„Auch kleine Strukturen können Großes leisten“

Herr Professor Molitor, Sie blicken auf mehrere Jahrzehnte in der Informatik zurück – was hat Sie ursprünglich zu diesem Fach geführt?
Paul Molitor: Als ich 1978 angefangen habe zu studieren, gab es keine PCs, keine Rechner zu Hause, keine Handys. Ich hatte von Informatik keine Ahnung. Ich hatte einen Mathematiklehrer, der mich sehr gefördert hat. Er meinte, Informatik sei ein neues Fach und das könnte gut zu mir passen. Dann bin ich in Saarbrücken über die Universität geschlendert, habe mir das Institut angeschaut und mich dann beworben – auch an anderen Universitäten. Ohne wirklich zu wissen, was Informatik ist. Meinen ersten PC habe ich tatsächlich erst als wissenschaftlicher Mitarbeiter gesehen. Informatik war damals im Grunde angewandte Mathematik.
Sie haben die Entwicklung des Fachs also von Anfang an miterlebt. Was hat sich am stärksten verändert?
Sehr viel – und vor allem sehr schnell. In den 1980er Jahren ist noch vergleichsweise wenig passiert. Irgendwann kamen die PCs, aber die waren sehr teuer. Unser erster PC hat 15.000 D-Mark gekostet. Viel machen konnte man damit noch nicht. Aber seit den 1990ern hat sich die Disziplin rasant entwickelt. Die Breite der Informatik heute ist enorm. Das stellt insbesondere kleinere Standorte wie die MLU vor Herausforderungen.
Sie sind seit 1994 in Halle. Was waren prägende Momente?
Die insgesamt 32 Jahre waren an sich ununterbrochen eine aufregende Zeit. Als ich im April 1994 nach Halle kam, war ich der erste berufene Professor an einem neu gegründeten Institut. Der Studiengang war 1991 gestartet, aber es gab noch keine Berufungen. Die Lehre wurde im Wesentlichen von Mathematikern und dem Rechenzentrum gemacht. Wir haben vieles parallel aufgebaut – Strukturen, Lehre, Forschung. Wir waren von Anfang an eine der kleinsten Informatiken in Deutschland – und sind es bis heute geblieben.
Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?
Beides. Wir gewinnen Studierende, weil wir klein sind: Die Vorlesungen sind überschaubar, die Türen stehen offen. Aber wir verlieren viele nach dem Bachelor, weil wir nicht die gesamte fachliche Breite anbieten können, die größere Standorte leisten.
Auch als kleines Institut hat sich der Standort behauptet. Worauf sind Sie besonders stolz?
Darauf, dass wir es geschafft haben, Brücken in viele andere Bereiche der Universität zu schlagen. Wir waren eines der ersten Institute, das einen Studiengang Bioinformatik hier in Deutschland angeboten hat. Dann die Informatik in den Geisteswissenschaften. Dieser Forschungsbereich, den wir vor circa 10 Jahren angegangen sind, hat sich sehr gut entwickelt und wir sind deutschlandweit eines der wenigen Institute, das in der Lehre den Schwerpunkt eHumanities anbietet. Mittlerweile sind wir in fast jeder Fakultät verankert, nicht nur in den Geisteswissenschaften, sondern auch in den Lebenswissenschaften, inklusive der Medizin und den Agrarwissenschaften, und natürlich in der Wirtschaftsinformatik. Ich glaube, das ist der Punkt: Heute wird Informatik überall gebraucht. Auch ein kleines Institut kann gezielt Schwerpunkte setzen und sichtbar sein.
Sie waren mehrfach geschäftsführender Direktor des Instituts und in zahlreichen Gremien, unter anderem im Senat aktiv. Wie hat sich das auf Ihre Forschung und Lehre ausgewirkt?
Ich war 22 Jahre Institutsdirektor, in zahlreichen Gremien aktiv und lange Herausgeber einer Fachzeitschrift. Da bleibt zwangsläufig weniger Zeit für eigene Forschung und Lehre. Was wir erreicht haben, verdanken wir vor allem einem starken Team. Gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind entscheidend – man muss ihnen Raum geben und vertrauen.
Ein großes Thema ist aktuell Künstliche Intelligenz. Wie sehen Sie das?
