„Daten müssen erzählt werden“

07.07.2020 von Tom Leonhardt in Varia, Wissenschaft
Sein Arbeitgeber ist eines der renommiertesten Wissenschaftsjournale der Welt: Dr. Philip Lössl arbeitet als Senior Editor für „Nature Communications“. Dort ist er zuständig für Forschungsarbeiten aus dem Bereich der Biochemie. Als Editor begleitet er zum Beispiel den Prozess von der Einreichung eines Manuskripts bis zur finalen Publikation. Den Grundstein für seine Karriere hat er an der Uni Halle gelegt.
Philip Lössl ist Teil des Editoren-Teams von „Nature Communications“, das zu Springer Nature gehört.
Philip Lössl ist Teil des Editoren-Teams von „Nature Communications“, das zu Springer Nature gehört. (Foto: Bernd Wannenmacher)

Täglich landen zahlreiche Manuskripte für wissenschaftliche Studien im Postfach von Philip Lössl. Arbeiten von Forscherinnen und Forschern aus aller Welt, die ihre Ergebnisse in „Nature Communications“ veröffentlichen möchten. Das Fachblatt gehört zu den renommiertesten Wissenschaftsjournalen der Welt. Die Themen reichen von Biologie, Chemie und Physik bis hin zu Medizin und Geowissenschaften. „In meinen ersten Wochen als Editor zeigte ein Kollege mir  ein Manuskript, in dem die Forscher einen Algorithmus vorgestellt haben, der vorhersagen sollte, in welchem Journal man als Wissenschaftler sein Paper am besten einreichen sollte“, erinnert er sich. Funktioniert hat er für die eigene Arbeit offenbar nicht besonders gut: „Wir haben das Thema dann abgelehnt.“ An die Namen der Autoren kann und will er sich nicht mehr erinnern. „Nur wegen einer Ablehnung sollen niemandem für spätere Einreichungen Nachteile entstehen.“

Lössl ist einer von rund 100 Editoren bei „Nature Communications“. Ihr Job ist es, die besten Manuskripte auszuwählen und gemeinsam mit den Forschenden für die Publikation vorzubereiten. Dazu gehört auch das Peer-Review-Verfahren, ein Begutachtungsprozess, bei dem das Manuskript von unabhängigen Forscherinnen und Forschern gelesen und bewertet wird. Letztlich entscheiden die Kolleginnen und Kollegen: Genügt die Arbeit den wissenschaftlichen Standards, ist sie nachvollziehbar und ist sie bedeutend genug, um in dem Journal zu erscheinen? Über 230 wissenschaftliche Arbeiten hat Lössl bisher bis zur Veröffentlichung betreut. Das sind etwa 70 pro Jahr – mehr als eine pro Woche. Nicht eingerechnet sind dabei die Studien, die er zwar gelesen hat, die dann aber aus verschiedenen Gründen nicht veröffentlicht wurden. „Der Großteil meiner Arbeit besteht aus Lesen und Kommunizieren.“

Dass der gebürtige Thüringer einmal für Springer Nature, einen der weltweit führenden Wissenschaftsverlage arbeiten würde, ist nur auf den ersten Blick ein Zufall. Als Abiturient las er Studienführer, um sich über verschiedene Unis und ihre Angebote zu informieren: „Ich wollte Biochemie oder Biophysik studieren, weil mich fasziniert, wie sich biologische Prozesse auf Chemie zurückführen lassen.“ Die lange Tradition der Biochemie an der MLU und die Tatsache, dass sie in Halle ein eigenständiges Fach ist, gaben dann den Ausschlag für seine Entscheidung. Eine, die er bis heute nicht bereut hat: „Ich habe mich immer wohl gefühlt in Halle und tolle Freunde gefunden.“ Und das, obwohl sein Studium ein Experiment gewesen sei, wie er sagt: Immerhin gehörte er 2007 zu den Ersten, die nicht mehr auf Diplom, sondern auf Bachelor studierten. „Das war für alle etwas chaotisch und verwaltungsintensiv, aber es hat funktioniert.“ Besonders gut erinnert er sich heute noch an den Austausch mit seinen Dozentinnen und Dozenten, sagt der 32-Jährige: etwa, wenn es um Themen für Abschlussarbeiten ging oder die Frage, ob er nach dem Bachelorstudium die Uni wechseln sollte. „Die Türen standen immer offen.“

„Ich mache die Arbeit im Labor gerne, aber sie fehlt mir nicht unbedingt“

Philip Lössl hat in Halle Biochemie studiert.
Philip Lössl hat in Halle Biochemie studiert. (Foto: Bernd Wannenmacher)

Seine Bachelorarbeit schrieb er in der Arbeitsgruppe von Biochemiker Prof. Dr. Frank Bordusa. „Während meines Masterstudiums hat mich dann besonders die Massenspektrometrie fasziniert“, erzählt Lössl. Wie es der Zufall wollte, kannte er einen wissenschaftlichen Mitarbeiter von Prof. Dr. Andrea Sinz, einer international renommierten Expertin für die Protein-Massenspektrometrie, die auch 2007 an die MLU berufen wurde. Ein Jahr arbeitete Lössl dann als Masterstudent in Sinz‘ Labor und absolvierte zudem Auslandsaufenthalte in Schweden und den USA – jeweils bei führenden Forschern auf dem Gebiet der Protein-Strukturbiologie. Seine Abschlussarbeit mündete sogar in seiner ersten größeren Publikation.

