„Es war ein glücklicher Umstand“ – Interview zu 50 Jahren Biochemie Halle

05.10.2017 von Friederike Stecklum in Campus
Das Institut für Biochemie und Biotechnologie der Universität Halle feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Gründungsjubiläum. Am Freitag, 6. Oktober, veranstaltet das Institut aus diesem Anlass ein Festsymposium. Einer der damaligen Gründungsdirektoren Prof. Dr. Alfred Schellenberger und der heutige Direktor Prof. Dr. Sacha Baginsky sprechen im Interview über die Anfänge der Biochemie in Halle und die aktuellen Entwicklungen.
Blick auf das Biozentrum und das Institut für Biochemie und Biotechnologie am Weinberg-Campus
Blick auf das Biozentrum und das Institut für Biochemie und Biotechnologie am Weinberg-Campus (Foto: Maike Glöckner)

Herr Schellenberger, Sie waren 1967 an der Gründung des Instituts für Biochemie beteiligt. Welche Gründe gab es für die Einrichtung?
Schellenberger: Es war ein glücklicher Umstand für die Universität Halle. Denn damals waren zwei international bekannte Wissenschaftler berufen worden: Prof. Dr. Kurt Mothes und Prof. Dr. Wolfgang Langenbeck. Beide hatten die Biochemie in ihrer Forschung bereits verankert. Mothes analysierte den Sekundärstoffwechsel von Pflanzen und war damit bereits in der Biochemie angelangt. Langenbeck hat mit einfachen organischen Reaktionen simuliert, wie Enzyme funktionieren und war von der organischen Chemie in die Biochemie übergestiegen. Beide waren überzeugt davon, dass ein Biochemie-Studium auch für die medizinische Forschung und die Technologie in der Industrie wichtig wäre. Das war der Anfangspunkt. Langenbeck und Mothes haben sich darauf geeinigt, zwei ihrer Schüler zu benennen, die sie dem Rektorat als Gründungsdirektoren vorgeschlagen haben. Einer davon bin ich – der andere war Horst Reinbothe, der leider schon verstorben ist.

Womit haben Sie damals angefangen?
Schellenberger: Es war das erste Mal, dass an einer Universität in Deutschland ein Biochemie-Studium entstehen sollte. Deshalb war unsere erste Aufgabe, ein Biochemie-Studium zu entwerfen. Horst Reinbothe und ich haben etwas entwickelt, das wir am liebsten selbst gerne studiert hätten. Das hat uns viel Spaß gemacht. Wir waren uns einig, dass eine solide chemische Grundausbildung vorhanden sein musste und hinterher haben wir biologische Fachrichtungsteile hinzugefügt. Das ist ein schönes Studium geworden. Zu den damaligen Bedingungen muss man sagen: Uns wurden vor 50 Jahren alte Häuser in der Stadt zugewiesen. Die waren alles andere als modern. Wenn ich mir heute überlege, unter welchen Bedingungen die Forschungsarbeiten entstanden sind - es ist ein Trauerspiel gewesen. Aber die Leute waren begeistert, dass sie eigenständig forschen durften und wir waren international gut angesehen.

Prof. Dr. Sacha Baginsky
Prof. Dr. Sacha Baginsky (Foto: Norbert Kaltwaßer)

Herr Baginsky, Sie sind 2010 von der Eidgenössische Technischen Hochschule Zürich nach Halle gekommen. Welchen Ruf hatte das hallesche Institut für Biochemie zu dieser Zeit?
Baginsky: Ich bin Bochumer, aber war zehn Jahre in Zürich. Den Ruf nach Halle habe ich 2009 bekommen und habe 2010 hier angefangen. Halle ist generell bekannt für die Pflanzenforschung. Wenn ich zurückdenke, habe ich die Biochemie als Institut in Zürich gar nicht richtig wahrgenommen. Was international aber wahrgenommen wurde, waren die Pflanzenforschung und die Absolventen des Biochemie-Studiengangs. Denn einige meiner Kollegen in Zürich waren Absolventen des Biochemie-Studiums in Halle. Da habe ich gemerkt, dass die Ausbildung in Halle wirklich gut war.