Ich halte es für gefährlich zu glauben, dass Informatiker dadurch überflüssig werden. Im Gegenteil: Man braucht sie, um die Systeme zu verstehen und sicher zu machen. Ich sehe eher die Gefahr, dass grundlegende Fähigkeiten verloren gehen, wenn KI in einem frühen Stadium des Studiums beim Lösen von Aufgaben durch die Studierenden eingesetzt wird – logisches Denken, Abstraktion. Wenn man sich zu früh auf KI verlässt, lernt man das nicht mehr richtig. Andere Bundesländer haben an ihren Hochschulen stark in KI investiert, Sachsen-Anhalt leider nicht. Das macht es nicht einfacher.
Sie sind jetzt im Ruhestand. Wie fühlt sich das an?
Ruhiger. Und das ist auch gut so. Nach vielen Jahren in verantwortungsvollen Positionen tut es gut, einen Gang herunterzuschalten. Ganz weg bin ich aber nicht. Ich betreue noch Projekte, schreibe auch noch Förderanträge und werde regelmäßig am Institut sein – wahrscheinlich einmal pro Woche. Es geht auf kleiner Flamme weiter.
Bleiben Sie der Saalestadt erhalten?
Ja, wir bleiben hier. Halle ist mein Lebensmittelpunkt geworden. Ich komme ursprünglich aus Luxemburg, habe dort meine ersten 18 Jahre verbracht, dann lange in Saarbrücken gelebt – und inzwischen bin ich die längste Zeit hier in Halle. Mein soziales Umfeld ist hier, nicht zuletzt über den Universitätssportverein und den Basketball. Bis heute bin ich beim USV aktiv, freitagabends wird gespielt. Diese Gemeinschaft hat mich damals, als ich nach Halle kam, herzlich aufgenommen. Und das ist bis heute so geblieben. Natürlich gibt es auch Dinge, die ich vermisse – etwa der Einfluss der französischen Küche aus meiner Zeit im Saarland. Aber wir haben hier unser Leben aufgebaut und fühlen uns wohl.
Welche Rolle spielte Ihre Familie?
Eine sehr große. Wir haben zwei Kinder. Meine Frau ist 1995 nach Halle nachgezogen – die Kinder waren damals zwei und drei Jahre alt – im klaren Wissen, dass dieser Umzug für sie einen beruflichen Rückschritt bedeutet. Ohne diese Entscheidung hätte ich wohl kaum den Ruf nach Halle angenommen. Und wir wären sicherlich keine 32 Jahre in Halle geblieben, wenn sie sich nicht aus dieser beruflichen Sackgasse hätte befreien können. Sie hat ihre Promotion nachgeholt und wurde zur Professorin an der Hochschule Anhalt berufen, wo sie dann mehr als ein Jahrzehnt lang Dekanin des Fachbereiches Informatik und Sprachen war. Wir haben uns schon im Informatikstudium in Saarbrücken kennengelernt. Unsere Tochter hat ebenfalls Informatik studiert. Aber interessant ist: Zu Hause war Informatik eigentlich nie das große Thema. Wir haben bewusst versucht, das voneinander zu trennen.
Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit an der MLU mit?
Dass auch kleine Strukturen Großes leisten können – wenn man ein entsprechend engagiertes Team an seiner Seite hat. Ich hatte dieses Glück und bin sehr dankbar dafür. Das Institut war immer klein, aber wir haben zusammen an vielen Stellen etwas aufgebaut und Verbindungen geschaffen.
Aus der Vita:
1978: Abitur am Lycée de Garçons de Luxembourg; 1978-1982: Studium der Informatik mit Nebenfach Mathematik an der Universität Saarbrücken; 1986: Promotion in Informatik bei Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Günter Hotz; 1992: Habilitation und Lehrbefugnis in Informatik; 1982-1994: Wissenschaftlicher Mitarbeiter (1982-1991) und Projektleiter (1991-1994) in dem an die Universität des Saarlandes und die Universität Kaiserslautern angegliederten Sonderforschungsbereich 124 VLSI-Entwurfsmethoden und Parallelität; 1993: Universitätsprofessor für Schaltungstechnik an der Humboldt-Universität zu Berlin; 1994-2026: Lehrstuhl für Technische Informatik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ; seit 01.04.2026 im Ruhestand.