„Ende gut, alles gut“: Jörg Ulrich leitet ein letztes Mal einen Gottesdienst als Uni-Prediger

24.01.2023 von Katrin Löwe in Personalia
Seinen ersten Universitätsgottesdienst in Halle hat Kirchenhistoriker Prof. Dr. Jörg Ulrich in der Magdalenenkapelle der Moritzburg erlebt. Wenig später hat er selbst das Amt des Universitätspredigers übernommen - und einiges verändert. 20 Jahre ist das her. Am Dienstag, 31. Januar, tritt der Theologe zum letzten Mal in dieser Funktion auf.
Universitätsprediger Jörg Ulrich in der halleschen Laurentiuskirche, die in seiner Amtszeit die Heimstatt der Universitätsgottesdienste geworden ist.
Universitätsprediger Jörg Ulrich in der halleschen Laurentiuskirche, die in seiner Amtszeit die Heimstatt der Universitätsgottesdienste geworden ist. (Foto: Markus Scholz)

Von der Taufe bis zur Sterbebegleitung, vor Augen die ganze Gemeinde „in all ihrer Pracht und mit all ihren menschlichen Komplikationen“: Mit Worten wie diesen beschreibt Jörg Ulrich das Aufgabenspektrum, in dem sich ein Pfarrer bewegt. Pfarrer, das war auch sein Berufswunsch, als er 1981 sein Theologiestudium begann. Stattdessen allerdings hat es ihn in die Wissenschaft verschlagen. Er habe die Gelegenheit zur Promotion und dann auch zur Habilitation im Bereich Kirchengeschichte gehabt. Etwas, was Ulrich heute mit dem einfachen Satz resümiert: „So bin ich eben an der Uni geblieben.“ Der Vorteil der Wissenschaft liegt für ihn klar auf der Hand: die Gelegenheit, Dingen „so richtig auf den Grund zu gehen“. Aber auch den Berufswunsch Pfarrer habe er nie ganz aufgegeben, auch nicht in der Zeit als Assistent für Kirchengeschichte in Erlangen oder als Professor in Kiel.

Heute breitet der 62-Jährige vier Bücher aus dem halleschen Verlag von Janos Stekovics vor sich auf dem Tisch aus: Es sind seine Universitätspredigten aus den vergangenen 20 Jahren. Im April 2003, nur wenige Monate nach seinem Ruf an die Uni Halle, dem er im September 2002 gefolgt ist, hatte Ulrich das Amt des Universitätspredigers der MLU übernommen. „Das war für mich die Lösung eines Problems“, sagt er. Auf diesem Weg konnte er die wissenschaftliche Laufbahn doch noch mit der Tätigkeit eines Pfarrers – zumindest einem Teil davon – verbinden. Und: „Das habe ich mit großem Herzblut getan.“ Jetzt allerdings wird er das Amt in andere Hände übergeben. Im Herbst 2024 steht planmäßig Ulrichs Emeritierung an, das 20-jährige Jubiläum seines Amtsantrittes sei für ihn ein guter Zeitpunkt für den Wechsel. Selbst der Titel der Gottesdienstreihe für das Wintersemester 2022/2023 nimmt mit „Ende gut, alles gut“ darauf Bezug: Am Dienstag, 31. Januar, wird der Kirchenhistoriker auf dem Semesterabschlussgottesdienst in der halleschen Moritzkirche zum letzten Mal als Universitätsprediger auftreten. Ab dem Sommersemester übernimmt Prof. Dr. Friedemann Stengel.

An seine ersten Uni-Gottesdienste kann sich Ulrich noch gut erinnern, damals war er noch einfacher Besucher: Zehn bis 15 Menschen waren in die Magdalenenkapelle der Moritzburg gekommen. „Es war eiskalt, man konnte kaum singen“, sagt Ulrich. Und eigentlich hätte er niemandem empfehlen können, dort hinzugehen. Ulrich sagte zu, als der damalige Dekan der Theologischen Fakultät ihn fragte, ob er Lust habe, das Amt zu übernehmen. Er wurde gewählt, predigte im April 2003 zum ersten Mal beim Semestereröffnungsgottesdienst in der vollen Marktkirche. Seitdem hat er einiges verändert – allem voran den Standort. Heute ist die Laurentiuskirche in Halle die eigentliche Heimstatt der Uni-Gottesdienste, in Markt- und Moritzkirche werden die Semester-Reihen eröffnet beziehungsweise beendet, einmal im Jahr findet der Gottesdienst in der Wittenberger Schlosskirche statt. Auf Ulrich geht auch ein echter Zungenbrecher zurück, für dessen flüssige Aussprache man schon etwas üben muss, wie er mit einem Lächeln im Gesicht zugibt: die UGDVBG. Die Abkürzung steht für die Universitätsgottesdienstvorbereitungsgruppe, die auf sein Betreiben eingerichtet wurde. Sie besteht aus drei studentischen Hilfskräften, die jeweils ein eigenes Aufgabengebiet betreuen: die Küsterarbeit, die Öffentlichkeitsarbeit und die Organisation der Musik für die Gottesdienste. „Das hat sich bewährt“, sagt der Uniprediger.