Schellenberger: Wenn ich mir überlege, wie viele Professoren in Amerika und Deutschland aus Halle sind, dann können wir so schlecht nicht gewesen sein.

Baginsky: Das ist absolut richtig und das war auch das was man von Halle international wahrgenommen hat. Ich war ja in Berkeley an der University of California und dann bin ich nach Zürich gegangen. Da ist Halle erst einmal weit weg. Einer der Kollegen aus Berkeley hatte auch in Halle Biochemie studiert – also sind die Absolventen überall an den Top-Institutionen verteilt.

Herr Baginsky, wenn Sie Herrn Schellenberger zuhören, welche Aspekte von damals sind heute noch im Institut für Biochemie erhalten geblieben?
Baginsky: Mit der Berufung von Prof. Dr. Thomas Kiefhaber haben wir beispielsweise die Tradition beibehalten, Proteinfaltung zu untersuchen. Bei den faltungskinetischen Analysen – und das ist sicher noch ein Erbe von damals – wurden beide Standbeine, die reine Biochemie und der angewandte Aspekt von Anfang an bearbeitet. Außerdem spielt der Anwendungsaspekt immer noch eine große Rolle. Das zeigt sich auch in Ausgründungen. In dieser Form habe ich das in Zürich und Berkeley nicht so stark erfahren wie hier. Diese Anwendungsorientierung in der Forschung ist sicher immer noch ein Erbe der vergangenen Tage.

Herr Schellenberger, Sie haben den Großteil ihrer wissenschaftlichen Karriere zu DDR-Zeiten absolviert. Hatte das politische System Einfluss auf Ihre Forschung?
Schellenberger: Kaum. Wir mussten entscheiden, in welche Richtung wir wollen. Die Konzeptionen, die uns in der DDR vorgegeben wurden, waren wenig hilfreich. Man legte Wert darauf, dass wir neben reiner biochemischer auch biotechnologische Forschung betrieben. Ansonsten hatten wir keine großen Hindernisse.

Herr Baginsky, wie ist aus Ihrer Sicht der Einfluss der Politik heute auf Ihre Forschung?
Baginsky: Ich bin in einem System groß geworden, in dem Forschungsfreiheit über allem steht. Das ist auch heute so, und wir merken keinerlei Druck. Was vielleicht regulierend seitens der Politik wirkt, ist die Art und Weise, wie Gelder vergeben werden. Aber das passiert in einem System, wo man sich kompetitiv um Gelder bewirbt: Die besten Projekte gewinnen. Eine Richtung, in die etwas von der Politik vorgegeben wird, sind die Forschungsverbünde. Das passiert, um größere Schlagkräftigkeit zu bekommen.

Welche Themen und Projekte beschäftigen das Institut heute und in Zukunft?
Baginsky: Wir versuchen, Forschungsverbünde einzuwerben aus den genannten Gründen. Denn dahinein fließt viel Geld. Das sind Prestigeobjekte für jede Universität, sei es ein Sonderforschungsbereich oder eine Graduiertenschule. Und: Wir wollen die Pflanzenbiochemie und Proteinbiochemie noch enger miteinander verknüpfen.

Schellenberger: Das neue Proteinforschungszentrum dürfte dabei sehr stimulierend wirken.

Baginsky: In der Tat!

Herr Schellenberger, Sie haben die Entwicklung des Instituts seit dem Eintritt in Ihren Ruhestand weiterverfolgt.
Schellenberger: Ein wenig schon, aber ich bin inzwischen ja nicht mehr in Halle. Ich bin zufrieden mit der Arbeit, wie sie fortgeführt wurde. Ich bin öfter in Halle gewesen, auch im Institut und habe den Übergang zu den Enkeln miterlebt, die nun dort die Regie haben. Ich glaube, was die Ausbildung anbelangt, funktioniert alles. Es ist ja ein begeisterndes Fach, das unglaublich viele Einsatzmöglichkeiten mit sich bringt und immer mehr bringen wird.

Kontakt: Prof. Dr. Sacha Baginsky
Institut für Biochemie und Biotechnologie
Tel.: +49 345 55-25470
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