Ziele, Fokus, Sicherheit: Impulse für die Lehre von morgen

Zum Auftakt begrüßte Rektorin Prof. Dr. Claudia Becker die Teilnehmenden. Sie hob hervor, dass die Zahl der Beteiligten kontinuierlich wachse – ein Zeichen für die zunehmende Bedeutung der Lehre. Der Tag der Lehre biete Raum für Austausch, neue Impulse und die Diskussion. Der Prorektor für Studium und Lehre Prof. Dr. Pablo Pirnay-Dummer knüpfte daran an. Er verwies zudem auf neue Funktionen von MLU-KI, die pünktlich zum Tag der Lehre freigeschaltet wurden. Die MLU-KI bietet allen Universitätsangehörigen die Möglichkeit, datenschutzkonform mit einer generativen KI zu chatten und sich bei der Arbeit unterstützen zu lassen. Außerdem dankte er seinem Team für die Organisation des umfangreichen Programms am Tag der Lehre.
Von Freiheit und Verantwortung

Die Keynote hielt Prof. Dr. Ulrich Bartosch. Der Politikwissenschaftler und Pädagoge ist Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz für Lehre, Studium und Lehrkräftebildung. Bartosch richtete den Blick auf den Kern „hochschulischer Bildung“ und spannte den Bogen zwischen akademischer Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Hochschulbildung sei eine besondere Form der Bildung, die sich durch die spezifische Bearbeitung der Vermittlung von Zweckfreiheit und Zweckbildung auszeichne. Das bedeute vom ersten Tag an, Studierende zu befähigen, an der Generierung von Wissen mitzuwirken, wissenschaftliche Gegenstände zu erschließen und deren Gültigkeit und Reichweite kritisch zu reflektieren. Diese drei Elemente – Mitwirkung an Wissensproduktion, methodisches Arbeiten und kritische Reflexion – bilden für ihn den zentralen Dreiklang. Hochschulen seien Orte, an denen Lehrende und Studierende als Teil einer wissenschaftlichen Gemeinschaft zusammenarbeiten. In dieser „Scientific Community“ müsse man sich gegenseitig anerkennen und befördern.
Darüber hinaus hob Bartosch die besondere Rolle akademischer Kompetenzen hervor. Diese befähigen dazu, mit Unsicherheit umzugehen, komplexe Probleme zu analysieren und in neuen, oft unvorhersehbaren Situationen handlungsfähig zu bleiben. Ein zentraler Teil der Keynote widmete sich der Freiheit von Forschung und Lehre. Unsere Vorstellung von Wissenschaft, so Bartosch, sei an den Rahmen der freiheitlichen Grundordnung gebunden. Hochschulen seien daher auf eine Welt angewiesen, die der Wissenschaft die Freiheit zur Wirkung gewähre. Hochschulen selbst stünden in der Verantwortung, sich für diese Freiheit einzusetzen.
Workshops mit vielen Perspektiven
Über den gesamten Nachmittag hinweg griffen die Teilnehmenden in unterschiedlichen Sessions zentrale Fragen der Lehre auf – von Lernstrategien über Prüfungsformate bis hin zu Internationalisierung und Studienorganisation. Es standen klassische hochschuldidaktische Fragen in den Blick: Wie lassen sich Studierende gezielt begleiten? Wie können Kompetenzen gestärkt werden? Und wie gelingt der Übergang in die Praxis? Mehrere Workshops setzten sich außerdem mit Künstlicher Intelligenz auseinander – von konkreten Anwendungen über Gamification bis hin zu Fragen wissenschaftlichen Arbeitens mit KI.
Lehrpreise und Lehrkonzepte 2026
Ein Höhepunkt der Abendveranstaltung war die Vergabe der Lehrpreise durch Prorektor Pablo Pirnay-Dummer. Aufgrund der Vielzahl der Nominierungen waren die Auswahlprozesse in den Kommissionen und im Rektorat intensiv. Zugleich kündigte Pirnay-Dummer an, auch nominierte Projekte künftig stärker zu dokumentieren, um Beispiele guter Lehre sichtbarer zu machen.
Der studentische Lehrpreis 2026 ging auf Empfehlung des Studierendenrats an Prof. Dr. Detlef Reichert vom Institut für Physik. Seine Lehre in der Medizinischen Physik stehe exemplarisch für interdisziplinäre Vermittlung. Komplexe Inhalte vermittele er klar und zugänglich, hieß es in der Begründung. Besonders hervorgehoben wurde sein Engagement, Physik auch für fachfremde Studierende erfahrbar zu machen – durch innovative Experimente, verständliche Sprache und eine klare didaktische Struktur. Mit öffentlichen Vorlesungen und Angeboten für Schülerinnen und Schüler öffne er Wissenschaft für eine breite Öffentlichkeit.
In der Kategorie „Diversitätsgerechtes Lehren und Lernen“ wurde Prof. Dr. Rebecca Waldecker mit ihrem Team für ihr „Lehrkonzept für Lineare Algebra und Algebra“ ausgezeichnet. Ihr Lehrkonzept reagiere auf zentrale Herausforderungen des Studieneinstiegs in MINT-Fächern. Unterschiedliche Formate – darunter Videos, Podcasts, Workshops und interaktive Elemente – schafften vielfältige Zugänge zu mathematischen Inhalten. Gleichzeitig würden Meta-Themen wie Lernstrategien, Prüfungsangst oder der Umgang mit Fehlern aktiv integriert. So entstehe ein Lernraum, der die Studierenden nicht nur erreicht, sondern gleichermaßen stärkt, so die Jury.
