Große Namen: Georg Cantor

19.04.2018 von Ines Godazgar in Varia, Große Namen
Auch, wenn nicht jeder sofort etwas mit seinem Namen anzufangen weiß: Der einstige hallesche Professor Georg Cantor war und ist einer der bedeutendsten Mathematiker, die je gelebt haben. Die Welt verdankt ihm die Mengenlehre und eine Definition des Unendlichen. Selbst das Universalgenie Albert Einstein schätzte seinen Scharfsinn. Die Geschichte der Universität ist mit vielen bekannten Namen oder großen Ideen verbunden. Nicht immer hat jeder sofort die Fakten parat, die sich dahinter verbergen. Das soll sich an dieser Stelle ändern: Die Rubrik "Große Namen" erinnert an herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Halle.
Die Büste zeigt Georg Cantor. Seine Familie schenkte sie nach seinem Tod der Universität.
Die Büste zeigt Georg Cantor. Seine Familie schenkte sie nach seinem Tod der Universität. (Foto: Friederike Stecklum)

Gäbe es einen Nobelpreis für Mathematik, Georg Cantor wäre sicher ein Anwärter darauf gewesen. Doch leider war und ist die begehrte Ehrung in dieser Kategorie schlicht nicht vorgesehen. Auch die Fields-Medaille und der Abel-Preis, jene beiden höchsten Weihen, die inzwischen als Pendant zum Nobelpreis an Mathematiker vergeben werden, waren zu Cantors Lebzeiten noch nicht gestiftet. Und so ging das Genie in diesem Punkt zwangsläufig leer aus.

Später wurde immerhin eine Oper für Cantor geschrieben, in Halle tragen darüber hinaus eine Straße und ein Gymnasium mit mathematischem Schwerpunkt seinen Namen. Und das Institut für Mathematik der MLU ist selbstredend im Georg-Cantor-Haus untergebracht. Zudem setzte ihm 2007 der große amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace ein Denkmal in Buchform. „Georg Cantor. Der Jahrhundertmathematiker und die Entdeckung des Unendlichen“ – so lautet der deutsche Titel des in Erzählform angelegten Sachbuchs, in dem der ebenfalls mathematisch hochbegabte Foster Wallace versucht, den Begriff des Unendlichen zu fassen. Ein Terminus übrigens, mit dem sich Cantor seinerzeit an der halleschen Universität intensiv beschäftigte.

Dabei hätte nicht viel gefehlt, und Cantor wäre einst schnell wieder aus der Saalestadt weggezogen. Denn seine Stelle wurde offenbar nicht gut bezahlt. Jedenfalls nicht gut genug, damit er seine Frau und die sechs Kinder – vier Mädchen und zwei Jungen – seinem Stand gemäß versorgen konnte. Und so schaute sich Cantor nach Alternativen um. Zwar hatte er bereits 1885 in der heutigen Händelstraße 13 ein Wohnhaus gebaut, in das er ein Jahr später einzog. Doch das Geld war weiterhin knapp. Die Unzufriedenheit über diesen Zustand, das lässt sich anhand von Briefen nachvollziehen, war groß. Belegt ist darin auch die Tatsache, dass er sich an anderen Hochschulen bewarb. Einzig der Umstand, dass man ihn dort offenbar nicht haben wollte, hat wohl dafür gesorgt, dass er der Universität Halle erhalten blieb. Und so kam es, dass der große und geniale Mathematiker nahezu sein gesamtes akademisches Leben in der Saalestadt verbrachte.

Georg Ferdinand Ludwig Philipp Cantor, geboren am 3. März 1845 als Sohn eines Börsenmaklers und seiner Frau in St. Petersburg, gilt noch heute als Begründer der Mengenlehre. Ab 1862 studierte er Mathematik in Zürich, Göttingen und Berlin, wo er 1867 mit einer Arbeit über Zahlentheorie promoviert wurde. Es folgte 1869 die ­Habilitation an der Universität Halle, wo er im Anschluss zunächst als Privatdozent lehrte. 1877 wurde er schließlich auf eine ordentliche Professur berufen.
In Halle erschienen zwischen 1879 und 1884 auch Cantors Hauptarbeiten zur Begründung der Mengenlehre. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts stand sie im Vordergrund des mathematischen Interesses. Die Ideen, Methoden und Theorien, die Cantor hierzu geliefert hat, waren neu und wurden von vielen Zeitgenossen nicht richtig verstanden, ja zum Teil sogar abgelehnt.

Und obwohl das Haus der Familie Cantor bis dato ein beliebter Treffpunkt für viele Angehörige der Universität war, in dem es Salon-Abende gab – auf denen der Hausherr seine Frau Vally, eine ausgebildete Sängerin und Pianistin, auf der Violine begleitete – deprimierte ihn die Tatsache, dass seine Arbeiten nicht richtig verstanden wurden, zutiefst. Als dann 1884 auch noch sein jüngster Sohn starb, erlitt Cantor einen Nervenzusammenbruch und litt fortan unter Depressionen.
Die vollständige Würdigung seiner mathematischen Arbeiten setzte indes erst in den Jahren ein, in denen sein Arbeitsvermögen aufgrund seiner psychischen Erkrankung bereits gehemmt war. Die volle Bedeutung wurde sogar erst nach seinem Tod vollständig anerkannt. So schrieb der Mathematiker David Hilbert später an eine von Cantors Töchtern: „Gerade vor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit, zu erfahren, wie stark die Lehren Ihres Vaters auf eine kongeniale Natur wirken. Ich setzte Einstein auf meinem Besuch bei ihm in Berlin das klassische Verfahren auseinander, wie Ihr Vater die Unmöglichkeit bewiesen hat, die irrationalen Zahlen abzuzählen. Und Einstein, der alles sofort erfasste, war ganz überwältigt von der Großartigkeit dieser Gedanken…“

Cantor selbst liebte das Wesen der Mathematik. Es liege, so sagte er einmal, „in ihrer Freiheit“ begründet. Er nutzte die Möglichkeiten, die diese exakte Wissenschaft all jenen eröffnet, die in der Lage sind, sich auch noch in ihren höheren Sphären leichtfüßig zurechtzufinden. – Eine Beschäftigung, die nicht immer sofort mit der Vollendung einer Aufgabe enden muss. Oder wie Cantor es formulierte: „In der Mathematik ist die Kunst, eine Frage zu stellen, höher zu bewerten als die Kunst, sie zu lösen.“

1913 wurde Cantor emeritiert. Er starb vor nunmehr 100 Jahren, am 6. Januar 1918 in einem halleschen Sanatorium. Sein diesjähriger Todestag wurde auch an der Universität eingehend gewürdigt. Anlässlich der Feierlichkeiten wurde noch einmal an seine Genialität erinnert. Dr. Karin Richter, Professorin am Institut für Mathematik: „Cantor öffnete den Blick für ein neues Zahlenuniversum und legte damit die Grundlage für die heutige Mathematik“.

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