Nach sechs Jahren und zwei Abschlüssen war für Lössl klar: Es soll weiter mit der Forschung gehen, aber nicht in Halle. Lössl wechselte als Doktorand an die Universität Utrecht in den Niederlanden und forschte für knapp vier Jahre zu unterschiedlichen Proteinen und deren Struktur – die Methode blieb dabei immer die gleiche: die Massenspektrometrie. Während dieser Zeit war er an mehreren Publikationen in namhaften Journalen, wie „PNAS“, „Science“ und auch „Nature Communications“ beteiligt. „Mich hat schon immer interessiert, wie aus Daten wissenschaftliche Paper werden“, so Lössl. „Forschungsdaten müssen so erzählt werden, dass andere sie verstehen können und für interessant halten.“

Der Wechsel von der aktiven Wissenschaft zu einem Journal hat sich bei ihm in der letzten Phase seiner Zeit in Utrecht schon angedeutet. Aufgrund eines Sportunfalls musste Lössl mehrere Monate lang vor allem am Schreibtisch arbeiten: „In der Zeit habe ich viele Paper geschrieben, Abbildungen entwickelt, an Anträgen für Drittmittel mitgewirkt und Reviewprozesse begleitet“, erinnert er sich. Quasi die Arbeit eines Editors. Am Ende seiner Zwangspause stand für ihn fest: „Ich mache die Arbeit im Labor gerne, aber sie fehlt mir nicht unbedingt.“ Deshalb bewarb er sich nach seiner Promotion im Frühjahr 2017 auf verschiedene Stellen als Editor – und begann Mitte des Jahres schließlich bei „Nature Communications“. Dort suchte man einen neuen Mitarbeiter mit einem Fokus auf Proteinforschung, Strukturbiologie und Massenspektrometrie.

Täglich neue Forschungsarbeiten

„An meinem ersten Tag hatte ich mehrere Manuskripte in meinem Postfach, die ich bewerten sollte“, erinnert er sich. Den Prozess dafür kannte er schon – allerdings von der anderen Seite: als Forscher. Die Redakteure bei wissenschaftlichen Journalen müssen Studien sichten, bewerten und für andere zusammenfassen. Ausgeschlossen ist übrigens, dass ein Editor eine Studie von früheren Laborkolleginnen und -kollegen betreut. Hier übernimmt immer ein anderer Editor mit vergleichbarem wissenschaftlichen Hintergrund. Zu den Aufgaben gehört es auch, Forscherinnen und Forscher für das Peer Review zu gewinnen und den Prozess als Vermittler zu begleiten. Dabei verläuft nicht jedes Peer Review so harmonisch, sagt er. Mal gebe es unbegründet überkritische Gutachter oder Autoren, die sich jeder Kritik verschließen. Dann kochen auch schnell die Gefühle hoch. „Das Problem kennen wir Editoren alle selbst – wir haben früher schließlich auch publiziert“, so Lössl. Als Editor müsse man verständnisvoll sein. Den Autoren empfiehlt er, auf besonders harsche Kritik nicht aus der Emotion heraus zu antworten, sondern sich Zeit zu nehmen. „Das beste Argument sind immer Fakten. Editoren und Gutachter haben meist Verständnis dafür, dass einige Kritikpunkte nicht aufzulösen sind. Sie haben jedoch auch ein feines Gespür für konstruierte Antworten, warum bestimmte Experimente nicht gemacht wurden. Die Folge ist oft, dass der Begutachtungsprozess sehr lange dauert und am Ende niemand zufrieden ist“, so Lössl.

Den häufig beschriebenen Qualitätsverlust bei wissenschaftlichen Studien habe er in seinen drei Jahren bei „Nature Communications“ nicht feststellen können, sagt Lössl. Es gebe aber sehr wohl mehr Einreichungen. „Und alle wollen – verständlicherweise – schnelle Entscheidungen zu ihren Arbeiten haben. Als Editor ist es das Wichtigste, priorisieren zu können und auch damit leben zu können, dass man nicht jeden Tag alles schaffen und nicht jeden zufriedenstellen kann. Gerade am Anfang ist das gar nicht so einfach.“ Für Lössl überwiegt aber die Freude an den Interaktionen mit Forschern und Gutachtern und daran, jeden Tag brandneue, unveröffentlichte Forschungsergebnisse zu sehen. „Für mich ist die Arbeit zufriedenstellend, wenn ein gutes Paper durch den intensiven Reviewprozess noch besser wird“, sagt er. Damit meint er nicht eine gewisse Anzahl von Zitationen oder die mediale Aufmerksamkeit, die eine Studie erhält. Lössl berichtet stattdessen von einer Konferenz, auf der er eine Autorin traf, deren Studie er gleich zu Beginn seiner Arbeit bei „Nature Communications“ betreute. Sie berichtete ihm, dass einer der Gutachter vor der Veröffentlichung der Studie noch eine Reihe von Experimenten nachforderte – eigentlich ein Grund zum Stöhnen für Forscher, weil es in der Regel viel Arbeit und Zeit kostet. Aber sie erzählte Lössl, dass sie anhand der Experimente ganz neue biologische Erkenntnisse gewonnen hat, die sie ohne die Kommentare des Gutachters nie herausgefunden hätte. „Das freut mich als Editor sehr, denn ich hatte bewusst diesen Gutachter ausgewählt.“

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