Das Lehrkonzept „StudiLab: Konzertformate - ein Ideenwettbewerb“ der Musikwissenschaftler*innen Dr. Anna Schaefer und Pascal Schiemann überzeugte die Auswahlkommission ebenfalls. Sie erhielten den Lehrpreis in der Ausrichtung „Praxisbezug im Lehren und Lernen“. In Kooperation mit der Staatskapelle Halle entwickeln hier Studierende eigene Konzertformate – von der Idee bis zur öffentlichen Präsentation. Das Seminar, so die Jury, verbinde wissenschaftliche Reflexion mit praktischer Anwendung und ermögliche Einblicke in reale Arbeitsfelder.
Den @ward erhielt Jaqueline Simon vom Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik für ihr multimodales Lehrkonzept „Zusammenspiel klassischer und digitaler Medien“. Ihr Konzept verbinde digitale Innovation mit didaktischer Präzision und verantwortungsvollem Umgang mit technischen Hilfsmitteln. Im Fokus stehe die Frage, wie Lernen unter digitalen Bedingungen sinnvoll gestaltet werden kann. Das Konzept überzeuge nicht nur didaktisch und methodisch, sondern erfülle auch in vorbildlicher Weise die Anforderungen des Datenschutzes.
Anschließend wurden die Lehrenden gewürdigt, die das Hochschuldidaktische Zertifikat erworben haben. Die umfassende Qualifizierung basiert auf den Standards der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik.
Resilienz als Schlüssel
Die anschließende Podiumsdiskussion widmete sich dem Thema Resilienz in Studium und Lehre. Moderiert wurde die Runde von Prorektor Pirnay-Dummer. Seine Gesprächspartner*innen waren Rektorin Prof. Dr. Claudia Becker, HRK-Vize Prof. Dr. Ulrich Bartosch, Jurist Prof. Dr. Dirk Hanschel, die Mathematikerin Prof. Dr. Rebecca Waldecker sowie Prof. Dr. Andreas Petrik, Professor für Didaktik der Sozialkunde.
Im ersten Teil ging es um institutionelle Rahmenbedingungen. Dabei wurde betont, dass Hochschulen eine verlässliche Grundfinanzierung benötigen. Rektorin Claudia Becker unterstrich die Bedeutung verlässlicher Rahmenbedingungen: „Die erste Voraussetzung ist ein Planungsrahmen, unter dem wir gut arbeiten können.“ Ulrich Bartosch ergänzte, dass Hochschulen eine verlässliche Grundfinanzierung benötigen, um ihre Autonomie unabhängig von politischen oder sonstigen Zielsetzungen zu sichern.
Im weiteren Verlauf rückten Studienabläufe in den Fokus. Diskutiert wurde unter anderem die hohe Prüfungsdichte. „Ein großer Freiheitsräuber sind die vielen Prüfungen“, sagte Rebecca Waldecker. Weniger Prüfungen, klüger gestaltete Formate und gegebenenfalls auch längere Studienzeiten könnten dazu beitragen, mehr Raum für Reflexion und selbstständiges Lernen zu schaffen. Kontrovers diskutiert wurde in diesem Zusammenhang die Rolle von Anwesenheit. Während einige Stimmen sie als notwendige Grundlage für gemeinsames Lernen und soziale Interaktion betrachteten, wurde von anderer Seite betont, dass gute Lehre keiner Verpflichtung bedarf. Gleichzeitig zeigte sich, dass Verbindlichkeit durchaus positiv erlebt werden kann – insbesondere dann, wenn sie mit einer klaren didaktischen Idee verbunden ist.
Beim Thema Digitalisierung wurde deutlich: Hochschulen müssen sich mit dem Thema KI beschäftigen. „Wir müssen uns mit diesen Werkzeugen auseinandersetzen, weil sie die Berufswelt grundlegend verändern“, sagte Dirk Hanschel. Gleichzeitig bleibe entscheidend, Ergebnisse einzuordnen und Verantwortung zu übernehmen. In diesem Zusammenhang wurde auch die grundsätzliche Rolle der Universität diskutiert. Sie sei ein Raum, in dem Denken, Ausprobieren und Erkenntnissuche möglich sein müssen. „Der Kern unseres Tuns ist nicht die schnellste Möglichkeit der Antwort und des Transfers, sondern uns mit wahrheitsbezogenen neuen Erkenntnissen zu beschäftigen“, so Bartosch.
Der Begriff der Resilienz zog sich dabei wie ein roter Faden durch die Diskussion, wurde jedoch unterschiedlich gefüllt. Er reichte von Anpassungsfähigkeit über Widerstandskraft bis hin zur bewussten Verteidigung grundlegender Werte.
Am Ende verdichteten sich die Beiträge in einigen zentralen Leitgedanken. Universität müsse sich stärker als Ort demokratischer Praxis verstehen und dies sichtbar machen: „Wir müssen stärker als ein zentraler Ort der Demokratie in die Offensive treten. Wir brauchen einen Zusammenhalt über die paradigmatischen Grenzen und sonstigen fachlichen Konflikte hinaus, um dann stark nach außen zu treten“, so Petrik. Zusätzlich betonte die Rektorin die Verantwortung gegenüber den Lehrenden, die diese Prozesse tragen und gestalten: „Wir dürfen unsere Lehrenden nicht aus dem Blick verlieren und müssen sie entsprechend ausrüsten.“ Als Schlüsselkompetenz benannte Rebecca Waldecker „Ambiguitätstoleranz“ – die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten und produktiv mit Unsicherheit umzugehen.
Musikalisch umrahmt wurde der Abend vom Chor der Medizinischen Fakultät.











