Der Faultierexperte im Hörsaal

Der 50. Geburtstag von Jens Thielebein war in jeder Hinsicht ein außergewöhnlicher Tag. Auch wegen des Zweifinger-Faultiers, das im Bergzoo Halle das Licht der Welt erblickte. Noch am Tag zuvor war der Veterinärmediziner überzeugt, dass sich dessen Geburt hinziehen wird. „Da lag ich wohl falsch“, sagt er heute und lacht. Thielebein war trotz seines runden Jubiläums dabei, als der Faultier-Nachwuchs im Oktober 2012 zur Welt kam. Und nicht nur das: Die Tierpfleger machten aus diesem besonderen Moment ein Geschenk und tauften das Jungtier auf seinen Namen.
Heute hängt eine Fotocollage von Faultier „Jens“ in Thielebeins Büro im Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Universität. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet Jens Thielebein als Veterinärmediziner an der MLU. Zu seiner Tätigkeit gehören die Lehre und Forschung sowie die tierärztliche Betreuung der Versuchstiere im Agrarwissenschaftlichen Versuchszentrum der Universität in Merbitz. Zugleich ist er auch gefragter Experte für die veterinärmedizinische Versorgung von Zoo-, Wild- und Gehegetieren in Sachsen-Anhalt.
Faultiere spielen dabei unter den vielen Arten, mit denen er im Laufe seiner Karriere schon zu tun hatte, nicht nur wegen des ungewöhnlichen Geburtstagsgeschenks eine besondere Rolle. Sie sind auch das wissenschaftliche Spezialgebiet des 63-Jährigen. Gemeinsam mit Forschenden aus anderen Einrichtungen entwickelte Thielebein zum Beispiel Verfahren zur Geschlechtsbestimmung bei Faultieren und untersuchte deren Fortpflanzung. Lange seien die Angaben zur Trächtigkeitsdauer in der Literatur weit auseinandergegangen, sagt er. Durch Ultraschalluntersuchungen und spätere Kot-Hormonanalysen in mehreren Zoos konnten Thielebein und seine Kolleginnen und Kollegen die Trächtigkeitsdauer 2010 schließlich verlässlich bestimmen. Das Ergebnis überraschte: Zweifinger-Faultiere tragen ihren Nachwuchs zwischen 330 und 350 Tage aus – „deutlich länger, als für Tiere ihrer Größe zu erwarten wäre“, so der Experte.
Ein Bär mit Schädelbruch
Schon als Kind wollte Thielebein Tierarzt werden. Diesen Wunsch verwirklichte er mit einem Studium der Veterinärmedizin an der Humboldt-Universität Berlin, das er 1989 abschloss. Ein Jahr später wechselte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das heutige Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der MLU. Damals war es das Institut für Tierzucht und Tierhaltung mit Tierklinik. Die Universität verfügte in jener Zeit über eine Groß- und Kleintierklinik, die auch die Versorgung tierischer Patienten der Region absicherte.
1993 übernahm Thielebein die Vertretung eines Kollegen, der den Bergzoo Halle betreute. Sein erster Fall war ein Kragenbär mit einer Schädelfraktur. Die Diagnose erwies sich als schwierig, erinnert sich der Tiermediziner. Computertomographen seien damals selbst in der Humanmedizin noch selten gewesen. Über Umwege gelang schließlich eine Untersuchung in einer radiologischen Praxis in Halle, aus hygienischen und rechtlichen Gründen mit einer Ausnahmegenehmigung. „Das war sozusagen mein Einstieg“, sagt Thielebein. Und bei dem blieb es nicht. „Ab 1997 war ich dann hauptverantwortlicher Tierarzt im Bergzoo.“ Dafür absolvierte er noch eine Ausbildung zum Fachtierarzt für Zoo-, Wild- und Gehegetiere - derzeit ist er der einzige in Sachsen-Anhalt. Für die Zoos und Tierparks im Land übernimmt er vor allem spezialisierte Fälle, etwa Behandlungen, Narkosen und Operationen von selten in menschlicher Obhut gehaltenen Wildtieren. Viele dieser Fälle wertet er anschließend auch wissenschaftlich aus. „So entstehen aus Behandlungen immer wieder Forschungsfragen – und umgekehrt fließen die Erkenntnisse aus der Forschung in die Praxis zurück“, sagt er.
