Phänomen Zimmerpflanzen: Die grünen „Adoptivkinder“

Frau Holm, wie kommt man als Literaturwissenschaftlerin dazu, zu Zimmerpflanzen zu forschen?
Christiane Holm: Wie Menschen wohnen, wird ja nicht nur in Bildern gezeigt, sondern auch erzählt – zum Beispiel in literarischen Texten. Ich selbst habe außerdem einen erweiterten Literaturbegriff und untersuche auch Gebrauchstexte. Da bin ich um 1800, der Kernzeit meiner Forschung, permanent auf Pflanzen gestoßen – ganz konkret in Ratgebern zur „Stubengärtnerei“. Man wusste damals noch nicht viel darüber, wie sich Pflanzen in Innenräumen verhalten. Wie heute die „Plantfluencer“ auf Social Media brauchte man den Austausch, was unter welchen Bedingungen wie funktioniert. Oft wurden dabei auch Geschichten erzählt.
Ab wann waren Zimmerpflanzen verbreitet?
Im höfischen Bereich gab es im 17. Jahrhundert schon die großen Orangerien. Aber erst um 1800 herum haben Pflanzen im größeren Stil Einzug in Wohnräume gehalten und diese verändert. So entstand etwa der Glasanbau des Wintergartens. Die Zimmerpflanzen wurden damals als Mitbewohner behandelt, in manchen der Ratgebertexte ist sogar die Rede vom „Adoptivkind“. Das kam ja nicht aus dem heimischen Garten, sondern war Orten mit mediterranem oder tropischem Klima „entrissen“ worden – so wurde es wirklich beschrieben. Also war man nun für dieses Lebewesen verantwortlich. Das war eine ganz intime Atmosphäre zwischen Menschen und Pflanzen. Wir reden eben nicht über heutige hartgesottene Baumarktpflanzen, die auch überleben, wenn man mal vergisst, sie zu gießen.
Was hat zu dem Phänomen beigetragen?
Veränderungen in der Heiztechnik, größere Fenster, die mehr Licht in die Wohnungen ließen. Und natürlich der Kolonialismus, der überhaupt erst einen Zimmerpflanzenmarkt in Europa hervorgebracht hat. Da gab es richtige Raubzüge, die dazu geführt haben, dass Arten kurz vor dem Aussterben standen. Mit dem Handel ging ja auch ein Riesen-Verschleiß einher. Die Orchidee war zum Beispiel eine Modepflanze, man sprach vom „Orchidelirium“. Zwar wurden spezielle Transportkisten gebaut, trotzdem ist ein Großteil der Orchideen auf dem Weg nach Europa eingegangen.

Im Fokus der Tagung standen Weimarer Beispiele. Zu den großen Pflanzenliebhabern dieser Zeit gehörte auch Goethe.
Ja, er war botanisch sehr interessiert und hat genau verfolgt, welche Pflanzen neu entdeckt wurden. Goethe hat Fachliteratur gelesen und viel Zeit im botanischen Garten der Universität Jena verbracht, für den er die Oberaufsicht hatte. Über Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach kam er selbst auch direkt an Pflanzen, die erst einmal als Luxusobjekte kursierten. Und er hat in Gärten und auf der heimischen Fensterbank experimentiert. Zum Beispiel hat er untersucht, unter welchen Bedingungen das Brutblatt klarkommt und wie man es am besten vermehrt. Die Ableger hat er dann per Post verschickt, unter anderem an Marianne von Willemer, mit der er die Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“ geschrieben hat.
In dem Buch blicken Sie auf die Zeit um 1800, aber auch um 1900 – warum sind beide Phasen interessant?
