Auf Umwegen zum Ziel

15.05.2018 von Ines Godazgar in Personalia
Archäologe wollte er immer schon werden. Und obwohl der Weg zu diesem Berufsziel steinig war, hat Prof. Dr. Stefan Lehmann es dennoch geschafft. Das liegt auch daran, dass er ein politischer Mensch ist. Ein Querdenker, der immer bereit ist, etwas zu riskieren. Seine akademische Laufbahn verlief so ungewöhnlich wie sein Lebensweg. Beides ist untrennbar mit der Geschichte der deutschen Teilung verbunden. Im August geht er in den Ruhestand.
Die archäologische Sammlung liegt ihm am Herzen: Stefan Lehmann im Archäologischen Museum des Robertinums.
Die archäologische Sammlung liegt ihm am Herzen: Stefan Lehmann im Archäologischen Museum des Robertinums. (Foto: Michael Deutsch)

Die Dinge einfach so hinnehmen? Das war noch nie Stefan Lehmanns Sache. Geboren 1951 im Örtchen Caputh bei Potsdam, interessierte er sich schon seit seiner Schulzeit für das Altertum. Was lag da näher, als sich später am Berliner Pergamon-Museum um eine Stelle zu bewerben? Als man ihn bei der Personalabteilung ablehnte, sprach er kurzerhand einfach persönlich beim Generaldirektor der Staatlichen Museen vor. Die vermeintliche Ungeheuerlichkeit zahlte sich aus; er bekam die Stelle schließlich doch. Damit war für ihn der Weg in die Archäologie eröffnet. Konnte er sich nun doch um einen der raren Studienplätze an der Berliner Humboldt-Universität bewerben. Er bekam tatsächlich die Zulassung, wirklich froh wurde er damit aber nicht. „Dort wurde der ‚Kulturkader‘ der SED ausgebildet; das war nichts für mich“, sagt Lehmann, der zu seinen prägenden Jugenderlebnissen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ im Sommer des Jahres 1968 zählt.

1977 stellte er einen Ausreiseantrag aus der DDR. Es folgten der Rausschmiss aus der Universität, vertrödelte Wartezeit als Putzhilfe und schließlich die Inhaftierung. Kurz zuvor hatte er bereits Kontakt zu seinem späteren Doktorvater im Westen geknüpft. Denn Archäologe wollte Stefan Lehmann immer noch werden. Noch vor seiner Verhaftung erreichte ihn die Zusage des Bonner Archäologieprofessors Nikolaus Himmelmann, dass er bei ihm studieren könne. Durch einen Kassiber, den Lehmann aus dem Zuchthaus in Brandenburg schmuggelte, ließ er seinen späteren Dozenten wissen, dass sich seine Ankunft in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn freilich noch etwas verzögern würde.

Erst 1979 wurde er von der Bundesregierung freigekauft. „Bei meiner Ausreise kurz vor Weihnachten hatte ich lediglich eine Plastiktüte mit der Ausbürgerungsurkunde und einer Identitätskarte bei mir“, erinnert er sich. Sein Anlaufpunkt in der neuen Welt war seine heutige Ehefrau, die Lehmann noch in Ostberlin kennengelernt hatte und die bereits vor ihm ausgereist war. In der Folgezeit studierte er in Bonn, wo er 1987 mit 35 Jahren promoviert wurde. Damals begann er auch, sich in der SPD zu engagieren; sein politischer Mentor wurde der damalige Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung, Franklin Schultheiß, wie Lehmann ein ehemaliger DDR-Häftling.

Später war Lehmann Kurator der Ausstellung „Antike Porträts aus Jugoslawien“ in Frankfurt am Main sowie Mitarbeiter am Akademischen Kunstmuseum in Bonn. Es folgten universitäre Stationen in Heidelberg, London, Erlangen und Münster, bis er sich 2000 an der MLU habilitierte und dort 2009 zum außerplanmäßigen Professor ernannt wurde. Hier gelang es ihm auch, eine übergreifende Zusammenarbeit mit den Kunsthistorikern zu etablieren. Ein Höhepunkt ist für ihn eine gemeinsam mit Prof. Dr. Olaf Peters und ­Dr­. ­Elisa Tamaschke kuratierte Ausstellung unter dem Titel „Ideale. Moderne Kunst nach Winckelmanns Antike“, die kürzlich anlässlich der Winckelmann-Jubiläen in der Moritzburg eröffnet wurde. Als Experte für die Antikenrezeption machte Lehmann vor allem im Jahr 2009 von sich reden, als er eine angeblich antike Bronzefigur Alexanders des Großen als moderne Fälschung identifizierte. – Ein Vorgang, der in der Fachwelt ein mittleres Erdbeben auslöste.

Darüber hinaus leitet er das Archäologische Museum der MLU. „Zugute kam mir hier, dass ich die Museumsarbeit von der Pike auf gelernt habe“, sagt er. Die hiesige Sammlung liegt ihm besonders am Herzen. „Sie besteht seit 1841, ist eine der ältesten der MLU und eine herausragende und international bekannte universitäre Antikensammlung.“ Hier brachte er in mehr als einem Dutzend Sonderausstellungen dem Publikum die Facetten antiker Kunst und Kultur näher.
Seine Abschiedsausstellung über den Weingott Bacchus wird am 24. August auf Schloss Neuenburg in Freyburg im Burgenlandkreis eröffnet. Sie wird zusammen mit dem dortigen Museum realisiert, wobei auch 15 Studierende an der Planung, Konzeption und Realisierung mitarbeiten. Das entspricht Lehmanns Anliegen, „dass die Studierenden dabei durch eigene Mitarbeit erlernen, wie eine Ausstellung entsteht“.

Und der Ruhestand? Der wird vorerst wohl eher ein Unruhestand bleiben. Denn Lehmann arbeitet derzeit an einem Buch zum antiken Olympia, wo er seit 1996 in Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut die Spätgeschichte des Zeus-Heiligtums erforscht. Seine bisherige Wirkungsstätte in Halle aber wird er im September verlassen und wieder vollständig bei seiner Familie in Köln wohnen. „Das Rheinland ist mir zur zweiten Heimat geworden, doch Halle werde ich sehr vermissen.“

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