In drei Jahrzehnten erlebte Thielebein etliche außergewöhnliche Fälle, von denen einige auch für Schlagzeilen sorgten. Anfang dieses Jahres führte ihn ein als Privatinitiative organisierter Einsatz sogar auf die Seychellen-Insel Desroches. Dort benötigte die Aldabra-Riesenschildkröte „George“, eines der ältesten lebenden Landtiere der Erde, nach einer schweren Fraktur des Oberarms dringend Hilfe. Gemeinsam mit einem Orthopäden operierte Thielebein die rund 250 Kilogramm schwere Schildkröte. Der verletzte Arm wurde mit einem halben Autoreifen am Körper fixiert, um zu verhindern, dass das Tier die operierte Gliedmaße belastet. Ein knappes halbes Jahr nach der OP starb „George“. „Das gehört leider auch dazu“, so Thielebein – nicht jeder Patient könne geheilt werden. Das galt auch für Tigerbaby „Ranga“, mit dem der Tierarzt vor rund 15 Jahren in einem Becken des Krokodilhauses im halleschen Zoo Aquagymnastik betrieb, als dessen Hinterläufe plötzlich gelähmt waren.
Jens Thielebein hat in seinem Berufsalltag indes nicht nur mit Exoten zu tun, auch wenn deren Behandlung über eine Drittmittel-Finanzierung zu seinen offiziellen Aufgaben als Uni-Mitarbeiter zählt. Im Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Versuchszentrum der Universität in Merbitz betreut der Veterinärmediziner auch landwirtschaftliche Nutztiere. Zu seinen Patienten gehören dort Hühner, Tauben, Pferde, Schafe und Schweine. Zudem begleitet er Fütterungsversuche in Hinsicht auf die Verdaulichkeit von Futterbestandteilen mit dem Ziel, das Wohlbefinden der Tiere zu steigern.
„Es sind alles Lebewesen, ob Elefant oder Maus“, sagt Thielebein, wenn er nach Favoriten gefragt wird. In der Behandlung aber mache die Tierart einen Unterschied. Anders als für Schaf oder Pferd gebe es für viele Zoo- und Wildtiere nur wenige wissenschaftliche Daten, manchmal weltweit nur eine Handvoll dokumentierter Fälle. Nicht für jedes Problem oder jeden Krankheitsverlauf existiert bereits eine Lösung, so der Tierarzt. Deshalb seien Erfahrung, Austausch und ein belastbares Netzwerk besonders wichtig. „Man arbeitet da nicht allein“, sagt Thielebein.
Praxisnähe in der Lehre
Von seinen Netzwerken und seiner umfangreichen praktischen Erfahrung profitieren auch die Studierenden der Agrarwissenschaften, denn Praxisnähe ist für Thielebein ein zentraler Bestandteil guter Lehre. „Manchmal muss ich etwas angefasst oder gerochen haben, um mir eine korrekte Vorstellung von Größe beziehungsweise Aufbau oder Veränderungen des Organs zu machen“, sagt er. Wer eine Lehrveranstaltung bei Thielebein besucht, bekommt deshalb nicht nur Folien zu sehen. Regelmäßig bringt er Organe landwirtschaftlicher Nutztiere mit in den Hörsaal. Zum Modul „Biologie der Nutztiere“ gehört außerdem ein Besuch des Museums für Haustierkunde „Julius Kühn“ der Universität, so der Dozent. Dort dienen unter anderem Knochen von Rentieren als Anschauungsmaterial – Rentiere werden zum Beispiel in Skandinavien auch als Nutztiere gehalten. Thielebein lehrt Tierhygiene, Tiergesundheit und im Modul Erzeugung tierischer Produkte. Dabei ist sein breiter Erfahrungsschatz von Vorteil: Gerade bei der Ausbreitung von Tierkrankheiten spielen auch Wildtiere eine wichtige Rolle.
Faultier „Jens“ übrigens, der nach seinem Tierarzt benannte Exot, lebt heute im Norden Deutschlands. „Faultierdamen im Rostocker Zoo hängen jetzt mit Jens ab“, schrieb eine Zeitung nach seinem Umzug im Jahr 2014. Und Namensgeber Thielebein? Den begleitet die Begeisterung für diese speziellen Tiere bis heute: „Wenn man die so anschaut, sind sie meistens freundlich“, sagt er. Als veterinärmedizinischer Berater des Europäischen Zuchtprogramms für Zweifinger-Faultiere ist er Ansprechpartner für Zoos in ganz Europa. Seine Forschungen an dieser Tierart sind immer noch nicht abgeschlossen. Aktuell ist Thielebein an genetischen Untersuchungen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin beteiligt. Vielleicht gibt es demnächst eine Überraschung: Die von ihm unterstützte Studie könnte den Beweis erbringen, dass bei den Zweifinger-Faultieren mehr als nur zwei Arten existieren.