„Das war für mich die Lösung eines Problems.“ - Prof. Dr. Jörg Ulrich

 

Zu dessen „Handschrift“ der vergangenen 20 Jahre gehörte auch, dass jede Gottesdienstreihe einen eigenen Titel hatte. 40 Themen für 40 Semester insgesamt, deren Gedanken jeweils die einzelnen Predigten folgten. Das Gute daran sei, dass damit auch oft Predigttexte genutzt wurden, die in den üblichen evangelischen Gottesdiensten eher nicht drankommen, sagt Ulrich. Gut 300 Predigttexte würden in der Regel in der evangelischen Kirche genutzt, „aber die Bibel ist viel, viel größer“. Heute haben die Gottesdienste in der Regel 50 bis 100 Besucher, sagt Ulrich – beim Semestereröffnungsgottesdienst deutlich mehr. Dabei falle nicht nur auf, dass es im Winter mehr sind als im Sommer, sondern auch, dass Besucher gezielt wegen der musikalischen Begleitung kommen oder einige Prediger eine Art „Fanclub“ haben, erzählt Ulrich. Er sei sehr dankbar, dass es nie wirklich ein Problem war, Prediger für die Gottesdienste zu finden – ob sie nun aus der Fakultät, den Kirchen im Land oder sogar aus anderen Fakultäten stammten. Ab und an standen auch Mediziner, Juristen oder ein Pharmazeut vor den Kirchgängern.

Wenn Ulrich heute zurückblickt, dann auch auf zahlreiche Höhepunkte in seiner Amtszeit. Die Gottesdienste in der Wittenberger Schlosskirche seien immer etwas Besonderes, sagt er, weil die „für einen evangelischen Theologen nicht irgendeine Kirche ist“. Darüber hinaus nennt Ulrich zum Beispiel den Eröffnungsgottesdienst für die Händelfestspiele 2006, die Predigt von Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff im Januar 2017 oder – aus traurigem Anlass – den Gottesdienst nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019. „Für mich persönlich war es auch immer ein Höhepunkt, wenn wir einen Studierenden getauft haben.“ Froh ist er, dass die Beschränkungen durch die Corona-Pandemie vorbei sind, in der sich die Unigottesdienste anfangs mit Videos, dann mit Besucherlimits behelfen mussten. Ein Gottesdienst ohne Gemeindeglieder sei noch schrecklicher als die Vorlesung ohne Studierende, „weil es da um existenzielle Fragen geht“.

Die Zeit nach dem Ehrenamt wird Jörg Ulrich nicht langweilig werden. Ohne, dass er es bereue, gebe es doch einige Dinge, die in den 20 Jahren mit Professorenjob und Unigottesdiensten zu kurz gekommen sind, sagt er. Er werde sich jetzt wieder verstärkt seinen Hobbys widmen können, dem Golf- und dem Schachspiel oder dem Wandern zum Beispiel.

Der Abschiedsgottesdienst des Universitätspredigers:
Dienstag, 31. Januar 2023, 18 Uhr
Moritzkirche, An der Moritzkirche 8, 06108 Halle
Predigt: Prof. Dr. Jörg Ulrich
Musikalische Begleitung: Konzertchor der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik unter Leitung von Prof. Peter Kopp, Prof. Wolfgang Kupke an der Orgel

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Kommentare

  • Dr. Anna Usacheva am 28.01.2023 08:43

    I know professor Jörg Ulrich since 2017 and he has always been a great help, both professionally and personally. He is just such an amazingly generous and sparkly positive person that simply being near him makes you inspired, energised and enthusiastic about research, history, art, and simply about the life around. I was always astonished by his ability to simultaneously run not only successful academic projects but also editorial, administrative, and parish work and on the top of all this, he would maintain his normal level of bursting energy, as if all these achievements are mere trifles. I'm tremendously glad and honoured to know him and to collaborate with him.