage in der Bibel

02.10.2020 von Matthias Münch in Wissenschaft, Kontext
Wenn es um Sexualität und die Rollen der Geschlechter geht, berufen sich nicht wenige auf die Heilige Schrift. Der Bibelwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Schorch aber sagt, dass weder das Alte noch das Neue Testament klare Antworten geben – und erklärt, warum die auch nicht zu erwarten sind.
Waren Adam und Eva – hier dargestellt auf einer romanischen Wandmalerei – Mann und Frau? In hebräischen und aramäischen Schriften sind kulturelle Modelle von Geschlechterrollen und Sexualität um einiges vielschichtiger als angenommen.
Waren Adam und Eva – hier dargestellt auf einer romanischen Wandmalerei – Mann und Frau? In hebräischen und aramäischen Schriften sind kulturelle Modelle von Geschlechterrollen und Sexualität um einiges vielschichtiger als angenommen. (Foto: Stig Alenas/stock.adobe.com)

Die Welt wird bunter. Jahrhundertealte Schranken werden durchlässig, etwa wenn es um Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung geht: Die Queer-Bewegung streitet für die gesellschaftliche Akzeptanz derer, die sich außerhalb der binären Geschlechterrollen bewegen. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften werden selbstverständlicher Teil offener Gesellschaften und sind in einigen Staaten wie Deutschland inzwischen auch gesetzlich legitimiert.

Die zunehmende Fluidisierung geschlechtlicher Identität wird kontrovers diskutiert und findet nicht nur Beifall. Um die klassische Rolle von Mann und Frau – und ihre institutionalisierte Beziehung zueinander in der Ehe – als Fundament der gesellschaftlichen Ordnung zu begründen, wird nicht selten eine höhere Instanz bemüht: die Bibel. Schließlich steht im Ersten Buch Mose, der Genesis, folgender Satz: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“

Das Problem solcher vermeintlichen Autoritätsbeweise sowohl in kirchlichen als auch allgemein gesellschaftlichen Diskussionen: Biblische Zitate werden häufig aus ihren Kontexten gelöst, um normative Positionen zu rechtfertigen. Wenn wir uns aber die hebräischen und aramäischen Schriften anschauen – jene Bibliothek, die wir heute als Altes Testament kennen –, dann stellen wir fest, dass die kulturellen Modelle von Geschlechterrollen, von Sexualität und auch von Partnerschaft in der Bibel um einiges vielschichtiger sind, als gemeinhin angenommen wird.

Schon mit dem zitierten Satz aus der Genesis ist das so eine Sache, weil er keine Geschlechterrollen begründet: Im hebräischen Original ist nämlich nicht von Mann und Frau die Rede, sondern von zwei Menschen mit unterschiedlichen primären Geschlechtsmerkmalen. Außerdem schuf Gott der Überlieferung nach die Menschen als Mann und Frau, nicht explizit als Mann oder Frau – was die Interpretation nahelegt, dass der erste von Gott erschaffene Mensch männliche und weibliche Anlagen in einer Person vereinte, also ein androgynes Wesen war.

Diese Auslegungsfragen mögen für manche Randnotizen sein – vor 2.000 Jahren waren sie das aber beileibe nicht. Im theologischen Diskurs des rabbinischen Judentums, etwa ab 100 n. Chr., spielte die klare Bestimmung des Geschlechts eine wesentlich größere Rolle als heute: Die religionsgesetzlichen Regeln, etwa in Bezug auf Inhalt und Form des Gebets oder aber hinsichtlich der Reinheitsquarantäne, unterschieden sich zwischen Frauen und Männern erheblich. Dass die Verhandlung des Problems uneindeutiger Geschlechtsmerkmale bei der Geburt einen solch hohen Stellenwert besaß, legt auch nahe, dass solche Fälle gar nicht so selten waren, wie wir gemeinhin annehmen. Im alten Israel gab es sogar einen eigenen Terminus für Menschen, deren Geschlecht nicht eindeutig zuzuordnen war: der dem Griechischen entlehnte Begriff „Androgynos“.

