Kontext: Gibt es zu viele Akademiker?

23.09.2019 von Tom Leonhardt in Wissenschaft, Kontext
Häufig heißt es: Hochschulen müssen ihr Angebot am Arbeitsmarkt ausrichten – sonst droht eine Welle der Arbeitslosigkeit. Warum das falsch ist und wie Hochschulen sogar den Arbeitsmarkt an sich anpassen, erklärt Bildungssoziologe Prof. Dr. Manfred Stock.
Dass Akademiker als Taxifahrer arbeiten, ist ein gängiges Klischee, kommt aber nur selten vor
Dass Akademiker als Taxifahrer arbeiten, ist ein gängiges Klischee, kommt aber nur selten vor (Foto: stock.adobe.com / Tobias Arhelger)

Die Formel vom Akademischen Proletariat habe ich das erste Mal in einem Buch gelesen, das Friedrich Paulsen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geschrieben hat. Schon damals wurde ein „zu viel“ an Studenten beklagt. Diese Debatte begleitet die Entwicklung der Hochschulen in Deutschland bis in die Gegenwart. Sie muss irgendetwas mit der deutschen Kultur zu tun haben. Dahinter verbirgt sich eine Angst, dass „zu viele“ Akademiker keine Arbeit finden und dass das zu problematischen Zuständen in der Gesellschaft führt. Das hat vermutlich etwas mit der Erwartung zu tun, dass jeder, der eine bestimmte Ausbildung absolviert hat, auch wirklich an der Stelle platziert werden muss, die dieser entspricht. Dahinter steckt ein Berufsbild, das auf die Lutherische Berufsethik zurückgeht. In anderen Ländern ist diese Debatte undenkbar.

In Deutschland gibt es vor allem seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Expansion der Hochschulbildung: Es gibt mehr Hochschulen, mehr Studiengänge und mehr Studierende. Die Politik stand dieser Entwicklung bis in die Mitte der 1990er Jahre immer ziemlich kritisch gegenüber. Das liegt auch daran, dass wir in Deutschland ein international einmaliges duales Berufsausbildungssystem haben, das immer auch als das Rückgrat der deutschen Variante des Industriekapitalismus angesehen wird. Erst als die großen internationalen Vergleichsstudien gezeigt haben, dass Deutschland mit seinen Studierendenquoten im internationalen Vergleich relativ schlecht da stand, ist das umgeschlagen.

2011 erreichte die Anzahl der Studienanfänger erstmals die Anzahl derjenigen, die eine Berufsausbildung im dualen System beginnen. Das war für Teile der Politik erneut ein Problem. Sogar aus den Hochschulen kommen hierzu kritische Stimmen: Der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin hat die These von der „Überakademisierung“ in die Welt gesetzt, die von vielen immer wieder bemüht wird. Das ist erstaunlich, weil es in der Konsequenz von jungen Menschen verlangt: Verzichtet auf bessere Lebenschancen und den Zugang zu guten Lebensmöglichkeiten, die mit einem Studium einhergehen.

Das Argument von der Überakademisierung ist aber empirisch nicht gedeckt. Die Statistiken zur Arbeitslosigkeit von Akademikern zeigen, dass die Arbeitslosenquote in den zurückliegenden zehn Jahren nur zwischen zwei und drei Prozent schwankt. Andere Studien zeigen, dass Hochschulabsolventen in der Regel angemessen im Beschäftigungssystem platziert werden – auf angemessenen Stellen mit einer angemessenen Entlohnung. Der Taxifahrer mit Hochschulabschluss ist keine statistisch bedeutsame Größe.

Woher diese ausgeglichene Situation kommt, lässt sich nicht so leicht erklären. Sie ist auf jeden Fall nicht das Resultat einer Bildungsplanung. Die Politik versucht seit den 1970er Jahren vergeblich, die Entwicklung des Hochschulsystems an eine vermeintliche Nachfrage nach Qualifikationen anzupassen und die Studienberechtigten in jene Fächer zu dirigieren, die sie für den sogenannten Wirtschaftsstandort Deutschland als wichtig erachtet. Eine solche Steuerung des Hochschulzugangs ist nicht zuletzt aus verfassungsrechtlichen Gründen nur in Ausnahmefällen möglich.