Das hängt mit dem Ort unserer Tagung zusammen und den für das klassische und moderne Weimar maßgeblichen Jahrhundertwenden. Das Phänomen Zimmerpflanze begann um 1800 und explodierte im Verlauf des langen 19. Jahrhunderts regelrecht. Manche Wohnungen waren komplett überfüllt. Gegen Ende des Jahrhunderts kam auch eine politische Ebene hinzu, als die nicht-europäischen Zimmerpflanzen durch eine nationale Formsprache ersetzt werden sollten. So wurden neue Möbelformen oder Tapetenmuster aus heimischen Pflanzen, der sogenannten „Volksflora“, abgeleitet. Auch in der Ära von Henry van de Velde und der Bauhaus-Zeit hieß es: Raus damit, der Raum muss klar konturiert und lichtdurchflutet sein, da haben Pflanzen nichts zu suchen. Wenn man richtig hinschaut, sieht man aber, dass sogar das Bauhaus seine eigene Topfpflanze hatte: den Kaktus. Im Prinzip hatten sich also nur die Leitpflanzen verändert. Es waren nicht mehr Oleander, Myrte, Grünlilie oder Brutblatt wie noch bei Goethe, sondern Sukkulenten.
Wann ist das wieder umgeschwenkt?
Genau genommen sind die Pflanzen ja immer geblieben. Karikaturen aus der Zeit zeigen uns, dass zwar schicke Bauhaus-Villen mit riesigen Fenstern gebaut wurden, aber die Menschen, die darin wohnten, gesagt haben: Super Glasfenster, die stelle ich voll mit biedermeierlichen Topfpflanzen!
Im Buch findet sich thematisch ein breites Spektrum von den Wintergärten im Weimarer Residenzschloss über Goethes Zimmerpflanzen bis hin zur Bedeutung von Pflanzen in Kunst und Bildung. Was ist noch besonders an der Publikation?
Es gibt den Wechsel zwischen langen bebilderten Aufsätzen, die ein Thema historisch und interdisziplinär umreißen, und kleineren Essays zu konkreten Fallbeispielen, zu denen man großformatige Bildtafeln ausklappen kann. Wir sind natürlich nicht die ersten, die sich mit Zimmerpflanzen befasst haben. Meist hat man bisher aber auf das überbordende Grün des mittleren 19. Jahrhunderts geschaut. Unser Zugang war ein anderer.
Und wie geht es weiter? Gibt es offene Fragen?
Natürlich kann man noch viel mehr forschen – vor allem zur Vorgeschichte, bei der man immer noch Überraschungen erlebt. Eines unserer Ergebnisse war zum Beispiel, dass schon um 1750 bewegliche Möbel für Zimmerpflanzen, der „Jardin portatif“, oder in Russland ab 1780 weiträumige Wintergärten entstanden sind. Das hatte man bisher ins 19. Jahrhundert datiert. Überhaupt ist das Verhältnis von Menschen zu Pflanzen ja nicht nur historisch interessant, sondern auch gesellschaftlich, wirtschaftlich und ökologisch relevant. Gerade angesichts der heutigen Tendenz, dass Städte weiter versiegelt werden und in den Wohnräumen die „Urban Jungles“ mit fair gehandelten Pflanzen gedeihen, lässt sich das Phänomen nicht mehr außerhalb der akuten Klimafrage debattieren.
Zur Person
Dr. Christiane Holm ist seit 2012 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut der MLU. Sie hat Germanistik, Kunstgeschichte und Kunstpädagogik in Gießen studiert und wurde dort 2003 mit der Arbeit „Die Arbeit am Mythos von Amor und Psyche zwischen Text, Bild und Alltagskultur von 1765 bis 1840“ promoviert. Vor ihrer Tätigkeit am Germanistischen Institut war sie in am Gießener Sonderforschungsbereich „Erinnerungskulturen“, am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) an der MLU sowie in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt über Goethes Wohnhaus an der Klassik Stiftung Weimar tätig. Holm kuratiert regelmäßig kunst-, literatur- und kulturhistorischer Ausstellungen in verschiedenen Museen.
Zum Buch
Stefanie Freyer, Christiane Holm, Julia Schmidt-Funke: Grüner Wohnen. Pflanzenkulturen um 1800 und um 1900. Göttingen 2026, 341 Seiten, 58 Euro, ISBN: 978-3-8353-5790-7, online Open Access:https://www.wallstein-open-library.de/9783835357907-gruener-wohnen.html
