Engagierter Polymerwissenschaftler: Zum Tode von Hans-Joachim Radusch

22.04.2026 von Prof. Dr. Wolfgang Grellmann in Personalia
Am 26. März 2026 ist der Polymerwissenschaftler und Kunststofftechniker Prof. Dr. Hans-Joachim Radusch verstorben. Seine Forschung bildete die Grundlagen für die Entwicklung moderner Polymerwerkstoffe. Die wissenschaftliche Karriere führte ihn von Merseburg an die MLU, wo er mehr als ein Jahrzehnt als Institutsdirektor wirkte und zu den Gründern zweier An-Institute gehörte. Ein Nachruf von Prof. Dr. Wolfgang Grellmann.
Hans-Joachim Radusch
Hans-Joachim Radusch (Foto: privat)

Das wissenschaftliche Wirken von Hans-Joachim Radusch war auf das engste mit Merseburg verbunden. Er absolvierte an der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg von 1967 bis 1971 ein Studium der Verfahrenstechnik/Polymerwerkstofftechnik und wurde 1975 mit einer Arbeit mit dem Titel „Beitrag zur mathematischen Modellierung und Simulation des Prozessablaufes im Plastizieraggregat eines Einschneckenextruders“ zum Dr.-Ing. promoviert.

Nach einer sich anschließenden dreijährigen Tätigkeit in der Industrie kehrte er an die Technische Hochschule zurück, wo er sich auf dem Gebiet der Aufbereitung und Modifizierung von Kunststoffen profilierte und 1985 zur Thematik „Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Herstellung, Morphologie und Eigenschaften von Polymermischungen“ habilitierte. Im Jahre 1989 wurde Hans-Joachim Radusch auf die Professur Werkstofftechnik (Polymere) an der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg und 1994 als Universitätsprofessor für Kunststofftechnik an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg berufen. 

Zentrale Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeiten waren die Aufklärung von Struktur/Morphologie-Eigenschaftsbeziehungen von Polymerwerkstoffen und insbesondere von Polymerblends und Nanokompositen. Seine Arbeiten zur rheologisch-thermodynamisch begründeten Morphologiebildung in heterogenen Polymersystemen bildeten die Grundlage zur Entwicklung diverser moderner Polymerwerkstoffe, wie dynamischer Vulkanisate, Shape Memory Polymere oder Nanopartikel gefüllter Elastomere und thermoplastischer Polymerblends. Die Charakterisierung der verarbeitungsbedingten Herausbildung der Struktur beziehungsweise Morphologie sowie daraus resultierender anwendungsspezifischer Eigenschaften in kristallisationsfähigen Biopolymeren reflektiert eine weitere Facette seines wissenschaftlichen Wirkens.

Im Bereich der Ingenieurwissenschaften der MLU leitete Hans-Joachim Radusch als Universitätsprofessor für Kunststofftechnik im Zeitraum von 2000 bis 2013 das Institut für Werkstoffwissenschaft sowie das 2007 gegründete Kunststoff-Kompetenzzentrum Halle-Merseburg als Geschäftsführender Direktor. Er war Mitbegründer des Instituts für Polymerwerkstoffe e. V. Merseburg (IPW, 1992) und der Polymer Service GmbH Merseburg (PSM, 2001), beides An-Institute der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg beziehungsweise später der Hochschule Merseburg, sowie der Akademie Mitteldeutsche Kunststoffinnovationen (AMK, 2007), deren Vize-Präsident er zeitweise war. Die beiden An-Institute, die aktuell wirtschaftlich unabhängig agieren, haben vor allem die Intensivierung der Kooperation zur polymerherstellenden, polymerverarbeitenden und -anwendenden Industrie zum Ziel. In Anerkennung seines Engagements für die Entwicklung der Polymerwissenschaften und der Kunststofftechnik war der Wissenschaftler seit 2016 AMK-Ehrenmitglied und seit 2020 Ehrenmitglied des IPW für seine Verdienste als Leiter der Abteilung „Kunststoffverarbeitung und Kunststoffrecycling“.

