Die Ethik-Wächter der Universität

16.11.2020 von Tom Leonhardt in Wissenschaft
Egal, ob es um den Einsatz von Drohnen, die Erforschung menschlichen Verhaltens oder Umfragen geht: Jedes Forschungsgebiet hat eine ethische Dimension. An der MLU hat im Sommer 2019 die Kommission für ethische Fragen der Wissenschaft ihre Arbeit aufgenommen. Der Jurist Prof. Dr. Winfried Kluth hat ihre Gründung maßgeblich vorangetrieben. Im Interview spricht er über die Hintergründe.
Winfried Kluth hat die Gründung der Kommission maßgeblich vorangetrieben.
Winfried Kluth hat die Gründung der Kommission maßgeblich vorangetrieben. (Foto: Maike Glöckner)

Welche Aufgabe hat die Kommission?
Winfried Kluth: Sie soll Forscherinnen und Forscher bei der Vorbereitung und Durchführung ihrer Forschungsvorhaben unterstützen, wenn sich im Zusammenhang damit ethische Fragestellungen ergeben. Mittlerweile sind die meisten recht gut dafür sensibilisiert, dass ihre Forschung nicht in einem ethikfreien Raum geschieht und dass man Verantwortung gegenüber den Personen hat, die von der Forschung betroffen sind – sowohl bei Experimenten als auch im Hinblick auf die Ergebnisse und deren mögliche Verwertung.

Das können zum Beispiel Fragen zum Datenschutz aus ethischer Perspektive sein oder allgemein die Frage, ob eine geplante Umfrage ethischen Anforderungen gerecht wird, wenn es um Grenzbereiche geht. Natürlich geht es auch um allgemeine ethische Überlegungen, wenn etwa Forschungsergebnisse auch im Sinne des „Dual Use“ nicht nur für „gute“, sondern auch „schlechte“ Zwecke genutzt werden könnten, also beispielsweise für kriegerische Zwecke.

Es geht also immer um Beratung?
Die Kommission hat zwei Dienstleistungsfunktionen: Einerseits berät sie und unterstützt bei der Reflexion. Andererseits beurteilt sie die vorgelegten Vorhaben.

Was meinen Sie damit?
Mittlerweile ist es häufig der Fall, dass das Votum einer Ethikkommission vorausgesetzt wird, wenn Sie Drittmittel beantragen oder Ihre Forschung in einem bestimmten Journal publizieren wollen. Ich kann das an einem Beispiel verdeutlichen: Ich selbst bin an einem EU-Projekt beteiligt, das sich mit den rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen für Migration und dem Konzept der Schutzbedürftigkeit befasst. Die EU verlangt, dass es von der eigenen Institution hierzu das Votum einer Ethikkommission gibt. Also habe ich selbst einen Antrag gestellt, um dieses Votum zu erhalten.

Heißt das am Ende, dass die Kommission über die Durchführung von Forschungsprojekten entscheidet?
Nein, die ethische Verantwortung bleibt bei dem Individuum. Die Kommission spricht keine Verbote aus, sondern gibt nur eine Beurteilung ab und berät diejenigen, die Zweifel haben.

Berät sie Forscherinnen und Forscher aus allen Disziplinen?
Ja, natürlich. Die Ethik-Debatte war vor einigen Jahrzehnten noch stark auf die Naturwissenschaften fokussiert. Heute sehen wir aber, dass sie auch und gerade für sozialwissenschaftliche Forschung sehr relevant ist, wenn es um sehr sensible Daten geht. Es betrifft aber zum Beispiel auch die Germanistik, wenn es um die Forschung zu den Folgen von einzelnen Formulierungen geht. Als einzelne Person hat man gar nicht genug Vorstellungskraft dafür, was mit den Forschungsergebnissen passieren kann. Hier kann eine Kommission hilfreich sein, die aus verschiedenen Blickwinkeln auf das Thema schaut.

Mit welchen Themen befasst sich die Kommission weiterhin?
Sie hat damit begonnen, ethische Standards für einzelne Fächer zu sammeln. Diese Dokumentation soll einzelnen Forscherinnen und Forschern eine konkrete Orientierung auf einer soliden Grundlage ermöglichen. Eine weitere Aufgabe ist es, die Thematik innerhalb der Universität allen noch mehr ins Bewusstsein zu rufen. Dafür ist pro Jahr mindestens eine universitätsöffentliche Veranstaltung zu dem Themenfeld geplant.

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Wissenschaft

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