Für die Bibelwissenschaft ist es elementar, die originalen Quellen zu studieren und Passagen in den jeweiligen historischen Kontext zu setzen. Schon die oft selbstverständliche Annahme, Gott sei männlichen Geschlechts – nicht selten Autoritätsbeweis für maskuline Dominanz – ist religionsgeschichtlich nicht haltbar, denn theologische Metaphern und Artefakte im israelischen Altertum sprechen eine andere Sprache: Hier ist von der säugenden Mutter die Rede, und es gibt zahlreiche Darstellungen weiblicher Gottesfiguren.

Auch anscheinend eindeutige Begriffe, Funktionen und Rollen können nicht einfach in die heutige Zeit übertragen werden: In den hebräischen Bibeltexten wird eine „Ehefrau“ nicht etwa als gleichberechtigte Partnerin des Ehemannes verstanden, sondern als sein Eigentum – schließlich musste er Geld dafür bezahlen, dass er ihrer Familie eine wertvolle Arbeitskraft genommen hat. Die Fruchtbarkeit der Frau besaß einen hohen Stellenwert, die Vermehrungsrolle aber wurde dem Mann zugeschrieben. Denn nach damaligem Verständnis war das Kind allein in der Samenzelle angelegt – der Mutterleib war lediglich die Behausung für den heranwachsenden Embryo. Deshalb war Leihmutterschaft im alten Israel keine Seltenheit. Wer sich auf die Bibel beruft, um Ehe zu definieren, der hat mit Sicherheit nicht dieses Frauenbild im Blick.

Das trifft im Übrigen keineswegs nur auf die alten hebräischen Schriften zu. Paulus, dessen Briefe ein wichtiger Teil des Neuen Testaments sind, verurteilt Homosexualität, hält aber auch nicht viel von heterosexuellen Beziehungen: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren“, schreibt er im ersten Brief an die Korinther. Und weiter: „Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine.“ So wird das Bild der Ehe hier eher als frauen- und sexualfeindliche Zweckgemeinschaft denn als liebevolle und partnerschaftliche Beziehung gezeichnet.

Dabei gibt es in den biblischen Schriften durchaus Texte, in denen Liebe und Lust eine große Rolle spielen. Das bekannteste Beispiel dafür ist zweifellos das Hohelied, eine Art Drama mit zum Teil hocherotischen Inhalten. Hier geht es um explizite Liebeslyrik, um höchste Formen sexuellen Begehrens – auch aus der Perspektive der Frau. Die jüdischen Gelehrten des Altertums haben intensiv gestritten, ob solche Passagen überhaupt als heilig bezeichnet werden können. Am Ende bedienten sie sich eines interpretatorischen Kunstgriffs: Das Hohelied sei allegorisch zu lesen – nicht als Erotik zwischen Mann und Frau, sondern als Liebe Gottes zum Volke Israels.

Solche Beispiele der Rekontextualisierung und Widersprüchlichkeit gibt es viele. Deshalb ist es auch nicht möglich, von der Bibel universale Antworten zu Liebe, Sexualität und Partnerschaft zu erwarten. Wenn wir die alten Texte so nüchtern und in den Zusammenhängen lesen, in denen sie geschrieben sind, dann finden wir keine klare Verurteilung von Homosexualität oder Wollust, keine starren Geschlechtsidentitäten und auch keine eindeutigen Rollenzuweisungen an Männer und Frauen. Aus theologischer Sicht stellt all dies die Bibel nicht infrage, sondern schafft vielmehr ein Bewusstsein für ihre Vielfalt und Bedeutungstiefe.

 

Der Text stammt aus der Print-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "scientia halensis" und steht in der Rubrik „Kontext“. Darin setzen sich Wissenschaftler der Martin- Luther-Universität mit einem aktuellen Thema aus ihrem Fach auseinander, erklären die Hintergründe und ordnen es in einen größeren Zusammenhang ein.

Stefan Schorch
Stefan Schorch (Foto: Markus Scholz)

Prof. Dr. Stefan Schorch ist seit dem Wintersemester 2008/2009 Professor für Bibelwissenschaften an der Theologischen Fakultät der MLU. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören zum Beispiel die alttestamentliche Textforschung und die alttestamentliche und jüdische Literatur der hellenistischen und römischen Zeit. Zudem leitet er die Arbeitsstelle Samaritanerforschung.

Kontakt:
Prof. Dr. Stefan Schorch
Institut für Bibelwissenschaften
Tel. +49 345 55-23014
Mail: stefan.schorch@theologie.uni-halle.de

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ReligionTheologie

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