Von 1999 bis zu seinem Übergang in den Ruhestand im Jahre 2014 gehörte Professor Radusch dem „Wissenschaftlichen Arbeitskreis der Universitätsprofessoren der Kunststofftechnik" (WAK) an. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen in rezensierten Fachzeitschriften und elf Buchbeiträge, unter anderem in den studentischen Lehrbüchern zur „Kunststoffprüfung“ und „Polymer Testing“ (Hrsg.: Grellmann/Seidler), hat Hans-Joachim Radusch verfasst. Für das Wiki-Lexikon „Kunststoffprüfung und Diagnostik“ lieferte er schöpfend aus diesem Fundus Gastbeiträge zur Bestimmung verarbeitungstechnischer Eigenschaften, aber auch wissenschaftstheoretische Beiträge. Hervorzuheben ist dabei der Artikel zur Werkstoffwissenschaft, der auch einen historischen Abriss der werkstoffwissenschaftlichen Hochschul-Ausbildung in Merseburg und Halle beinhaltet.

Prof. Dr. Dr. hc. Andrzej Bledzki, Lehrstuhlinhaber für Kunststoff- und Recyclingtechnik in Kassel, hat als Laudator, Freund und Wegbegleiter des Verstorbenen in seiner Laudatio zum 70. Geburtstag im Jahre 2019 bereits 44 Doktoranden und zwei Habilitanden aufgeführt. All seinen Doktoranden hat Professor Radusch sein persönliches Credo vermittelt, dass ein optimaler Einsatz von Kunststoffen nur über das Verständnis des Zusammenhanges zwischen Verarbeitung, Strukturausbildung und den daraus resultierenden Eigenschaften führt. Er hat sie damit zu geschätzten Fachleuten in der Kunststoff-Community werden lassen, von denen einige sein wissenschaftliches Erbe als berufene kunststofftechnische Professoren im In- und Ausland weiterführen dürfen.

Professor Radusch hat sich in hohem Maße für die internationale Zusammenarbeit mit ausländischen Universitäten engagiert und neben dem wissenschaftlichen Austausch vor allem die Einbeziehung von Studenten in die internationale Kooperation gefördert. Das zeigt sich vor allem auch in der Organisation internationaler Konferenzen und anderer Tagungen mit hoher internationaler Beteiligung. In der Polymer Processing Society (PPS) fungierte er von 2003 bis 2017 als „Representative of Germany“.

Nach seiner Emeritierung im Jahre 2014 leitete er in der Polymer Service GmbH Merseburg noch fünf weitere Jahre das Geschäftsfeld „Kunststoffcharakterisierung & Kunststofftechnik“ und stand auch nachfolgend noch bis zum Dezember 2025 allen Kollegen für die Diskussion von wissenschaftlichen Projektideen beratend zur Verfügung und präsentierte wissenschaftliche Ergebnisse auf internationalen Fachtagungen.

Mit ihm verlieren wir einen ausgezeichneten Polymerwissenschaftler, der sich viele Jahre erfolgreich mit den Strukturbildungsprozessen in der Kunststoffverarbeitung beschäftigt hat und somit die Grundlagen zur Entwicklung neuartiger Polymerwerkstoffe schuf.

Wir werden ihm stets ein ehrendes und würdiges Gedenken bewahren. Seiner Familie gilt unser tief empfundenes Mitgefühl. Wir sind dankbar für die langjährige gemeinsame wissenschaftliche Arbeit.

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Der Autor Prof. Dr. Wolfgang Grellmann, langjähriger Wegbegleiter des Verstorbenen, leitete von 1995 bis 2014 die Professur „Werkstoffdiagnostik/ Werkstoffprüfung“ an der MLU. Er war Mitbegründer des Instituts für Polymerwerkstoffe e.V. (IPW) und der Polymer Service GmbH Merseburg (PSM) als An-Institute an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die er später an die Hochschule Merseburg überführte. Gemeinsam mit Hans-Joachim Radusch und weiteren Professoren gründete er die Stiftung Akademie Mitteldeutsche Kunststoffinnovationen, die er bis 2018 als Präsident leitete. 
 

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