Die Situation resultiert auch nicht daraus, dass die jungen Leute ihre Wahl des Studienfachs an zukünftig oder vermeintlich zukünftig zu erwartenden Verwertungsbedingungen der Studienabschlüsse auf dem Arbeitsmarkt ausrichten.

Die These ist nun, es kommt zu der ausgeglichenen Situation, weil sich in weiten Teilen die Arbeitswelt an die Entwicklung der Hochschulabsolventen anpasst. Man kann sich das etwa so vorstellen: Mit der Hochschulexpansion werden immer mehr anwendungsorientierte Studiengänge eingerichtet. Diese greifen zumeist auf das theoretische Wissen unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen zurück. Man geht davon aus, dass sich bestimmte Handlungsprobleme in der Arbeitswelt unter, wie es heißt, „Anwendung“ dieses Wissens lösen lassen. Dabei werden entweder bereits bestehende berufliche Handlungsprobleme umdefiniert oder es werden neue erzeugt, für die dann die Absolventen der Studiengänge als legitime Problemlöser zu Verfügung stehen. Beispielsweise werden jetzt Studiengänge für Lerntherapie eingerichtet. Lernprobleme von Schülern gelten damit nicht mehr als gewöhnliche pädagogische Probleme, für die Lehrer zuständig sind. Ab einem gewissen Grad gelten sie heute als Ausdruck von psychischen Störungen, die der Diagnose und der Therapie bedürfen. Und dafür sind nun nicht mehr Lehrer, sondern akademisch ausgebildete Lerntherapeuten zuständig. Man kann das auch an anderen Studiengängen durchspielen. Die Fachhochschule Osnabrück bietet zum Beispiel einen Studiengang „Nachhaltiges Rasenmanagement“ an. Da ist man offenbar der Meinung, dass ein generalisiertes Erfahrungswissen nicht mehr ausreicht, um einen Rasen auf eine vernünftige Art und Weise zu betreuen. Und ich sage Ihnen: Nach kurzer Zeit gibt es die ersten großen Fußballvereine und Golfklubs, die akademisch ausgebildete Rasenmanager einstellen. Denn das bloße Erfahrungswissen eines herkömmlichen Platzwarts erscheint mit der Einrichtung von Studiengängen an Hochschulen als entwertet.

Man muss dabei natürlich auch sehen: Eine wissenschaftliche Qualifikation führt nicht zwangsläufig dazu, dass sich berufliche Handlungsprobleme besser oder angemessener lösen lassen. In einigen Bereichen ist das der Fall. Das sind häufig Bereiche, für die man Techniken entwickeln kann, also Simplifikationen, die funktionieren und die mit isolierten Kopplungen zwischen Ursache und Wirkung arbeiten können.

Es gibt aber sehr viele Bereiche, die nicht technisierbar sind. Zum Beispiel hilft Ihnen kein pädagogisches Modell bei der Bewältigung einer aktuellen Handlungssituation im Umgang mit Kindern. Das Interessante ist, dass gerade jene Studiengänge expandieren, die es mit Handlungsbereichen zu tun haben, die sich einer Technisierbarkeit weitgehend entziehen: soziale Berufe, Management etc., und wo es also höchst unsicher ist, ob und auf welche Art und Weise ein wissenschaftliches Wissen im beruflichen Handeln umgesetzt werden kann.

Der Text stammt aus der Print-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "scientia halensis" und steht in der Rubrik „Kontext“. Darin setzen sich Wissenschaftler der Martin- Luther-Universität mit einem aktuellen Thema aus ihrem Fach auseinander, erklären die Hintergründe und ordnen es in einen größeren Zusammenhang ein.

Manfred Stock
Manfred Stock
(Foto: Maike Glöckner)

Prof. Dr. Manfred Stock ist seit 2014 Professor für die Soziologie der Bildung an der MLU. Aktuell leitet er zwei große Forschungsprojekte zur Entwicklung akademischer Studienprogramme und zur Akademisierung der Beschäftigung.

Kontakt:
Prof. Dr. Manfred Stock
Institut für Soziologie / Soziologie der Bildung
Tel.: +49 345 55-24240
Mail: manfred.stock@soziologie.uni-halle.de

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